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„Ertrunken in der Bilderflut“
(Dominik Troger)
Am
Schluss breitet die computeranimierte weiße Taube ihre Schwingen aus –
und der neugekrönte Gralskönig entschwebt in die Bühnenhöhe der Halle E
des Museumsquartiers. Wer sein Gemüt gerne an Devotionalien labt, hat
sich dieser bildkräftigen Deskriptivität schwer entziehen können:
zwischen Kitsch und Gott passt manchmal nicht einmal das dünnste
„Blatt“.
Aber
ist es nicht tröstlich, wenn sich endlich wieder einmal diese Taube in
ihrer ganzen Symbolkraft zeigen darf: der weiß gefiederte Heilige Geist
der Parsifal wie einen neuen Christus mit göttlichem Wohlgefallen
segnet? Die glaubensbegeisternde Naivität dieses Schlussbildes hat
schließlich Richard Wagner selbst angewiesen: „Aus der Kuppel schwebt eine weiße Taube herab und verweilt über Parsifals Haupt.“
Als Zeuge dieses Wiener Festwochen „Parsifals“ schwankte man ob dieser
werkgetreuen szenischen Offenbarung zwischen dem Gefühl unfreiwilliger
Komik und dem Bekenntnis zu mutigem Glaubenswillen: Endlich wagt sich
jemand wieder daran, die Taube aus dem „Heliggeistloch“ herabzulassen!
Aber das soll jetzt nicht ironisch klingen. Das Konzept, das Regisseurin Susanne Kennedy und der für Bühne und Video federführende Markus Selg
entwickelt haben, zielt nämlich genau auf diese religiöse Komponente
ab. Ich zitiere die letzten Satz aus dem schmalen (aber kostenlosen)
Programmheft zur Aufführung: „Und
wenn am Ende der Oper Wagners Musik alles hinter sich lässt, was sich
mit Worten ausdrücken lässt, wenn das Gralsmotiv durch virtuelle
Schleier und an KI-generierten Illusionen vorbei in einem vertikalen
Strom aufsteigt, der in den Körpern aller Anwesenden nachhallt, wird
klar, dass die wirklichen Kräfte des Theaters in seinen religiösen
Wurzeln verborgen sind.“
Wie auch immer man jetzt dazu stehen mag, diese „Parsifal“-Produktion
des Opera Ballet Vlaanderen hat nicht nur wegen des Stichworts
„KI-generierter Illusionen“ die Reise von Gent nach Wien angetreten.
Die Wiener Festwochen werden im Programm auch als Koproduzent genannt –
und weil diese sich heuer dem Motto „Republic of Gods“ verschrieben
haben, passte „Parsifal“ natürlich zu der konzeptuellen Vorgabe.
Doch der rein technische Aspekt ist in diesem Fall spannender als das
Ergebnis. Von der bühnenpraktischen Umsetzung aus betrachtet waren die
drei „Parsifal“-Aufzüge überfüllt (!) mit computergenerierten
Animationen, die für die „Ausmalung“ der Szene sorgten. Noch dazu
verströmten diese Animationen den aus heutiger Perspektive ziemlich
„retro“ anmutenden Charme alter Computerspielgrafiken. Nicht nur
waren sie auf die Gesamtlänge des Werkes berechnet viel zu
redundant, sie waren auch qualitativ stark verbesserungswürdig. (Was
zum Beispiel an den plump designten immer wieder vor
Gebirgslandschaften herumdümpelnden Vögeln abzulesen war.)
In der Mitte der Bühne befand sich eine Art Zelle, deren Hintergrund
ebenso eifrig mit Animationen bespielt wurde: ein in der Kontur
sechseckiger Raum, eine Art von spirituellem Zentrum, in dem Parsifal
den gesamten ersten Aufzug auf einem mit weißem Fell bedeckten Stein
sitzend (!) zubrachte. Dort saß er auch im zweiten Aufzug, um von
Kundry geküsst zu werden (was ihn so beunruhigte, dass er endlich vom
Stein herunterrutschte). Parsifal „teilte“ sich diese Zelle ab dem
zweiten Aufzug mit der Animation eines in Levitation befindlichen Yogis
– vielleicht Symbol für das innere Selbst Parsifals, schließlich wird
Parsifal von der Regie im Finale gleich mitsamt der Zelle levitiert.
Um diese „Parsifal-Zelle“ war eine Art Tempelinneres abgebildet, in
einen Rahmen gestellt, der dem der beschriebenen Zelle glich, nur viel
größer, in der Optik mit indischem Einschlag und mit allerhand
Versatzstücken angereichert: Hinduismus, Buddhismus und ein bisschen
Christentum, aufgefüllt mit einigen Statisten, die zum Beispiel langsam
ausgeführte rituelle Bewegungen beisteuerten. Die Personenregie war
ohnehin nur sehr rudimentär. So wie Parsifal bewegte sich auch
Gurnemanz im ersten Aufzug kaum von der Stelle, die Blumenmädchen im
zweiten nahmen gestaffelt Aufstellung wie für ein Konzert etc. Die
Sängerinnen und Sänger wirkten wie festgefroren – und wenn sie sich
bewegten, dann mehr zeremoniell, langsam, so als sollten sie nicht von
den animieren Computergrafiken ablenken, die unablässig die Augen teils
mit abstrakten Motiven, teils mit der Darstellung von Landschaften,
angereichert mit Dornenhecken, Tieren und mittelalterlichen
Schlachtrelikten marterten. Die Handlungshöhepunkte wurden auf diese
Weise szenisch reihenweise verschenkt, wobei es im Laufe der drei
Aufzüge etwas besser wurde. Hin und wieder wurden groß Schlagworte
projiziert: etwa gleich im Vorspiel „Parsifal“, wie das Insert eines
Filmtitels.
Der musikalische Teil hinterließ einen mehr abgespeckten,
„funktionalen“ Eindruck, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter
der Dirigentin Yi-Chen Lin sorgte
für ein streicherschlankes Rückgrat. Im Laufe des zweiten Aufzugs und
vor allem im dritten gelang es ihm sogar etwas Spannung zu vermitteln
und im „Dahinschreiten“ von Wagners Musik Tritt zu fassen. (Die
Spielzeit des ersten Aufzugs lag bei rund 1 Stunde 40 Minuten.)
Die Besetzung wurde von zwei langgedienten „Wagner-Veteranen“ angeführt: Kurt Rydl und Albert Dohmen,
wobei sich in Kurt Rydls Titurel gleichsam „Raum und Zeit“
verschränkten, Rydl hat die Partie bereits 1979 (!) an der Wiener
Staatsoper gesungen. Die jugendliche Bassfrische von damals hat er
natürlich nicht mehr einbringen können (solche Wunder vermag nicht
einmal der Gral zu leisten), aber seine Stimme tönte robust und nach
wie vor unverkennbar – und wo das Alter deutlich durchdrang, rechnete
man es zum Figurencharakter.
Albert Dohmen ist zwar nie der große Bühnencharismatiker gewesen, aber
sein solider Gurnemanz war dieser Aufführung eine wichtige Stütze. Er
sang wohldosiert, sparte allerdings hörbar in der Attacke, wo sein an
vielen Karrierejahren gereifter Bassbariton schnell Gefahr lief, aus
der „Fasson“ zu geraten. Werner Van Mechelen
hat erst diese Ostern den Klingsor an der Staatsoper gesungen. Das
dortige szenische Ambiente des zweiten Aufzugs
(Zeitschriftenredaktion!) passte besser zu seinem doch mehr hellen,
„leichtfüßigeren“ Bassbariton, von dem keine „schwarzmagische“
Bedrohung ausgeht. Hier im Museumsquartier war Klingsor so etwas wie
ein böser Dämonenpriester, ein „Nekromant“, was auch auf der Bühne
befindliche menschliche Totenschädel andeuteten.
Der Parsifal wurde vom amerikanischen Sänger Russell Thomas beigesteuert.
Das Gralslicht hat durch seinen Tenor nicht in die Halle E
hereingeschimmert. Die Stimme ist etwas geraut und baritonal unterlegt,
wird wenig nuancenreich geführt. Die limitierte Höhe wird vor allem
gestemmt, ohne dass sie sich strahlend öffnet. Für mehr
„deklamatorische“ Passagen hat es einigermaßen gereicht, für das Finale
nicht. (Eine nette Pointe ist, dass Russel Thomas vor ziemlich genau 20
Jahren als Soliman in einer Festwochen-„Zaide“ im Jugendstiltheater auf
der Baumgartner Höhe aufgetreten ist.) Wenig Eindruck hinterließ der
vibratolastige Amfortas von Kartal Karagedik.
Dshamilja Kaiser gab eine
lyrische, sympathische Kundry mit etwas flacher Tiefe versehen, die
zwiespältige mythische Dimension des Bühnencharakters hat sie nicht
erschlossen. Wenig Begeisterung erweckten die Blumenmädchen. Der Klang
wurde elektronisch verstärkt, was in der Halle E wegen der schlechten
Akustik wahrscheinlich die bessere Lösung ist. Die Chöre sowie Titurel
wurden aus dem Bühnenhintergrund zugespielt.
Nach dem ersten Aufzug, als spärlicher Applaus einsetzte, gab es ein
paar Zischer, und es gelang ihnen sogar, den Beifall weitgehend zu
unterbinden. Die Aufführung dauerte (inklusive zweier Pausen) rund
fünfeinviertel Stunden. Dann folgten noch sehr wohlwollende fünf
Minuten Applaus. Die Halle war sehr gut besucht, nur vorne, in der
teuren Kategorie, gab es eine kleine Agglomeration leerer Plätze (was
bei Preisen bis zu 175 Euro pro Karte nicht überrascht).
Abwanderungstendenz in den Pausen war vorhanden, aber nicht so stark
wie befürchtet. Die Mehrheit des Publikums schien an diesem dritten
Aufführungsabend (Premiere war am Montag) gewusst zu haben, worauf es
sich einlässt.
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