STIFFELIO
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Theater a.d. Wien
13. Mai 2026

Musikalische Leitung: Jérémie Rhorer

Inszenierung: Vasily Barkhatov
Bühne: Christian Schmidt
Mitarbeit Bühne: Sascha Röder
Kostüm: Stefanie Seitz
Licht: Alexander Sivaev
Video: Andreas Deinert


ORF Radio Symphonieorchester
Arnold Schönberg Chor

Stiffelio - Luciano Ganci
Lina - Joyce El-Khoury
Dorotea - Štepánka Pucálková
Stankar - Franco Vassallo
Jorg - Alessio Cacciamani
Raffaele - Luigi Morassi
Federico - James Kryshak


Lautstarke Ehekrise
(Dominik Troger)

Das MusikTheater an der Wien beschließt die Saison mit Giuseppe Verdis „Stiffelio“. Leider wurde einem der Premierenabend durch ein viel zu laut aufspielendes Orchester vergällt – und was die Inszenierung betrifft: Stiffelio als Jazz-Trompeter in die Handlung einzuführen und ihn am Schluss von Mafiosi ermorden zu lassen war wieder einmal der typische „Regie-Nonsense“.

„Stiffelio“ wurde 1850, kein halbes Jahr vor dem „Rigoletto“ uraufgeführt – und das erklärt rezeptionsgeschichtlich schon viel, wenn auch nicht alles. „Stiffelio“, die Geschichte von der Ehekrise eines protestantischen Pfarrers im Deutschland des 19. Jahrhunderts, war für 1850 vom Thema zwar modern, handelte Verdi aber schwere Probleme mit den Zensurbehörden ein. Verdi hat die Oper schließlich zurückgezogen und 1857 erklomm der Pfarrer in einer umgearbeiteten Fassung als Kreuzritter „Aroldo“ die Opernbühne, ohne nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Vieles an originalem Notenmaterial zum „Stiffelio“ ging im Laufe der nächsten Jahrzehnte verloren oder musste erst wieder aufgespürt werde. Ab den 1990er-Jahren erlebte das Werk dann eine „Renaissance“.

Im Zuge dieser „Wiederentdeckung“ hat es die Oper mit fast 150-jähriger Verspätung nach Wien geschafft: 1996 hat die Wiener Staatsoper das Werk aufgeführt – in illustrer Besetzung mit José Carreras, Mara Zampieri und Renato Bruson. Bis 2009 wurden über 30 Aufführungen gespielt. In 22 davon hat laut dem Onlinearchive der Staatsoper Renato Bruson den Stankar gesungen, und damit diese Partie nachhaltig geprägt. Mit dem „Aroldo“  hat das Wiener Publikum übrigens bereits 1858 (!) Bekanntschaft machen dürfen: Es war kein Erfolg.

„Stiffelio“ ist in Verdis Schaffen ein Werk des Übergangs. Die Handlung, die einer bigotten Gesellschaft zwischen Bibelversen einen Ehebruch serviert, wirkt doch etwas „grell“ und
„unheutig“ – zumal dann auch noch Stankar, befeuert von soldatischem Ehrgefühl, am Verführer seiner Tochter blutige Rache nimmt. Was also tun mit diesem „Stiffelio“?

Anno dazumal an der Staatsoper hat man auf ein unspektakuläres historisierendes Bühnensetting gesetzt. Am Theater an der Wien des Jahres 2026 lässt Regisseur Vasily Barkhatov Verdis „Stiffelio“ in den heutigen USA unter den täuferisch-protestantischen und technologieskeptischen Amish People spielen. Dadurch wahrt er zwar den religiösen Kontext, handelt sich aber gegenüber Verdis Oper einige Glaubwürdigkeitsprobleme ein. Außerdem hat sich Barkhatov bemüßigt gefühlt, die bei Verdi nur sehr vage skizzierte Vorgeschichte Stiffelios auszuschmücken: Es soll sich bei ihm um einen Jazz-Trompeter handeln, der ernste Probleme mit der Mafia hatte und vor ihr zu den Amish People geflüchtet ist! (Diese Vorgeschichte wird als Filmprojektion parallel zur Ouvertüre dem Publikum aufs Auge gedrückt.) Aber die Arme der Mafia sind lang und im Finale ereilt Stiffelio dann doch noch sein tödliches Schicksal.

Aber auch bei der Zeichnung des Stankar hängt Barkhatovs „Stiffelio“-Exegese schwer in der Luft: Sind die Amish People nicht Pazifisten? Woher nimmt Stankar (bei Verdi ehemaliger Offizier und adelig!) seinen soldatischen und standesgemäßen Ehrbegriff, wieso will er sich duellieren? Die extremen Ehr- und Rachegefühle, die Stankar entwickelt, sind vor diesem Hintergrund mehr als unglaubwürdig. Und natürlich finden sich in dem ganzen auf der Bühne detailliert ausgebreiteten Amish-Haushalt weder Degen noch Schwert und so behilft man sich mit Küchenwerkzeug. 

Barkhatov pflegt teilweise ohnehin einen Naturalismus, der schnell Lächerlichkeit befördert: etwa wenn man Lina bei Hühnerrupfen zuschauen darf oder wenn man kurz die Einmachgläser und Konserven erblickt, die im Küchenkastl stehen. Wenn im Finale die Mitglieder der Gemeinde wie Amish-Puppen mit „leeren“ Gesichtern auftreten (die Spielzeug-Stoff-Puppen der Amish dürfen kein Gesicht besitzen), dann schleicht sich jedoch ein Irrationalismus ein, der den sehr konkreten und sehr realen Vergebungsakt (!!) von Verdis Oper verwässert und – um den Mafiamord an Stiffelio erweitert – ad absurdum führt.

Für die szenische Umsetzung hat das Theater an der Wien wieder einmal die Drehbühne angeworfen. Auf ihr hat man eine große Amish-Wohnung von der Küche bis zum Schlafzimmer aufgebaut, samt Gebetsraum. Dieser hat den seitens des Librettos im zweiten Akt geforderten Friedhof stimmungsmäßig aber nicht adäquat ersetzen können. (Lina sollte bei dem Grab ihrer Mutter beten, ihr Vater und der Verführer sollten sich dort beinahe duellieren etc.)

In diesem mit viel Geschäftigkeit belebten Wohnungsambiente geht viel an dramaturgischer Notwendigkeit verloren. Die einheitlichen Trachten der Amish verstärken die Entindividualisierung (!) der Bühnenfiguren, obwohl Verdi das ganz persönliche „Seelendrama“ sucht. Treffende Bilder für dieses Seelendrama findet Barkhatov nur selten: etwa bei der Beichte Linas, die einen Sessel mit Hut und Jacke zum „Pastor“ drapiert hat, während Stiffelio erschüttert daneben steht und zuhört.  Einen Vorteil hat das Bühnenbild: Szenenwechsel sind leicht zu bewerkstelligen, so geht etwa der Übergang zum kurzen letzten Bild rasch und ohne Umbaupause von statten.

In musikalischer Hinsicht war es vor allem laut. Nach zwei szenischen Produktionen im Theater an der Wien bei denen man mit der Akustik zufrieden sein konnte, war es dieses Mal ganz übel, möglicherweise durch das Bühnenbild verstärkt. Dazu gesellte sich mit Jérémie Rhorer ein Dirigent, der das robust aufspielende ORF Symphonieorchester in der Lautstärke viel zu wenig gezügelt hat. Und die Sänger haben sich offenbar teils bemüßigt gefühlt, mit dem Orchester mitzuhalten: Luciano Ganci hat seinen hellen Tenor mit Verve geführt, hat den Befindlichkeiten der Bühnenfigur weniger mit Feingefühl, sondern mehr lautstark Ausdruck verliehen. Gancis Stiffelio mutierte zu einer Figur des Verismo, mit leicht grellen, heroischen Höhenattacken – irgendwie imposant, irgendwie aber auch etwas einförmig.

Stiffelios Gemahlin Lina, Joyce El-Khoury, überzeugte mehr in den lyrischeren Passagen, besitzt ein feines Piano, in der kräftig ausgesungenen Höhe klang ihr Sopran schon grenzwertig bis überbeansprucht, auch mit Intonationsproblemen behaftet, was sich vor allem im ersten Akt störend bemerkbar machte. Franco Vassallo gab den Stankar mit kräftigem Bariton, in seiner Stimmkraft und Höhensicherheit gut zum Stiffelio dieses Abends passend, ebenfalls von veristischer Intensität getragen. Luigi Morassi als verführender und überzeugender Raffaele hielt sich dagegen mehr im Hintergrund – aber er ist auch mehr Katalysator der Geschehnisse. Das übrige Personal hatte sich ohnehin nur punktuell einzubringen und der Arnold Schönberg Chor hat sich sehr gut in die Welt von Verdi und der Amish People eingefügt.

Der zustimmende Schlussbeifall war stark, allerdings habe ich dieses Mal das Ende des Applauses nicht abgewartet.Die Premiere war nicht ganz ausverkauft und für die folgenden vier Vorstellungen sind aktuell noch Karten verfügbar.