DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
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Premiere
Theater an der Wien
17.10.2026

Dirigent: Robert Jindra

Inszenierung und Licht: Philipp Stölzl
Szenische Neueinstudierung: Philipp M. Krenn
Bühne: Philipp Stölzl, Conrad Moritz Reinhardt
Kostüm: Ursula Kudrna

Wiener Symphoniker
Arnold Schönberg Chor

Daland - Wilhelm Schwinghammer
Senta - Ambur Braid
Erik -
Cameron Becker
Mary -
Ieva Prudnikovaite
Steuermann -
James Ley
Der Holländer -
Jordan Shanahan

Stumme Rollen:
Die junge Senta - Lina Lottes
Der Bräutigam - Thomas Gremel


„Leseratte Senta?“
(Dominik Troger)

Nach elf Jahren macht der „Fliegende Holländer“ im Theater an der Wien wieder Landurlaub: Szenisch und musikalisch war das keine „Erlösung“.

Philipp Stölzls Inszenierung, die bereits 2009 in Basel und später in Berlin gezeigt wurde, wird jetzt  im Theater an der Wien einer weiteren Aufführungsserie zugeführt – und erneut sitzt in der bühnenbreiten Bibliothek Dalands seine Tochter Senta und kann sich büchergierig von einem dicken alten Sagenband nicht trennen. Die Psychose wurde Senta in all den Jahren seit Basel auch nicht wegtherapiert und ihr Schicksal erweist sich erneut als eine von gesellschaftlichen Zwängen gespeiste Krankengeschichte an deren Schlusspunkt Mord und Selbstmord stehen. 

Ob das noch etwas mit der romantischen Oper „Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner zu tun hat? Ein Beitrag im Programmheft zur Aufführung mit dem Titel „Autoaggression und Lesesucht – Senta’sche Ausbruchsversuche“  versucht das etwas seltsam wirkende Stölzl’sche Regiekonzept theoretisch zu unterfüttern. Er wurde von Brigitte Heusinger verfasst, die 2009 an der Produktion in Basel beteiligt war.
In diesem Text geht es um alles Mögliche, was das Frauenbild im 19. Jahrhundert ausgemacht haben könnte.  Das Porträt von Senta, das entwickelt wird, reicht von der „Leseratte“ bis zur Selbstverletzung auslösenden Pubertätskrise, von sexueller Traumatisierung bis zu Sentas Halluzination (!) des Holländers, der sie aus ihren beengten Verhältnissen erretten möge.

Die Regie lässt die Handlung im 19. Jahrhundert spielen, optisch opulent bis in Details ausgestattet. Räumlich wird die von Senta phantasierte Holländer-Ebene durch ein „Spiel im Spiel“ abgegrenzt, ein riesiges, die Bibliothek zierendes Bild mit Meereslandschaft öffnet sich im Hintergrund und wird zur zweiten Bühne. Ein an und für sich gut gemachter Effekt (nur für das Publikum auf Seitenplätzen am obersten Rang wegen schlechter Einsicht weniger ideal). Die Ebenen sind aber nicht feinsäuberlich von einander getrennt, der Holländer singt seinen Monolog in der Bibliothek, von einer kerzenleuchterhaltenden „Double“- Senta interessiert beäugt.

Denn durch Figurenverdopplung wird die Stölzl’sche „Senta-Psycho-Theorie“ verstärkt. Die Sängerin der Senta darf auf der Bühne nicht mit dem Holländer interagieren. Nur die bereits erwähnte „Schauspiel“-Senta darf sich dem Holländer liebeleidend nähern. Daland schleppt Senta außerdem nicht (!) den Holländer ins Haus, sondern einen reichen, alten Langweiler, den sie heiraten soll. Womit die ganze von Wagner ersonnene Handlung unsinnig wird (und der wohlberechnete Effekt der von Wagner als Regieanweisung mitgeteilten Erkennungsszene zwischen Senta und Holländer verpufft).  Die singende Senta betrinkt sich aus Verzweiflung am Hochzeitsabend, ermordet den ungeliebten Bräutigam in der Bibliothek und suizidiert sich unter viel körperlichem Gezucke.

Im Rahmen der Inszenierung ergeben sich allerhand komische Situationen: der Holländer spießt beim Monolog den Bibliotheksglobus auf seinen hakenversehenen Piratenhandstumpf;  die Mädchen in der Spinnstube erweisen sich als lächerlicher Putztrupp, der die Bibliothek durchsäubert und dabei vom summenden und brummenden Rädchen singt; Mary droht als überzeichnete Gouvernante mit schlagparater Gerte in der Hand; und als Höhepunkt dieses szenischen Nonsens darf Senta vor dem tödlichen Finale unter den mit einem langen weißen Leintuch bedeckten Bibliothekstisch kriechen, auf (!) dem Erik dann des Hochlands Blume besingen wird.

Die Wiener Symphoniker haben als Opernorchester im Theater an der Wien schon mehr geglänzt als an diesem Premierenabend. Unsauberkeiten haben sich nicht nur in der Ouvertüre eingeschlichen, es wurde überraschend grob musiziert und immer wieder mit zu starker akustischer Dominanz. Dirigent Robert Jindra brachte mit seinem antriebslosen Dirigat die Handlung viel zu spannungslos voran, auch die Sänger schienen phasenweise damit Mühe zu haben.

Ambur Braid stellte der Senta einen lautstarken, schon etwas ausgeglüht klingenden, und auf seine metallische Komponente reduzierten Sopran zur Verfügung, oft mit kurzwelligem Flackern garniert und Intonationsunsicherheiten:  eine herbe, ungeschliffene  Senta, die zu keinen romantischen Empfindungen Anlass gab. Ihr Vater Daland (Wilhelm Schwinghammer) wirkte zu jugendlich, stimmlich kein „basskerniger“ Seebär, sondern mehr ein flacher, gemütsarmer Kontorinhaber. Jordan Shanahan gab ein en redlichen im Vergleich zu Senta weniger durchsetzungsstarken Holländer – aber es fehlte doch an Format, Ausdruck und stimmlicher Noblesse. Cameron Becker war mir als Erik schon zu forciert unterwegs, ein lyrischer Tenor, der gerne Jäger wäre, aber in dieser Inszenierung Ärmelschoner tragen muss, weil er offensichtlich einen Schreibtischjob hat.

Wegen Mary und Steuermann wird auch bei solider Leistung keine Aufführung des „Fliegenden Holländer“ angesetzt werden. Dass die  Matrosen des Arnold Schönberg Chores an die elementare Wucht des Staatsopernchors nicht heranreichen, war erwartbar gewesen. Gespielt wurde eine pausenlose Fassung mit Erlösungsschluss – und der Abend dauerte an die zweieinhalb Stunden.

Die Publikumsreaktionen waren positiv, aber jetzt auch nicht wirklich enthusiastisch, die Bravorufe beim Regieteam nicht übertrieben, dafür gab es keine Buhrufe. Was angebracht gewesen wäre: freundlicher Applaus. (2015 hat man historisch infomiert unter Marc Minkowski die Erstfassung gespielt, das war interessanter. Aber das Theater an der Wien fischt mit dem „Holländer“ ohnehin im falschen Repertoire.)

PS: Und um es auch einmal ganz deutlich auszusprechen: Viele Sitze im Theater an der Wien sind nicht so bequem, dass man sich darüber freut, knapp zweieinhalb pausenlose (!) Stunden in ihnen verbringen zu müssen.