|
„Vorösterlicher Parsifal“
(Dominik Troger)
Osterzeit
ist „Parsifal“-Zeit – auch an der Wiener Staatsoper. Am Gründonnerstag
ging die erste von insgesamt drei geplanten Aufführungen über die
Bühne. Ihr fehlte aber noch der Festtagsglanz.
Über
den „Grals-Gulag“, den sich Regisseur Kirill Serebrennikov für die
Wiener Staatsoper ausgedacht hat, ist ohnehin schon genug geschrieben
worden. Aber die dramaturgische Schwäche des verdoppelten Toren tritt von
Aufführung zu Aufführung stärker zu Tage: Alles fokussiert auf das
Schauspieler-Double – der Tenor, der die Titelpartie zu verkörpern hat,
steht singend daneben wie ein vergessenes „Kulissenstück“.
Überhaupt würde nach dem Eindruck dieser Vorstellung der Produktion
eine Neueinstudierung ganz gut tun, um die Szene vor einer gefährlichen
Verflachung zu bewahren und sie in ihrem „Bühnen-Existentialismus“
wieder anzuschärfen. Aber das Überzeugendste an dieser Inszenierung
sind ohnehin die Videos, die über der Bühne mitlaufen: Serebrennikov
hätte doch besser einen Film zur „Parsifal“-Musik gedreht.
Das Staatsopernorchester unter Axel Kober fand noch nicht so recht in den meditativen „Parsifal“-Flow hinein. Einige Unausgewogenheiten werden sich womöglich noch „österlich“
glätten; eine bessere dynamische Kontrolle würde den Sängern geholfen
haben, manches klang dann doch zu laut und in der Klangbalance zu
unausgefeilt. Woran es über weite Strecken gefehlt hat, war der
Spannungsaufbau, nicht nur bei der Verwandlungsmusik im ersten Aufzug
oder beim Karfreitagszauber, der sich zwar schön, aber in seiner
Intensität zu „zahm“, aus dem Orchestergraben rankte. (Die Spieldauer
des ersten Aufzugs lag bei ca. 1:40 Stunden. DIe Vorstellung dauerte
von 17.00 bis ca. 22.10 Uhr.)
Was die emotionale Intensität betrifft, hatte auch die Besetzung nicht wirklich viel zu bieten. Klaus Florian Vogt hat
bei früheren Staatsopernauftritten seinen Bühnengeschöpfen mehr
tugendhaften „Tenorschimmer“ verliehen, als an diesem Abend.
Womöglich war er stimmlich nicht Bestform. Wo er sonst souverän mit
keuschem Strahlen glänzte, klang sein Tenor leicht beengt, die
Mittellage eine Spur geraut. Das Finale des dritten Aufzugs bereitete
ihm sogar einige Mühe.
Jennifer Holloway war
gesanglich zu leichtgewichtig, um in Kundry die „Urteufelin“ zu
entdecken, die schuldhaft der Unschuld Parsifals nachstellen muss. Die
szenischen Banalitäten des zweiten Aufzugs sind dafür aber auch eine
große Hürde. Der von Parsifal zurückgewiesenen Kundry verlieh die Sängerin eine psychotische Fahrigkeit, die outriert wirkte und an ihren stimmlichen Kräften zehrte.
Zu wenig heldisches Leidenspathos entwickelte der gepflegte Bariton von Gerald Finley, dessen Amfortasqualen mehr Expressivität gut vertragen hätten. Franz-Josef Selig
sang wie meist einen achtbaren, mildgestimmten Gurnemanz, der langen
Karriere entsprechend inzwischen schon deutlich auf kluge
Krafteinteilung setzend. Werner Van Mechelen war als undämonischer Klingsor letztlich auch ein Opfer der Inszenierung. Der
Staatsopernchor und die stimmlich mehr knospenden als aufblühenden
Blumenmädchen sowie allerhand Knappen, Ritter und ein stimmlich
robuster Titurel rundeten die Vorstellung ab. Nikolay Sidorenko hinterließ als schauspielender und dabei schweigender Parsifal-Doppelgänger wieder einen starken Eindruck.
Der starke Schlussbeifall lag bei rund sieben Minuten. (Nach dem
ersten Aufzug gab es wieder einigen Applaus. Die Zeiten, in denen er in
besinnlicher Stille ausklingen durfte, sind wohl endgültig vorbei.)
|
|