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GÖTTERDÄMMERUNG
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Staatsoper Dirigent: Pablo Heras-Casado |
Siegfried
- Andreas Schager |
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Ob dem Sven-Eric Bechtolf-„Ring“ mit dieser „Götterdämmerung“ das letzte Stündlein geschlagen hat, weiß nur das sprichwörtliche Mäuschen, dessen Urahnen seit 1869 die Direktionsräume der Staatsoper bewohnen. Aber die haben dort schon an so vielen Verträgen genagt, dass es ihnen herzlich egal ist, ob gerade Sonntag oder Mon(d)tag ist Aber berechtigterweise würde seitens der Staatsoper ohnehin heftig dementiert werden, dass es dieses Mäuschen überhaupt gibt. Insofern ist das eifrige Gerede über einen neuen „Ring“ im Haus am Ring ab übernächster Saison natürlich nur Spekulation. Der Regisseur des jetzt verabschiedeten oder doch nicht verabschiedeten „Rings“ – Sven-Eric Bechtolf – hätte mit dem Mäuschen aber sicher ein gutes Auskommen gefunden: Bechtolfs „Ring“ hat sich eine Naivität bewahrt, die juvenile Züge trägt. Bezogen auf die „Götterdämmerung“ lässt sich diese Sicht zum Beispiel an der Figur des Hagen ablesen. Bei Bechtolf ist Hagen ein eher jugendlich wirkender, ränkeschmiedender Intrigant. Er betätigt sich als heldischer Speerschwinger und zugleich alberner Zeichengeber, der etwa linkisch bemüht ist, Gutrune und Gunther klar zu machen, was sie Siegfried antworten sollen – oder wenn er sich gar als Mannendirigent versucht. Hagen hat wie ein Marionettenspieler alle am Fädchen, lockt sogar Siegfried herbei, mit großen Gesten, wie in einen somnambulen Zustand verfallend, bis der hehrste Held der Welt aus der Versenkung (!) fährt – mitten hinein ins Gibichung’sche Familienerbe. Hagen, selbst von Alberich gegängelt, gängelt er die anderen, ein bisschen Showstar und doch ein hinterhältiger Falott. Diese Rollenzeichnung hat bei der Premiere im Jahr 2008 viele Besucher irritiert – sich seither im Repertoire aber stark abgeschliffen. Nicht nur bei Hagen fand Sven-Eric Bechtolfs Konzept, die Dinge ernst, aber nicht zu ernst zu nehmen, eine deutliche Ausprägung: Bechtolf brach den Wagner’schen Mythos nicht, ihn brutal in die Gegenwart verfrachtend, sondern in dem er die Handlung immer wieder in eine anarchisch-kindliche Perspektive stellte. Bechtolf behandelte den „Ring“ wie ein Märchen, stöberte ein wenig in der großbürgerlichen Psyche, und bewahrte sich dabei die Haltung eines neugierigen, mit Mutterwitz gesegneten, frühreifen Knaben, der gerne Theater spielt. Nun wird ein großer Teil des Publikums wahrscheinlich nicht traurig darüber sein, wenn ihm in Hinkunft die Christbaumplantage des Walkürenfelsen erspart bleibt, aber bei den immer größeren szenischen Absurditäten, zu denen das Regie getriebene Opernbusiness fähig ist, überwiegen naturgemäß die Befürchtungen vor einer „Neudeutung“. Aber vielleicht kommt ohnehin alles anders, als man glaubt. Musikalisch ergab sich an diesem Abend ein etwas uneinheitlicher Eindruck. Das begann schon im Orchestergraben. Pablo Heras-Casado hat es laut und brutal klingen lassen: Wäre Siegfried nicht gerade eben verstorben, er hätte ihn mit dem Trauermarsch erschlagen. In der Tageszeitung „Die Presse“ (6.6.2026) war anlässlich der ersten Vorstellung der „Götterdämmerung“ dieser beiden „Ring“-Durchgänge von einem „symphonischen Mahlstrom“ zu lesen, allerdings hat sich nach meinem Eindruck dieser „Endzeitstrudel“ mehr in seiner technisch-akustischen Ausformung artikuliert, weniger in einem subtilen Spannungsaufbau, der auch die musikalischen Bögen sucht. In einem Interview für die Website „Klassik begeistert“ meinte Heras-Casado: „Wagner is closer to Monteverdi than to Puccini, Vivaldi or Bellini.“ (1) Aus „narrativer“ Sicht vielleicht – und das hat sicher Vorteile, wenn es darum geht, sich ins Motivgeflecht einzuhaken, etwa bei der Nornenszene, wo man der leitmotivischen „Deklamatorik“ mit Interesse lauschte. (Wobei in diesem zitierten Vergleich rezeptionsgeschichtlich schon eine sehr „akademische“, um nicht zu schreiben „historiographische“ Sichtweise zum Vorschein kommt.) Aber „Interesse“ und „große Emotionen“ sind doch zwei Paar Schuhe und die Emotionen artikulierten sich an diesem Abend vor allem durch Gegensätze in der Lautstärke (besonders laut die Blechbläser) oder in sehr deutlichen Tempowechseln (etwa am Ende des Vorspiels, wo Grane gleichsam in Galopp verfiel, um mit Siegfried möglichst rasch zum rheinbefahrenden Schifflein zu kommen). Vor Beginn des dritten Aufzugs gab es sogar ein paar Buhrufe, die den Dirigenten meinten, aber sie waren wenig durchsetzungsstark, auf meinem Platz (Balkon Seite) schlecht zu hören, und sind rasch vom allgemeinen Beifall verschluckt worden. Vielleicht waren sie vom zweiten Aufzug angeregt worden, der seine Stärken nicht so recht ausspielen konnte und der gegen Ende hin überraschend spannungslos geriet – was aber auch mit der Besetzung zu tun hatte. Denn die Gibichungen waren an diesem Abend kein „Highlight“: Attila Mokus ein blasser, gesanglich durchsetzungsschwacher Gunther, Jenni Hietala eine etwas zu leichtgewichtig besetzte Gutrune, und Günther Groissböcks Bass klang sehr trocken, im Volumen sparsam, aber er konnte sich zumindest darstellerisch die Präsenz sichern, die Hagen als Gegenspieler Siegfrieds profiliert. (Und überhaupt hätten nicht nur die drei von einem in der Dynamik sensibleren Dirigat stark profitiert.) Camilla Nylund hat erst 2023 in Zürich als „Götterdämmerungs“-Brünnhilde debütiert, und ein kleineres Haus wird, wenn sich ihr Sopran zu hochdramatischen Höhenflügen aufschwingt, für diese wahrscheinlich geeigneter sein als die Wiener Staatsoper. Nylunds Brünnhilde war trotzdem beeindruckend, gewann durch sichere Spitzentöne, und durch starke darstellerische und emotionale Intensität. Einserseits hat sich ihr Sopran trotz langer Karrierejahre eine gewisse lyrische Anschmiegsamkeit bewahrt, was ihrer Brünnhilde eine überzeugende Frische verlieh, andererseits war die stimmliche Anstrengung dann doch nicht zu überhören, etwa im zweiten Aufzug, wenn Wotans Tochter vor Zorn und Rache kocht. Auch dem Schlussgesang hätte eine etwas breitere stimmliche Fundierung gut getan. Andreas Schager hat seinen energetischen Jung-Siegfried in die „Götterdämmerung“ übersiedelt. Im ersten Aufzug wirbelte er die Gibichungen durcheinander und warb nach Hagens Trunk stürmisch um Gutrune. Die Täuschung Brünnhildes durch die Verwendung des Tarnhelms war wieder großartig gestaltet, auch im Stimmklang trefflich angepasst. Im dritten Aufzug mischte sich dann eine Spur Nachdenklichkeit in Siegfrieds Jugend, so als würde er sein nahes Ende erahnen. Schagers Tenor präsentierte sich insgesamt in sehr guter Verfassung, bei gewohnt beeindruckendem Durchhaltevermögen (und das „Hoihe!-C“ ist ohnehin eine Luxusfrage, an diesem Abend zählte der Wille fürs Werk). Georg Nigl packte in die Darstellung des Alberich wieder einen Manierismus, der mich nicht überzeugte, auch die Zeichnung eines – wie mir schien – gealterten und etwas frustriert wirkenden Zwergen knabberte für meinen Geschmack zu stark an den Machtansprüchen des Nibelungen, die er ja nicht aufgegeben hat. Szilvia Vörös gab eine klangschöne, mitfühlende Waltraute, die Nornen präsentierten sich in Summe überzeugender als die Rheintöchter. Das Publikum ließ sich nach Verklingen des letzten Tons sogar zu einigen Sekunden betroffener Stille hinreißen (wenige einsetzende Klatscher verstummten wieder). Der starke und teils enthusiastische Schlussbeifall dauerte zumindest eine Viertelstunde lang. (Ich habe das Ende des Applauses nicht abgewartet.) (1) https://klassik-begeistert.de/interview-kb-im-gespraech-mit-pablo-heras-casado-dirigent-wiener-staatsoper-11-juni-2026 [15.6.2026]
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