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DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
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Premiere Dirigent: Robert
Jindra |
Daland
- Wilhelm
Schwinghammer |
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Nach elf Jahren macht der „Fliegende Holländer“ im Theater an der Wien wieder Landurlaub: Szenisch und musikalisch war das keine „Erlösung“. Philipp Stölzls
Inszenierung, die bereits 2009 in Basel und später in Berlin gezeigt
wurde, wird jetzt im Theater an der Wien einer weiteren
Aufführungsserie zugeführt – und erneut sitzt in der bühnenbreiten
Bibliothek Dalands seine Tochter Senta und kann sich büchergierig von
einem dicken alten Sagenband nicht trennen. Die Psychose wurde Senta in
all den Jahren seit Basel auch nicht wegtherapiert und ihr Schicksal
erweist sich erneut als eine von gesellschaftlichen Zwängen gespeiste
Krankengeschichte an deren Schlusspunkt Mord und Selbstmord
stehen. Ob
das noch etwas mit der romantischen Oper „Der fliegende Holländer“ von
Richard Wagner zu tun hat? Ein Beitrag im Programmheft zur Aufführung
mit dem Titel „Autoaggression und Lesesucht – Senta’sche
Ausbruchsversuche“ versucht das etwas seltsam wirkende
Stölzl’sche Regiekonzept theoretisch zu unterfüttern. Er wurde von
Brigitte Heusinger verfasst, die 2009 an der Produktion in Basel
beteiligt war. Die Regie lässt die Handlung im 19. Jahrhundert spielen, optisch opulent bis in Details ausgestattet. Räumlich wird die von Senta phantasierte Holländer-Ebene durch ein „Spiel im Spiel“ abgegrenzt, ein riesiges, die Bibliothek zierendes Bild mit Meereslandschaft öffnet sich im Hintergrund und wird zur zweiten Bühne. Ein an und für sich gut gemachter Effekt (nur für das Publikum auf Seitenplätzen am obersten Rang wegen schlechter Einsicht weniger ideal). Die Ebenen sind aber nicht feinsäuberlich von einander getrennt, der Holländer singt seinen Monolog in der Bibliothek, von einer kerzenleuchterhaltenden „Double“- Senta interessiert beäugt. Denn durch Figurenverdopplung wird die Stölzl’sche „Senta-Psycho-Theorie“ verstärkt. Die Sängerin der Senta darf auf der Bühne nicht mit dem Holländer interagieren. Nur die bereits erwähnte „Schauspiel“-Senta darf sich dem Holländer liebeleidend nähern. Daland schleppt Senta außerdem nicht (!) den Holländer ins Haus, sondern einen reichen, alten Langweiler, den sie heiraten soll. Womit die ganze von Wagner ersonnene Handlung unsinnig wird (und der wohlberechnete Effekt der von Wagner als Regieanweisung mitgeteilten Erkennungsszene zwischen Senta und Holländer verpufft). Die singende Senta betrinkt sich aus Verzweiflung am Hochzeitsabend, ermordet den ungeliebten Bräutigam in der Bibliothek und suizidiert sich unter viel körperlichem Gezucke. Im
Rahmen der Inszenierung ergeben sich allerhand komische Situationen:
der Holländer spießt beim Monolog den Bibliotheksglobus auf seinen
hakenversehenen Piratenhandstumpf; die Mädchen in der Spinnstube
erweisen sich als lächerlicher Putztrupp, der die Bibliothek
durchsäubert und dabei vom summenden und brummenden Rädchen singt; Mary
droht als überzeichnete Gouvernante mit schlagparater Gerte in der
Hand; und als Höhepunkt dieses szenischen Nonsens darf Senta vor dem
tödlichen Finale unter den mit einem langen weißen Leintuch bedeckten
Bibliothekstisch kriechen, auf (!) dem Erik dann des Hochlands Blume
besingen wird. Die Wiener Symphoniker haben als Opernorchester im Theater an der Wien schon mehr geglänzt als an diesem Premierenabend. Unsauberkeiten haben sich nicht nur in der Ouvertüre eingeschlichen, es wurde überraschend grob musiziert und immer wieder mit zu starker akustischer Dominanz. Dirigent Robert Jindra brachte mit seinem antriebslosen Dirigat die Handlung viel zu spannungslos voran, auch die Sänger schienen phasenweise damit Mühe zu haben. Ambur Braid stellte der Senta einen lautstarken, schon etwas ausgeglüht klingenden, und auf seine metallische Komponente reduzierten Sopran zur Verfügung, oft mit kurzwelligem Flackern garniert und Intonationsunsicherheiten: eine herbe, ungeschliffene Senta, die zu keinen romantischen Empfindungen Anlass gab. Ihr Vater Daland (Wilhelm Schwinghammer) wirkte zu jugendlich, stimmlich kein „basskerniger“ Seebär, sondern mehr ein flacher, gemütsarmer Kontorinhaber. Jordan Shanahan gab ein en redlichen im Vergleich zu Senta weniger durchsetzungsstarken Holländer – aber es fehlte doch an Format, Ausdruck und stimmlicher Noblesse. Cameron Becker war mir als Erik schon zu forciert unterwegs, ein lyrischer Tenor, der gerne Jäger wäre, aber in dieser Inszenierung Ärmelschoner tragen muss, weil er offensichtlich einen Schreibtischjob hat. Wegen Mary und Steuermann wird auch bei solider Leistung keine Aufführung des „Fliegenden Holländer“ angesetzt werden. Dass die Matrosen des Arnold Schönberg Chores an die elementare Wucht des Staatsopernchors nicht heranreichen, war erwartbar gewesen. Gespielt wurde eine pausenlose Fassung mit Erlösungsschluss – und der Abend dauerte an die zweieinhalb Stunden. Die
Publikumsreaktionen waren positiv, aber jetzt auch nicht wirklich
enthusiastisch, die Bravorufe beim Regieteam nicht übertrieben, dafür
gab es keine Buhrufe. Was angebracht gewesen wäre: freundlicher
Applaus. (2015 hat man historisch infomiert unter Marc Minkowski die
Erstfassung gespielt, das war interessanter. Aber das Theater an der
Wien fischt mit dem „Holländer“ ohnehin im falschen Repertoire.) PS:
Und um es auch einmal ganz deutlich auszusprechen: Viele Sitze im
Theater an der Wien sind nicht so bequem, dass man sich darüber freut,
knapp zweieinhalb pausenlose (!) Stunden in ihnen verbringen zu müssen.
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