PARSIFAL
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Museumsquartier Halle E
19.6.2026
Koproduktion Opera Ballet Vlaandern & Wiener Festwochen (Premiere Wien: 15.6.2026)

Musikalische Leitung - Yi-Chen Lin

Regie - Susanne Kennedy
Bühne, Video
- Markus Selg
Kostüm - Andra Dumitrascu
Licht - Sascha Zauner
Choreographie - Dominic Santia
Mitarbeit Videodesign, kreative Technologie -
Warjy Rybakova

ORF Radio Symphonieorchester Wien
Arnold Schönberg Chor
Gumpoldskirchner Spatzen


Amfortas - Kartal Karagedik
Gurnemanz - Albert Dohmen
Parsifal - Russell Thomas
Klingsor - Werner Van Mechelen
Kundry / Stimme aus der Höhe - Dshamilja Kaiser
Titurel - Kurt Rydl
1. Gralsritter - Devin Eatmon
2. Gralsritter - Smelo Mahlangu
1. Knappe - Chelsea Guo
2. Knappe - Camila Aguilera Yanez
3. Knappe - Martin Piskorski
4. Knappe - Timothy Veryser
1. Blumenmädchen - Maria Chabounia
2. Blumenmädchen - Ondelwa Martins
3. Blumenmädchen - Mira Alkhovik
4. Blumenmädchen - Chelsea Guo
5. Blumenmädchen - Camila Aguilera Yanez
6. Blumenmädchen - Jessica Stakenburg


„Ertrunken in der Bilderflut

(Dominik Troger)

Am Schluss breitet die computeranimierte weiße Taube ihre Schwingen aus – und der neugekrönte Gralskönig entschwebt in die Bühnenhöhe der Halle E des Museumsquartiers. Wer sein Gemüt gerne an Devotionalien labt, hat sich dieser bildkräftigen Deskriptivität schwer entziehen können: zwischen Kitsch und Gott passt manchmal nicht einmal das dünnste „Blatt“.

Aber ist es nicht tröstlich, wenn sich endlich wieder einmal diese Taube in ihrer ganzen Symbolkraft zeigen darf: der weiß gefiederte Heilige Geist der Parsifal wie einen neuen Christus mit göttlichem Wohlgefallen segnet? Die glaubensbegeisternde Naivität dieses Schlussbildes hat schließlich Richard Wagner selbst angewiesen: „Aus der Kuppel schwebt eine weiße Taube herab und verweilt über Parsifals Haupt.“ Als Zeuge dieses Wiener Festwochen „Parsifals“ schwankte man ob dieser werkgetreuen szenischen Offenbarung zwischen dem Gefühl unfreiwilliger Komik und dem Bekenntnis zu mutigem Glaubenswillen: Endlich wagt sich jemand wieder daran, die Taube aus dem „Heliggeistloch“ herabzulassen!

Aber das soll jetzt nicht ironisch klingen. Das Konzept, das Regisseurin Susanne Kennedy und der für Bühne und Video federführende Markus Selg entwickelt haben, zielt nämlich genau auf diese religiöse Komponente ab. Ich zitiere die letzten Satz aus dem schmalen (aber kostenlosen) Programmheft zur Aufführung: „Und wenn am Ende der Oper Wagners Musik alles hinter sich lässt, was sich mit Worten ausdrücken lässt, wenn das Gralsmotiv durch virtuelle Schleier und an KI-generierten Illusionen vorbei in einem vertikalen Strom aufsteigt, der in den Körpern aller Anwesenden nachhallt, wird klar, dass die wirklichen Kräfte des Theaters in seinen religiösen Wurzeln verborgen sind.“

Wie auch immer man jetzt dazu stehen mag, diese „Parsifal“-Produktion des Opera Ballet Vlaanderen hat nicht nur wegen des Stichworts „KI-generierter Illusionen“ die Reise von Gent nach Wien angetreten. Die Wiener Festwochen werden im Programm auch als Koproduzent genannt – und weil diese sich heuer dem Motto „Republic of Gods“ verschrieben haben, passte „Parsifal“ natürlich zu der konzeptuellen Vorgabe.

Doch der rein technische Aspekt ist in diesem Fall spannender als das Ergebnis. Von der bühnenpraktischen Umsetzung aus betrachtet waren die drei „Parsifal“-Aufzüge überfüllt (!) mit computergenerierten Animationen, die für die „Ausmalung“ der Szene sorgten. Noch dazu verströmten diese Animationen den aus heutiger Perspektive ziemlich „retro“ anmutenden  Charme alter Computerspielgrafiken. Nicht nur waren sie auf die Gesamtlänge des Werkes berechnet viel zu  redundant, sie waren auch qualitativ stark verbesserungswürdig. (Was zum Beispiel an den plump designten immer wieder vor Gebirgslandschaften herumdümpelnden Vögeln abzulesen war.)

In der Mitte der Bühne befand sich eine Art Zelle, deren Hintergrund ebenso eifrig mit Animationen bespielt wurde: ein in der Kontur sechseckiger Raum, eine Art von spirituellem Zentrum, in dem Parsifal den gesamten ersten Aufzug auf einem mit weißem Fell bedeckten Stein sitzend (!) zubrachte. Dort saß er auch im zweiten Aufzug, um von Kundry geküsst zu werden (was ihn so beunruhigte, dass er endlich vom Stein herunterrutschte). Parsifal „teilte“ sich diese Zelle ab dem zweiten Aufzug mit der Animation eines in Levitation befindlichen Yogis – vielleicht Symbol für das innere Selbst Parsifals, schließlich wird Parsifal von der Regie im Finale gleich mitsamt der Zelle levitiert.

Um diese „Parsifal-Zelle“ war eine Art Tempelinneres abgebildet, in einen Rahmen gestellt, der dem der beschriebenen Zelle glich, nur viel größer, in der Optik mit indischem Einschlag und mit allerhand Versatzstücken angereichert: Hinduismus, Buddhismus und ein bisschen Christentum, aufgefüllt mit einigen Statisten, die zum Beispiel langsam ausgeführte rituelle Bewegungen beisteuerten. Die Personenregie war ohnehin nur sehr rudimentär.  So wie Parsifal bewegte sich auch Gurnemanz im ersten Aufzug kaum von der Stelle, die Blumenmädchen im zweiten nahmen gestaffelt Aufstellung wie für ein Konzert etc. Die Sängerinnen und Sänger wirkten wie festgefroren – und wenn sie sich bewegten, dann mehr zeremoniell, langsam, so als sollten sie nicht von den animieren Computergrafiken ablenken, die unablässig die Augen teils mit abstrakten Motiven, teils mit der Darstellung von Landschaften, angereichert mit Dornenhecken, Tieren und mittelalterlichen Schlachtrelikten marterten. Die Handlungshöhepunkte wurden auf diese Weise szenisch reihenweise verschenkt, wobei es im Laufe der drei Aufzüge etwas besser wurde. Hin und wieder wurden groß Schlagworte projiziert: etwa gleich im Vorspiel „Parsifal“, wie das Insert eines Filmtitels.

Der musikalische Teil hinterließ einen mehr abgespeckten, „funktionalen“ Eindruck, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter der Dirigentin Yi-Chen Lin sorgte für ein streicherschlankes Rückgrat. Im Laufe des zweiten Aufzugs und vor allem im dritten gelang es ihm sogar etwas Spannung zu vermitteln und im „Dahinschreiten“ von Wagners Musik Tritt zu fassen. (Die Spielzeit des ersten Aufzugs lag bei rund 1 Stunde 40 Minuten.)

Die Besetzung wurde von zwei langgedienten „Wagner-Veteranen“ angeführt: Kurt Rydl und Albert Dohmen, wobei sich in Kurt Rydls Titurel gleichsam „Raum und Zeit“ verschränkten, Rydl hat die Partie bereits 1979 (!) an der Wiener Staatsoper gesungen. Die jugendliche Bassfrische von damals hat er natürlich nicht mehr einbringen können (solche Wunder vermag nicht einmal der Gral zu leisten), aber seine Stimme tönte robust und nach wie vor unverkennbar – und wo das Alter deutlich durchdrang, rechnete man es zum Figurencharakter.

Albert Dohmen ist zwar nie der große Bühnencharismatiker gewesen, aber sein solider Gurnemanz war dieser Aufführung eine wichtige Stütze. Er sang wohldosiert, sparte allerdings hörbar in der Attacke, wo sein an vielen Karrierejahren gereifter Bassbariton schnell Gefahr lief, aus der „Fasson“ zu geraten. Werner Van Mechelen hat erst diese Ostern den Klingsor an der Staatsoper gesungen. Das dortige szenische Ambiente des zweiten Aufzugs (Zeitschriftenredaktion!) passte besser zu seinem doch mehr hellen, „leichtfüßigeren“  Bassbariton, von dem keine „schwarzmagische“ Bedrohung ausgeht. Hier im Museumsquartier war Klingsor so etwas wie ein böser Dämonenpriester, ein „Nekromant“, was auch auf der Bühne befindliche menschliche Totenschädel andeuteten.

Der Parsifal wurde vom amerikanischen Sänger Russell Thomas beigesteuert. Das Gralslicht hat durch seinen Tenor nicht in die Halle E hereingeschimmert. Die Stimme ist etwas geraut und baritonal unterlegt, wird wenig nuancenreich geführt. Die limitierte Höhe wird vor allem gestemmt, ohne dass sie sich strahlend öffnet. Für mehr „deklamatorische“ Passagen hat es einigermaßen gereicht, für das Finale nicht. (Eine nette Pointe ist, dass Russel Thomas vor ziemlich genau 20 Jahren als Soliman in einer Festwochen-„Zaide“ im Jugendstiltheater auf der Baumgartner Höhe aufgetreten ist.) Wenig Eindruck hinterließ der vibratolastige Amfortas von Kartal Karagedik.

Dshamilja Kaiser gab eine lyrische, sympathische Kundry mit etwas flacher Tiefe versehen, die zwiespältige mythische Dimension des Bühnencharakters hat sie nicht erschlossen. Wenig Begeisterung erweckten die Blumenmädchen. Der Klang wurde elektronisch verstärkt, was in der Halle E wegen der schlechten Akustik wahrscheinlich die bessere Lösung ist. Die Chöre sowie Titurel wurden aus dem Bühnenhintergrund zugespielt.

Nach dem ersten Aufzug, als spärlicher Applaus einsetzte, gab es ein paar Zischer, und es gelang ihnen sogar, den Beifall weitgehend zu unterbinden. Die Aufführung dauerte (inklusive zweier Pausen) rund fünfeinviertel Stunden. Dann folgten noch sehr wohlwollende fünf Minuten Applaus. Die Halle war sehr gut besucht, nur vorne, in der teuren Kategorie, gab es eine kleine Agglomeration leerer Plätze (was bei Preisen bis zu 175 Euro pro Karte nicht überrascht). Abwanderungstendenz in den Pausen war vorhanden, aber nicht so stark wie befürchtet. Die Mehrheit des Publikums schien an diesem dritten Aufführungsabend (Premiere war am Montag) gewusst zu haben, worauf es sich einlässt.