DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
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Staatsoper
29.4.2026

Dirigent: Bertrand de Billy

DalandFranz-Josef Selig
Senta - Erica Eloff
Erik -
Jörg Schneider
Mary -
Stephanie Maitland
Steuermann -
Hiroshi Amako
Der Holländer -
Tomaz Konieczny


„Kein Gustostückerl
(Dominik Troger)

An der Wiener Staatsoper ankert nach längerer Abwesenheit wieder einmal der „Fliegende Holländer“. Bei seinem letzten Besuch in Wien 2021 ist er nach zwei Vorstellungen in einen COVID-Lockdown geraten, und ward dann nicht mehr gesehen. Aber er scheint die Pandemie gut überstanden zu haben.

Als Ort der körperlichen Manifestation diente dem Holländer wieder die Inszenierung von Christine Mielitz aus dem Jahr 2003, mit gruselig ausgeleuchtetem Grottenbahneffekt. Der „ideologische Überbau“ dieser Produktion war jedoch schon bei der Premiere umstritten und hat in seiner Simplifizierung inzwischen einiges an Staub angesetzt. Daland ist bei Mielitz ein widerlicher Kapitalist, goldgierig und tochterverschachernd, der seine Matrosen schlecht behandelt. Der Holländer ist eine Art von gescheitertem Revolutionär, der Senta ideologisch verführt. Sentas „revolutionäre“ Selbstverbrennung (!) ist in diesem Kontext zwar schlüssig, aber zugleich ein sehr gutes Beispiel dafür, wie ein von außen herangetragenes Konzept die einer Oper innewohnende, musik- und textbasierte Dramaturgie verzerrt. Die Inszenierung ist handwerklich gut gemacht, bei der Personen- und Chorführung müsste allerdings nachgeschärft werden.

In diesem bekannten Rahmen gab es bei der aktuellen Aufführungsserie eine Reihe von Wiener Rollendebüts. Die erste Vorstellung am 22. April, die von mir nicht besucht wurde, machte vor allem durch den „On-the-fly“-Austausch des Jägers von sich reden. Andreas Schagers Wiener Erstauftritt als Erik musste wegen einer Allergie abgebrochen werden (die Birken haben es heuer besonders intensiv blühen lassen) und Jörg Schneider, der
den Erik bereits 2021 an der Staatsoper gesungen hat, übernahm nach dem zweiten Aufzug. Er kam auch in der zweiten Vorstellung und in der dritten zum Einsatz: Der Erik ist für seinen Tenor allerdings eine Grenzpartie, vor allem im dritten Aufzug war die Anstrengung, die ihm dieser Grenzgang kostete, nicht mehr zu überhören.

Das mit Spannung erwartete Wiener Rollendebüt von Tomasz Konieczny in der Titelpartie hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. An Lautstärke hat es Konieczny noch nie gefehlt und sein Holländer könnte mit „Windstärke 12“ sogar den Weltuntergang herbei singen. Aber in den Szenen mit Senta fehlte es an Feinheit und gewinnendem Charme. Deshalb blieb seine Gesamtwirkung recht eindimensional und zu grob, um das starke Seelenleiden der Figur mit jenem inneren Adel zu vermählen, der den Holländer nicht nur als erlösungshungrig, sondern auch als erlösungsswert erscheinen lässt.

Dem „orkanstimmigen“ Holländer gegenüber erwies sich die für Wien ebenfalls neue Senta der Erica Eloff mehr als ein „Lüfterl“: ein sympathischer, lyrischer Sopran, ohne ausreichendes dramatisches Potenzial. Sie nahm die Stimme  immer wieder stark zurück, nicht nur in der Ballade, was ihrem Vortrag viel an Wirkung und schwärmerischer Energie kostete. Vielleicht sollte Senta dadurch als besonders hypersensibler, verinnerlichter  Charakter gezeichnet werden? Oder hat sie aus der „Not“ eine lyrische „Tugend“ gemacht, weil ihre Stimme in dramatischen Ausbrüchen unstet und stark forciert klang? Eloff hat die Partie bereits in Linz gesungen, womöglich passt ein kleineres Haus besser zu ihrer Rollenauffassung.

Dem Daland von Franz-Josef Selig waren die vielen Jahre des rauen Seemannslebens sehr deutlich anzuhören (hat er doch bereits in der alten Staatsoperninszenierung um die Jahrtausendwende auf den Weltmeeren sein Kaufmannsglück gesucht). Der Steuermann von Hiroshi Amako klang überfordert; zweckentsprechend die Mary der Stephanie Maitland. Der Chor legte sich ins Zeug, die kollektive, regieverordnete Massenbumserei im dritten Aufzug wirkte dennoch lustlos, bar jeden Funkens an alkoholgeschwängerter, anarchischer Volksaufwallung. Bertrand de Billy sorgte für einen guten musikalischen Fluss aus dem Orchestergraben, wobei nicht nur die Hörner keinen so guten Tag hatten. Der starke Schlussapplaus lag bei rund sieben, acht Minuten.