SIEGFRIED
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Wiener Staatsoper
30. Mai 2026

Dirigent: Pablo Heras-Casado

Siegfried - Andreas Schager
Wanderer - Michael Volle
Brünnhilde - Camilla Nylund

Mime -
Gerhard Siegel
Alberich - Georg Nigl
Erda -
Wiebke Lehmkuhl
Fafner -
Matheus França
Waldvogel -
Florina Ilie


Olympischer Siegfried
(Dominik Troger)

Siegfried – und noch drei Ausrufezeichen dahinter: Andreas Schager gibt seine Paraderolle wieder an der Staatsoper. Naiv-juvenile Komödiantik paart sich mit schier unerschöpflichen tenoralen Kraftreserven, wenn der Sänger von Mimes Schmiede bis zum Brünnhildenfelsen marschiert und so „nebenbei“ noch einen Riesenwurm aus der Welt schafft.

Die Kombination ist ideal und das Besondere ist nicht nur das helle Metall seines nie ermüdenden Tenors, das dem kraftstrotzenden Siegfried-Jüngling stimmliche Durchschlagskraft verleiht, sondern der Überschuss (!) an Kräften, der diesen Siegfried auch im Liebesjubel des Finales mit einem Enthusiasmus tönen lässt, als wäre das alles die einfachste und herrlichste Sache der Welt.

Dazu gesellt sich noch eine Portion Humor, mit der sich Andreas Schager einige darstellerische Freiheiten nimmt und dem hehrsten Helden kindlichen Schalk mit auf dem Weg gibt, etwa wenn er das Waldvögelein mit Brotkrumen lockt oder wenn er mit lautstarker Interjektion pubertär seine Abneigung gegenüber Mime zeigt. Schagers Siegfried fühlt sich wohl in seiner Adoleszenz, aus der sich der Held wie von selbst gebiert, und als Publikum muss man keine Umwege denken, sondern kann diesen Kerl ganz einfach so nehmen wie er ist.

Ein gewisses stimmliches Risiko ist dabei einkalkuliert, und Schager federt geschickt kleinere Schnitzer ab oder überspielt sie, so wie wenn sich Siegfried beim Flötenbasteln ein bisschen den Finger geritzt hätte – was für einen Drachtentöter natürlich gar nichts ist. Und wenn es darauf ankommt, kann Schager auch die Stimme zurücknehmen und die nachdenkliche Seite dieses Naturburschen zeigen.

Für Siegfrieds erotisches Erweckungserlebnis am Walkürenfelsen sorgte Camilla Nylund als Brünnhilde. Mit dem gesanglich kraftstrotzenden Siegfried konnte sie nicht mithalten, sie bot zwar sichere Spitzentöne, aber eine unstete, zu schmal wirkende Mittellage, und schien dieses Mal mehr Mühe mit der Brünnhilde zu haben als in der „Walküre“.

Gerhard Siegels gut getroffener Mime war im Ausdruck differenziert, stimmlich etwas zurückhaltend und krafteinteilend, mehr auf eine leicht grelle, fast ein wenig karikaturhafte Pointe berechnet. Die Hilflosigkeit dieses Mime war gut herauszuspüren: ein selbstverliebter, fieser Kerl mit ziemlich begrenztem Horizont, dessen Scheitern vorprogrammiert ist.  Bei solcher Veranlagung ist es keine Überraschung, dass Mime bei der Wissenswette die falschen Fragen stellt – und dass er Siegfried schwer auf die Nerven geht. Er passte gut zu Schagers Siegfried, auch wenn er ihn nicht wirklich herausgefordert hat.

In der Gestalt des Wanderers von Michael Volle hat Mime das Auge Wotans in seine Höhle hereingeleuchtet. Volle gab die Partie vor allem im ersten Aufzug leicht ironisch gefärbt und ausreichend kraftvoll: Das Wandern hat dem Gott nach der eher resignativ angehauchten „Walküre“ hörbar gut getan. Volles Wiener Wotan-Debüt ist leider an Jahren etwas spät erfolgt, auch wenn man die noble Grandezza seiner Stimme immer noch heraushören kann.

Georg Nigl bot einen baritonal hellen, nicht wirklich durchsetzungsstarken, im zwergischen Ausdruck fast schon verspielt wirkenden Alberich, der mehr die Verwandtschaft mit Mime zu betonen schien, als den ehemaligen Herrscher über die Nibelungen. Nicht nur das Machtgefälle gegenüber Mime war mir zu gering, auch das Auftreten gegenüber Wotan war zu wenig auf Augenhöhe. Wiebke Lehmkuhls solider Erda hätte mehr mythisch unterfütterte Tiefe gut angestanden. Matheus França ergänzte mit etwas „wolkigem“ Bass als Fafner. Der Waldvogel von Florina Ilie lockte recht zart und flackrig, aber Siegfried hat trotzdem den Weg zu Brünnhilde gefunden.

Mit dem Dirigat von Pablo Heras-Casado konnte ich mich nicht anfreunden. Er ist kein „Stimmungsmaler“, schon die düster-bedrohliche musikalische Präsenz Fafners im Vorspiel zum ersten Aufzug fiel sehr blass aus. Es scheint am Gespür oder am Willen zu mangeln, die einzelnen Motive in ihren emotionalen Nuancen auszukosten – und Lautstärke ersetzt einen kontinuierlichen Spannungsaufbau. So machte sich eine gewisse Lieblosigkeit breit, die man vielleicht auch als „historische Distanz“ bezeichnen könnte, die die kritiklose  Unnahbarkeit musikalischer Verführung scheut.

Der erste Aufzug „Siegfried“ ist Sven-Eric Bechtolf eigentlich recht gut gelungen (Premiere war 2008), der dritte Aufzug schwächelt hingegen ziemlich. Aber Bechtolf hat den „Ring“ mehr als lockerere
Plauderei erzählt, und den Ausführenden bleibt genug Freiraum, um sich in Wagners Geschichte ohne grobe szenische Irritationen zurechtzufinden.

Der Schlussbeifall des begeisterten Publikums war nicht nur für Schager (wenn auch für ihn ganz besonders) eine Ovation und hielt um die zehn Minuten lang an.