„Kein Gustostückerl“
(Dominik
Troger)
An
der Wiener Staatsoper ankert nach längerer Abwesenheit wieder einmal
der „Fliegende Holländer“. Bei seinem letzten Besuch in Wien 2021 ist
er nach zwei Vorstellungen in einen COVID-Lockdown geraten, und ward
dann nicht mehr gesehen. Aber er scheint die Pandemie gut überstanden
zu haben.
Als
Ort der körperlichen Manifestation diente dem Holländer wieder die
Inszenierung von Christine Mielitz aus dem Jahr 2003, mit gruselig
ausgeleuchtetem „Grottenbahneffekt“.
Der „ideologische Überbau“ dieser Produktion war jedoch schon bei der
Premiere umstritten und hat in seiner Simplifizierung inzwischen
einiges an Staub angesetzt. Daland ist bei Mielitz ein widerlicher
Kapitalist, goldgierig und tochterverschachernd, der seine Matrosen
schlecht behandelt. Der Holländer ist eine Art von gescheitertem
Revolutionär, der Senta ideologisch verführt. Sentas „revolutionäre“
Selbstverbrennung (!) ist in diesem Kontext zwar schlüssig, aber
zugleich ein sehr gutes Beispiel dafür, wie ein von außen
herangetragenes Konzept die einer Oper innewohnende, musik- und
textbasierte Dramaturgie verzerrt. Die Inszenierung ist handwerklich
gut gemacht, bei der Personen- und Chorführung müsste allerdings
nachgeschärft werden.
In diesem bekannten Rahmen gab es bei der aktuellen Aufführungsserie
eine Reihe von Wiener Rollendebüts. Die erste Vorstellung am 22. April,
die von mir nicht besucht wurde, machte vor allem durch den
„On-the-fly“-Austausch des Jägers von sich reden. Andreas Schagers
Wiener Erstauftritt als Erik musste wegen einer Allergie abgebrochen
werden (die Birken haben es heuer besonders intensiv blühen lassen) und
Jörg Schneider, der den Erik bereits 2021 an der Staatsoper gesungen hat, übernahm
nach dem zweiten Aufzug. Er kam auch in der zweiten Vorstellung und in
der dritten zum Einsatz: Der Erik ist für seinen Tenor allerdings eine
Grenzpartie, vor allem im dritten Aufzug war die Anstrengung, die ihm
dieser Grenzgang kostete, nicht mehr zu überhören.
Das mit Spannung erwartete Wiener Rollendebüt von Tomasz Konieczny
in der Titelpartie hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. An
Lautstärke hat es Konieczny noch nie gefehlt und sein Holländer könnte
mit „Windstärke 12“ sogar den Weltuntergang herbei singen. Aber in den
Szenen mit Senta fehlte es an Feinheit und gewinnendem Charme. Deshalb
blieb seine Gesamtwirkung recht eindimensional und zu grob, um das
starke Seelenleiden der Figur mit jenem inneren Adel zu vermählen, der
den Holländer nicht nur als erlösungshungrig, sondern auch als
erlösungsswert erscheinen lässt.
Dem „orkanstimmigen“ Holländer gegenüber erwies sich die für Wien ebenfalls neue Senta der Erica Eloff
mehr als ein „Lüfterl“: ein sympathischer, lyrischer Sopran, ohne
ausreichendes dramatisches Potenzial. Sie nahm die Stimme immer
wieder stark zurück, nicht nur in der Ballade, was ihrem Vortrag viel
an Wirkung und schwärmerischer Energie kostete. Vielleicht sollte Senta
dadurch als besonders hypersensibler, verinnerlichter Charakter
gezeichnet werden? Oder hat sie aus der „Not“ eine lyrische „Tugend“
gemacht, weil ihre Stimme in dramatischen Ausbrüchen unstet und stark
forciert klang? Eloff hat die Partie bereits in Linz gesungen,
womöglich passt ein kleineres Haus besser zu ihrer Rollenauffassung.
Dem Daland von Franz-Josef Selig
waren die vielen Jahre des rauen Seemannslebens sehr deutlich anzuhören
(hat er doch bereits in der alten Staatsoperninszenierung um die
Jahrtausendwende auf den Weltmeeren sein Kaufmannsglück gesucht). Der
Steuermann von Hiroshi Amako klang überfordert; zweckentsprechend die Mary der Stephanie Maitland.
Der Chor legte sich ins Zeug, die kollektive, regieverordnete Massenbumserei im dritten
Aufzug wirkte dennoch lustlos, bar jeden Funkens an alkoholgeschwängerter,
anarchischer Volksaufwallung. Bertrand de Billy
sorgte für einen guten musikalischen Fluss aus dem Orchestergraben,
wobei nicht nur die Hörner keinen so guten Tag hatten. Der starke
Schlussapplaus lag bei rund sieben, acht Minuten.