PARSIFAL
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Wiener Staatsoper
Premiere
8.4.2004

Dirigent: Donald Runnicles

Inszenierung: Christine Mielitz
Ausstattung: Stefan Mayer
Choreinstudierung: Ernst Dunshirn

Amfortas - Thomas Quasthoff
Titurel - Walter Fink
Gurnemanz - Robert Holl
Parsifal - Johan Botha
Klingsor - Wolfgang Bankl
Kundry-
Angela Denoke
1. Knappe - Cornelia Salje
2. Knappe -
Daniela Denschlag
3. Knappe -
Arnold Bezuyen
4. Knappe -
Peter Jelosits
1. Gralsritter -
Cosim Ifrim
2. Gralsritter -
Johannes Wiedecke
1. Blumenmädchen 1. Gruppe -
Genia Kühmeier
2. Blumenmädchen 1. Gruppe -
Bori Keszei
3. Blumenmädchen 1. Gruppe -
Antigone Papoulkas
1. Blumenmädchen 2. Gruppe -
Ildiko Raimondi
2. Blumenmädchen 2. Gruppe -
Renate Pitscheider
3. Blumenmädchen 2. Gruppe -
Nadia Krasteva
Stimme von oben - Daniela Denschlag


Psychotisch...
(Dominik Troger)

Dass diese Neuproduktion des Wagner’schen „Parsifal“ einige Fragen aufwerfen wird, war zu erwarten gewesen. Aber dass sich Regisseurin Christine Mielitz durch den abgeschmacktesten Inszenierungs-Notausgang retten würde, den man inzwischen für die Opernbühne wählen kann, überraschte doch: Mielitz‘ens „Parsifal“ spielt ganz offensichtlich auf der Psychiatrie.

[1] In der Staatsopern-Publikumszeitschrift „Prolog“ vom März 2004 hat Chefdramaturg Peter Blaha die Leser in sorgsam gewählten Worten darauf hingewiesen, dass zu jeder Geschichte auch „ihre verborgenen Schichten bzw. Subtexte“, gehören, die eine „gute Inszenierung sichtbar machen wird, ohne dabei die eigentliche Handlung ad absurdum zu führten“. Das lässt jetzt natürlich einigen Definitionsspielraum zu. Wo fängt das „Ad absurdum“ an?

[2] So wie ich die Geschichte verstehe, die Mielitz dem werten Publikum hier aufgetischt hat, gibt es weder Gralsburg noch Aue. Das ganze spielt in einer Irrenanstalt. Kundry (oder gar Herzeleide?) macht eine psychische Krankheit durch, womöglich nach Verlust ihres Kindes. Am Schluss „entschreitet“ sie anscheinend geheilt der Bühne, und Parsifal schüttelt den Gralsrittern die Hände. Der Rest ist Illusion, eine blutige Mischung aus pervertierter Männerbündelei, sinnentleertem Erlösungswahn, von religiösen Zwangsphantasien geknechteter Menschen. So wie in dieser Aufführung Titurel im dritten Aufzug völlig unmotiviert aus seinem Holzsarg gekippt wird, kippt Mielitz den religiösen Background des „Parsifal“ auf die Müllhalde ihres skeptischen Aufklärertums. Diese Analogie kommt nicht von ungefähr: Denn auch auf der Bühne erweist sich am Schluss der Gral als ein Haufen Tonscherben, den man aus einer großen goldenen Blechdose auf den Boden schüttet – und derart konsequent wird jede Auseinandersetzung mit einem möglichen spirituellen Gehalt dieses Werkes vermieden. Die Vorgänge auf der Bühne werden buchstäblich „sinnlos“, und der dazugesungene Text wird zum hilflos gestammelten Sublimat einer schweren Bewusstseinsstörung.

[3] Wird das Wagner gerecht? Nun, diese Frage stellen sich heute nur Toren, die in Anbetracht moderner Opernregie sich so naiv geben, wie Parsifal auf die Fragen des Gurnemanz im ersten Aufzug. Und weil sich niemand gerne als Trottel hinstellen lässt, und das waren an diesem Abend sehr viele, wurde am Schluss lautstark gegen diesen Mielitz’schen „Subtext“ protestiert. Mielitz weigert sich, wie man im Programmheft nachlesen kann, die Botschaft des „Parsifal“ als „weihevolle Entsühnung misszuverstehen“ – und sitzt dabei selbst einem „Missverständnis“ auf, das jetzt bedauerlicherweise zwanzig oder dreißig Jahre die Staatsopernbühne „zieren“ wird. Wagner hat sich im „Parsifal“ eben genau mit diesen von Mielitz zur krankhaften Perversion erklärten religiösen Gefühlen der Menschen auseinandergesetzt – und er hat sie als vorhandene, sinnstiftende Dimension ernst genommen. Mielitz tut das nicht. Wagners Zweifel sind die Zweifel des Menschen im Angesicht dieser unaussprechbaren Transzendenz, aber zugleich spielt das Vorhandensein dieser Transzendenz eine große Rolle. Weil hier die Worte versagen, bedient sich Wagner starker religiöser Bilder, bedient sich auf musikalischer Ebene einer für seine Verhältnisse ganz neuen musikalischen Sprache. Wagner beschwört im Parsifal nicht nur 2000 Jahre Christentum, als in unsere abendländische Welt eingewurzelten Ausdruck religiösen Selbstverständnisses, er schlägt auch Querbezüge zu anderen Weltreligionen. Wenn diese Inszenierung den Zuschauern suggerieren möchte, dass Wagner im „Parsifal“ zur Dechiffrierung des Begriffes Religion selbst angesetzt habe, dann ist das eine mutwillige Verdrehung der Tatsachen, ein erfundener Subtext und kein bei Wagner gelesener. Mielitz – und das sollte man nicht vergessen – erklärt damit auch alle für pathologisch, die – diesem Sinne nach – torenhaft aus dieser als krankhaftes Dünkel empfundenen Religion Sinn, Ziel und Kraft ihres Lebens schöpfen. Sie werden zu Bewohnern einer desolaten Irrenanstalt, bringen anscheinend Kinder als Menschenopfer dar (ein im ersten Aufzug gesetztes blindes Motiv dieser Aufführung) und der Karfreitagszauber wird zum kitschigen Morgenrot einer alpenländischen Bildpostkarte. Helfen kann denen wohl nur mehr eine Spritze – wie sie Kundry zu Beginn des zweiten Aufzugs von zwei Ärztinnen appliziert wird, damit sie Klingsor zur Verfügung stehe. Mielitz‘ens „Parsifal“ erscheint als ein „Parsifal“ der Entlarvung, ein Bühnenspiel ohne „Weihe“ und „Fest“.

[4] Leider hat sich Donald Runnicles am Pult zum musikalischen Assistenzeinsatz für diese Inszenierung gerüstet. Er hat die würdevolle Partitur Wagners entschlackt, versachlicht und blankgeputzt. Er hat daraus eine kunstfertige, fragile Transparenz gedrechselt und jedes mystifizierende Stäubchen weggepustet. Da herrschte über weite Strecken die kammermusikalische Skepsis einer selbstverzweifelnden Moderne, die mit Wagners künstlerischem Selbstverständnis und üppig-verzehrendem Melos kaum mehr etwas gemeinsam hatte. Mir persönlich lag diese musikalische Abmagerungskur Wagner’scher Klangträume und -räume schwer im Magen, aber man kann nicht bestreiten, dass sie von Runnicles sehr subtil und in Symbiose mit der Bühne durchgeführt worden ist.

[5] Die bisherigen Einwände haben sich im wesentlichen auf die Interpretation des „Parsifal“ bezogen, nicht auf die künstlerisch-handwerkliche Umsetzung. Denn bis auf die scheußlichen und teilweise hilflos arrangiert wirkenden Bühnenbilder und Kostüme (im zweiten Aufzug gezählte neun rote Ledersofas, oftmalige Hebung und Senkung von Bühnenteilen etc.) wird man an Personenregie und Massenchoreographie wenig auszusetzen haben. Mielitz scheint es gelungen zu sein, alle Beteiligten auf ihre Sicht der Dinge einzuschwören. Sie hat sogar Johan Botha aus seiner schauspielerischen Reserve locken können. Mielitz hat die fünf Opernstunden geprägt und geformt. Ihre diesbezüglichen Fähigkeiten sind im Vergleich zu vielen anderen RegisseurInnen enorm.

[6] Teilweise ist die Inszenierung stark auf die emotionale Wirkung Thomas Quasthoffs (Amfortas) ausgelegt. Hier könnte man sich die Frage stellen, wo die künstlerische Freiheit beginnt und wo die Ausbeutung anfängt. Diese Frage ist heikel. Abgesehen davon schaffte er es kongenial in die Rolle des Amfortas zu schlüpfen. Hier stellten sich Augenblicke jener transparent gewordenen überhöhenden Transzendenz von Leiden und Mitleiden ein, wie es Wagner als Symbiose von Ausführenden und Publikum vorgeschwebt sein mag. Da kommt über die Hintertüre das herein, was Mielitz mit ihrer Inszenierung als krankhaft markiert.

[7] Auch Angela Denoke muss als tragende Persönlichkeit dieser Inszenierung gelten. Natürlich ist dieser Kundry alles „Heroische“ fremd, sie hat im zweiten Aufzug eine fitgespritzte psychisch kranke Hure zu mimen. Jedenfalls sang sie im geforderten Tonfall dieser auch vom Orchester gepflegten Transparenz, mit heller, klarer und leidensbereiter Stimme und zwang einen zum Zuhören und zur Anteilnahme. Dass es in dieser Szene um ein metaphysisches Ringen geht, blieb selbstverständlich ausgespart. Johan Bothas Parsifal wird in den Folgeaufführungen im Detail sicher noch gewinnen, bot aber insgesamt eine überzeugende Leistung. Sehr guten Eindruck machte Wolfgang Bankl als Klingsor. Er musste einmal Bauch zeigen, wahrscheinlich damit man sein aufgemaltes Kreuz sieht. (Botha darf mit blutbeschmierten Armen und Beinen herumlaufen, ausziehen muss er sich nicht. Der Blutverlust, den er im dritten Aufzug – von Mielitz „zur Ader gelassen“ – produziert, ist eminent.) Robert Holl blieb, trotz guter gesanglicher Leistung, nicht sehr ausdrucksstark. Walter Fink steuerte einen profunden Titurel bei.

[8] Viel Jubel nachher für die Ausführenden, viele Buhs für Mielitz.

Nachtrag 13.4.04
Wie mir dankenswerter Weise mitgeteilt wurde, ist der Gral in der zweiten Aufführung NICHT zerbrochen. Das heißt, er ist in der großen "Keks-Dose" noch ganz. Er soll erst zerbrechen, wenn er aus der Dose auf den Boden fällt.

Nachtrag 10.4.04
Nach einer ersten Rundschau durch die Pressestimmen scheint mir noch eine Verdeutlichung meiner Interpretation angebracht: Während des Vorspiels zum ersten Aufzug sieht man kurz eine Frau auf der Bühne hinter dem durchscheinenden Bühnenvorhang, gekleidet wie Kundry, mit einem Kind, das sie schützend an sich drückt. Ich schließe daraus, dass hier Herzeleide gemeint sein könnte, die, nach Verlust des Kindes, als Kundry eine psychische Krise durchmacht. Kundry trägt im ersten Aufzug im Zuge der Gralsszene ein totes Kind über die Bühne! Im zweiten Aufzug gibt es die Spritze sowie ein deutliches auf eine psychische Beeinträchtigung zielendes Bewegungsrepertoire. Im dritten Aufzug trägt Kundry kurzgeschorene Haare und ein Kostüm, dass einer Zwangsjacke sehr ähnlich sieht. Dazu kommen hier eine Langsamkeit der Bewegungen, die man auf sedativen Medikamenteneinfluss zurückführen könnte. Der Waschraum vom ersten Aufzug liegt offenbar in dem Gebäude, von dem man im dritten Aufzug an der rechten Bühnenseite die Außenwände sieht und in das auch Parsifal, Gurnemanz und Kundry gehen, um vom Anstaltshof "in die Gralsburg zu gelangen". Mielitz hat vor rund zwei Wochen in einem Radiointerview auf Ö1, das ich leider nur teilweise gehört habe, betreffend Parsifal auch von den Problemen der Mütter gesprochen, ihre Kinder ziehen zu lassen. Herzeleide umhege Parsifal und enthalte ihn der Welt, damit sie ihn nicht verliere.

Offenbar herrschen auch unterschiedliche Meinungen über des Grales Beschaffenheit. Ist er in der Blechbüchse noch heil oder sind schon da nur mehr Scherben drinnen, war es wirklich Ton oder war es Metall?