RHEINGOLD
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Wiener Staatsoper
1.4.2002

Dirigent: Donald Runnicles

Wotan - James Morris
Donner - Geert Smits
Froh - Kurt Schreibmayer
Loge - Siegfried Jerusalem
Fasolt - Janusz Monarcha
Fafner
- Walter Fink
Alberich - Oleg Bryjak
Mime - Heinz Zednik
Fricka - Margarete Hintermeier
Freia - Ricarda Merbeth
Erda - Marjana Lipovseks
Woglinde - Ileana Tonca
Wellgunde - Cornelia Salje
Flo▀hilde - Svetlana Serdar


Kein Aprilscherz
(Dominik Troger)

Der Schluss war gewaltig, strömte aus der Mitte und massierte den Solarplexus. Donald Runnicles hatte das wiedermal hingezaubert und so machte dieser "Vorabend" wirklich Lust auf mehr - allerdings vor allem, was das Orchester betrifft.

Schon das Vorspiel, mit dem vom Bläserklang umwogten Auf- und Abglimmen der Streicher, die darin geborgen lagen wie das Rheingold, karfunkelnd von dunkler Wassertiefe umflossen, hätte einen tief in seinen Bann gezogen, wenn nicht eines dieser lästigen Mobiltelefone raumdurchschneidend die eigene Abschaltung eingefordert hätte. Das Publikum musste sich auch erst mal Aushusten, um sich dann aus dem schönen frühlingshaften Ostermontag in Rheinesdüsternis zu begeben. (Pointierter Weise meldete sich das Handy wenig später erneut - Alberich hatte bereits die Bühne erklommen. Und in so manchem grimmigen Blicke funkelte Lynchjustiz auf...)

Alberich hatte sich also bereits aus Nibelheims Schlüften in den Rhein vorgearbeitet und präsentierte sich in Form von Oleg Bryak in ausgezeichneter stimmlicher Verfassung. Die desolate Regie des ersten Bildes, mit trampolinhüpfenden Rheintöchtern, bekleidet mit einer Art von Glitzernegligés, lässt Alberichs geiferndes, liebesdürstendes Bemühen leider immer ein wenig dümmlich erscheinen. Doch nur ein wenig mehr schwarze Dämonie in Stimme und Spiel gelegt und alle "Alberich-Wünsche" wären zufriedengestellt gewesen. (Aber mir fällt gerade ein, das habe ich letztes Mal so ähnlich auch über Bryak geschrieben - vor ziemlich genau zwei Jahren.) Das ganze erste Bild über gelang es Runnicles, das Orchester sehr pointiert zum Kommentator des Geschehens zu machen, das nicht nur Alberichs Auftreten schon tolpatschig ankündigt, sondern das auch die "Liebes-Neckereien", der stimmlich durchaus entsprechenden Rheintöchter, ironisch akzentuiert.

So macht das Zuhören natürlich Spass, weil nicht alles im Rhein verwässert, sondern weil sich die Strömung an so manchem spitzen Steinchen bricht, was dem Charakter des Rheingolds, das ich persönlich immer mehr für ein Konversationsstück halte, sehr gut entgegenkommt. Auf die Spitze getrieben findet sich diese Auffassung in der Darstellung eines Heinz Zednik, dessen Mime an manieristischer Charkterisierungskunst unvergleichlich ist und der seit Jahrzehnten zu den gelungensten Nachschöpfungen Wagner'schen Musiktheaters zählt.

Aber nicht nur an ihm erfährt man, dass das Rheingold es leichter verzeiht, wenn sich die stimmlichen Mittel schon ein wenig verflüchtigt haben: Der Loge von Siegfried Jerusalem ist das beste Beispiel dafür. Leider besitzt er nicht solche Fähigkeiten zur genialen Rollengestaltung wie Heinz Zendnik, der Abend wäre dann insgesamt etwas spannender verlaufen. (Aber den Loge bringt er noch mit Anstand über die Bühne. Er sollte vielleicht nur mehr den Loge singen...)

Der Wotan von James Morris wird sich an der Walküre beweisen müssen. Ihm war das mit dem Konversationsstück weniger geläufig und so verwässerte das vor allem von seiner Seite zu sehr. Das machte dann in Summe ein etwas zähes zweites Bild, bis sich die Götter endlich entschlossen, dem Drängen der Riesen nachzugeben, und Loge und Wotan böser Absichten voll in die Schwefelkluft schlüpften.

Die Szene in Nibelheim atmete dann wieder jene Spannung, die das Rheingold durchwegs in seiner pointierten Dramatik bieten sollte. Dass szenisch nach nunmehr neuneinhalb Jahren (die Premiere war im Oktober 1992) die Verwandlung Alberichs in Schlange und Kröte schon ein wenig herabgewirtschaftet ist und man den armen Alberich unter dem goldgewirkten Umhang, der den Tarnhelm simulieren soll, nur halbverdeckt und "krötengleich" in der Versenkung sitzen sah, sei nur so nebenbei erwähnt. Auch vom Goldhort, der dann im vierten Bild so schön zu Freia's Befreiung aufgeschichtet wird, löste sich der eine oder andere Teil. Loge - alias Siegfried Jerusalem - kickte selbige spitzbübisch den Riesen zu. (Ja, diese ganze Ring-Inszenierung wirkte schon von der Premiere an so, als wäre sie nie richtig fertig geworden...)

Über diese Riesen, Walter Fink und Janusz Monarcha, gibt es nichts Schlechtes zu sagen. Donner und Froh (vor allem letzterer) wirkten ein wenig angestrengt. Die Rheingold-Fricka von Magareta Hintermeier ist bewährt, die Freia hinterlässt immer einen etwas blassen Eindruck, und die Erda von Marjana Lipovsek mahnte eindringlich.

Fulminant die Zwischenspiele, vor allem der Abstieg nach Nibelheim, aber auch der Aufstieg mit dem gefangenen Alberich, in dem so langsam und bezwingend das Weltuntergangsdrama über dem Konversationston obsiegt. Runnicles hat ein feines Gespür für das "Burleske", und er weiß sehr genau, wo sich selbiges in kammermusikalischer Transparenz und schon fast notizenhaft darzustellen hat und wo nicht. Am Schluss jedenfalls erhob sich mit gewaltiger Eindringlichkeit das Wagner'sche Drama über den boshaften, mit Zynismus kontaminierten Vorabend der Tetralogie - und das Verhängnis nimmt seinen Lauf...