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„Olympischer Siegfried“
(Dominik Troger)
Siegfried
– und noch drei Ausrufezeichen dahinter: Andreas Schager gibt seine
Paraderolle wieder an der Staatsoper. Naiv-juvenile Komödiantik paart
sich mit schier unerschöpflichen tenoralen Kraftreserven, wenn der
Sänger von Mimes Schmiede bis zum Brünnhildenfelsen marschiert und so
„nebenbei“ noch einen Riesenwurm aus der Welt schafft.
Die
Kombination ist ideal und das Besondere ist nicht nur das helle Metall
seines nie ermüdenden Tenors, das dem kraftstrotzenden
Siegfried-Jüngling stimmliche Durchschlagskraft verleiht, sondern der
Überschuss (!) an Kräften, der diesen Siegfried auch im Liebesjubel des
Finales mit einem Enthusiasmus tönen lässt, als wäre das alles die
einfachste und herrlichste Sache der Welt.
Dazu gesellt sich noch eine Portion Humor, mit der sich Andreas Schager
einige darstellerische Freiheiten nimmt und dem hehrsten Helden
kindlichen Schalk mit auf dem Weg gibt, etwa wenn er das Waldvögelein
mit Brotkrumen lockt oder wenn er mit lautstarker Interjektion pubertär
seine Abneigung gegenüber Mime zeigt. Schagers Siegfried fühlt sich
wohl in seiner Adoleszenz, aus der sich der Held wie von selbst
gebiert, und als Publikum muss man keine Umwege denken, sondern kann
diesen Kerl ganz einfach so nehmen wie er ist.
Ein gewisses stimmliches Risiko ist dabei einkalkuliert, und Schager
federt geschickt kleinere Schnitzer ab oder überspielt sie, so wie wenn
sich Siegfried beim Flötenbasteln ein bisschen den Finger geritzt hätte
– was für einen Drachtentöter natürlich gar nichts ist. Und wenn es
darauf ankommt, kann Schager auch die Stimme zurücknehmen und die
nachdenkliche Seite dieses Naturburschen zeigen.
Für Siegfrieds erotisches Erweckungserlebnis am Walkürenfelsen sorgte Camilla Nylund
als Brünnhilde. Mit dem gesanglich kraftstrotzenden Siegfried konnte
sie nicht mithalten, sie bot zwar sichere Spitzentöne, aber eine
unstete, zu schmal wirkende Mittellage, und schien dieses Mal mehr Mühe
mit der Brünnhilde zu haben als in der „Walküre“.
Gerhard Siegels gut
getroffener Mime war im Ausdruck differenziert, stimmlich etwas
zurückhaltend und krafteinteilend, mehr auf eine leicht grelle, fast
ein wenig karikaturhafte Pointe berechnet. Die Hilflosigkeit dieses
Mime war gut herauszuspüren: ein selbstverliebter, fieser Kerl mit
ziemlich begrenztem Horizont, dessen Scheitern vorprogrammiert
ist. Bei solcher Veranlagung ist es keine Überraschung, dass Mime
bei der Wissenswette die falschen Fragen stellt – und dass er Siegfried
schwer auf die Nerven geht. Er passte gut zu Schagers Siegfried, auch
wenn er ihn nicht wirklich herausgefordert hat.
In der Gestalt des Wanderers von Michael Volle
hat Mime das Auge Wotans in seine Höhle hereingeleuchtet. Volle gab die
Partie vor allem im ersten Aufzug leicht ironisch gefärbt und
ausreichend kraftvoll: Das Wandern hat dem Gott nach der eher
resignativ angehauchten „Walküre“ hörbar gut getan. Volles Wiener
Wotan-Debüt ist leider an Jahren etwas spät erfolgt, auch wenn man die
noble Grandezza seiner Stimme immer noch heraushören kann.
Georg Nigl bot einen
baritonal hellen, nicht wirklich durchsetzungsstarken, im zwergischen
Ausdruck fast schon verspielt wirkenden Alberich, der mehr die
Verwandtschaft mit Mime zu betonen schien, als den ehemaligen Herrscher
über die Nibelungen. Nicht nur das Machtgefälle gegenüber Mime war mir
zu gering, auch das Auftreten gegenüber Wotan war zu wenig auf
Augenhöhe. Wiebke Lehmkuhls solider Erda hätte mehr mythisch unterfütterte Tiefe gut angestanden. Matheus França ergänzte mit etwas „wolkigem“ Bass als Fafner. Der Waldvogel von Florina Ilie lockte recht zart und flackrig, aber Siegfried hat trotzdem den Weg zu Brünnhilde gefunden.
Mit dem Dirigat von Pablo Heras-Casado
konnte ich mich nicht anfreunden. Er ist kein „Stimmungsmaler“, schon
die düster-bedrohliche musikalische Präsenz Fafners im Vorspiel zum
ersten Aufzug fiel sehr blass aus. Es scheint am Gespür oder am Willen
zu mangeln, die einzelnen Motive in ihren emotionalen Nuancen
auszukosten – und Lautstärke ersetzt einen kontinuierlichen
Spannungsaufbau. So machte sich eine gewisse Lieblosigkeit breit, die
man vielleicht auch als „historische Distanz“ bezeichnen könnte, die
die kritiklose Unnahbarkeit musikalischer Verführung scheut.
Der erste Aufzug „Siegfried“ ist Sven-Eric Bechtolf eigentlich recht
gut gelungen (Premiere war 2008), der dritte Aufzug schwächelt hingegen
ziemlich. Aber Bechtolf hat den „Ring“ mehr als lockerere
„Plauderei“ erzählt, und den Ausführenden bleibt genug Freiraum, um sich
in Wagners Geschichte ohne grobe szenische Irritationen zurechtzufinden.
Der Schlussbeifall des begeisterten Publikums war nicht nur für Schager
(wenn auch für ihn ganz besonders) eine Ovation und hielt um die zehn
Minuten lang an.
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