„Lautstarke Ehekrise“
(Dominik Troger)
Das
MusikTheater an der Wien beschließt die Saison mit Giuseppe Verdis
„Stiffelio“. Leider wurde einem der Premierenabend durch ein viel zu
laut aufspielendes Orchester vergällt – und was die Inszenierung
betrifft: Stiffelio als Jazz-Trompeter in die Handlung einzuführen und
ihn am Schluss von Mafiosi ermorden zu lassen war wieder einmal der
typische „Regie-Nonsense“.
„Stiffelio“
wurde 1850, kein halbes Jahr vor dem „Rigoletto“ uraufgeführt – und das
erklärt rezeptionsgeschichtlich schon viel, wenn auch nicht alles.
„Stiffelio“, die Geschichte von der Ehekrise eines protestantischen
Pfarrers im Deutschland des 19. Jahrhunderts, war für 1850 vom Thema
zwar modern, handelte Verdi aber schwere Probleme mit den
Zensurbehörden ein. Verdi hat die Oper schließlich zurückgezogen und
1857 erklomm der Pfarrer in einer umgearbeiteten Fassung als
Kreuzritter „Aroldo“ die Opernbühne, ohne nachhaltigen Eindruck zu
hinterlassen. Vieles an originalem Notenmaterial zum „Stiffelio“ ging
im Laufe der nächsten Jahrzehnte verloren oder musste erst wieder
aufgespürt werde. Ab den 1990er-Jahren erlebte das Werk dann eine
„Renaissance“.
Im Zuge dieser „Wiederentdeckung“ hat es die Oper mit fast 150-jähriger
Verspätung nach Wien geschafft: 1996 hat die Wiener Staatsoper das Werk
aufgeführt – in illustrer Besetzung mit José Carreras, Mara Zampieri
und Renato Bruson. Bis 2009 wurden über 30 Aufführungen gespielt. In 22
davon hat laut dem Onlinearchive der Staatsoper Renato Bruson den
Stankar gesungen, und damit diese Partie nachhaltig geprägt. Mit dem
„Aroldo“ hat das Wiener Publikum übrigens bereits 1858 (!)
Bekanntschaft machen dürfen: Es war kein Erfolg.
„Stiffelio“ ist in Verdis Schaffen ein Werk des Übergangs. Die
Handlung, die einer bigotten Gesellschaft zwischen Bibelversen einen
Ehebruch serviert, wirkt doch etwas „grell“ und „unheutig“
– zumal dann auch noch Stankar, befeuert von soldatischem Ehrgefühl, am
Verführer seiner Tochter blutige Rache nimmt. Was also tun mit diesem
„Stiffelio“?
Anno dazumal an der Staatsoper hat man auf ein unspektakuläres
historisierendes Bühnensetting gesetzt. Am Theater an der Wien des
Jahres 2026 lässt Regisseur Vasily Barkhatov
Verdis „Stiffelio“ in den heutigen USA unter den
täuferisch-protestantischen und technologieskeptischen Amish People
spielen. Dadurch wahrt er zwar den religiösen Kontext, handelt sich
aber gegenüber Verdis Oper einige Glaubwürdigkeitsprobleme ein.
Außerdem hat sich Barkhatov bemüßigt gefühlt, die bei Verdi nur sehr
vage skizzierte Vorgeschichte Stiffelios auszuschmücken: Es soll sich
bei ihm um einen Jazz-Trompeter handeln, der ernste Probleme mit der
Mafia hatte und vor ihr zu den Amish People geflüchtet ist! (Diese
Vorgeschichte wird als Filmprojektion parallel zur Ouvertüre dem
Publikum aufs Auge gedrückt.) Aber die Arme der Mafia sind lang und im
Finale ereilt Stiffelio dann doch noch sein tödliches Schicksal.
Aber auch bei der Zeichnung des Stankar hängt Barkhatovs
„Stiffelio“-Exegese schwer in der Luft: Sind die Amish People nicht
Pazifisten? Woher nimmt Stankar (bei Verdi ehemaliger Offizier und
adelig!) seinen soldatischen und standesgemäßen Ehrbegriff, wieso will
er sich duellieren? Die extremen Ehr- und Rachegefühle, die Stankar
entwickelt, sind vor diesem Hintergrund mehr als unglaubwürdig. Und
natürlich finden sich in dem ganzen auf der Bühne detailliert
ausgebreiteten Amish-Haushalt weder Degen noch Schwert und so behilft
man sich mit Küchenwerkzeug.
Barkhatov pflegt teilweise ohnehin einen Naturalismus, der schnell
Lächerlichkeit befördert: etwa wenn man Lina bei Hühnerrupfen zuschauen
darf oder wenn man kurz die Einmachgläser und Konserven erblickt, die
im Küchenkastl stehen. Wenn im Finale die Mitglieder der Gemeinde wie
Amish-Puppen mit „leeren“ Gesichtern auftreten (die
Spielzeug-Stoff-Puppen der Amish dürfen kein Gesicht besitzen), dann
schleicht sich jedoch ein Irrationalismus ein, der den sehr konkreten
und sehr realen Vergebungsakt (!!) von Verdis Oper verwässert und – um
den Mafiamord an Stiffelio erweitert – ad absurdum führt.
Für
die szenische Umsetzung hat das Theater an der Wien wieder einmal die
Drehbühne angeworfen. Auf ihr hat man eine große Amish-Wohnung von der
Küche bis zum Schlafzimmer aufgebaut, samt Gebetsraum. Dieser hat den
seitens des Librettos im zweiten Akt geforderten Friedhof
stimmungsmäßig aber nicht adäquat ersetzen können. (Lina sollte bei dem
Grab ihrer Mutter beten, ihr Vater und der Verführer sollten sich dort
beinahe duellieren etc.)
In diesem mit viel Geschäftigkeit belebten Wohnungsambiente geht viel
an dramaturgischer Notwendigkeit verloren. Die einheitlichen Trachten
der Amish verstärken die Entindividualisierung (!) der Bühnenfiguren,
obwohl Verdi das ganz persönliche „Seelendrama“ sucht. Treffende Bilder
für dieses Seelendrama findet Barkhatov nur selten: etwa bei der
Beichte Linas, die einen Sessel mit Hut und Jacke zum „Pastor“ drapiert
hat, während Stiffelio erschüttert daneben steht und zuhört.
Einen Vorteil hat das Bühnenbild: Szenenwechsel sind leicht zu
bewerkstelligen, so geht etwa der Übergang zum kurzen letzten Bild
rasch und ohne Umbaupause von statten.
In musikalischer Hinsicht war es vor allem laut. Nach zwei szenischen
Produktionen im Theater an der Wien bei denen man mit der Akustik
zufrieden sein konnte, war es dieses Mal ganz übel, möglicherweise
durch das Bühnenbild verstärkt. Dazu gesellte sich mit Jérémie Rhorer
ein Dirigent, der das robust aufspielende ORF Symphonieorchester in der
Lautstärke viel zu wenig gezügelt hat. Und die Sänger haben sich
offenbar teils bemüßigt gefühlt, mit dem Orchester mitzuhalten: Luciano Ganci
hat seinen hellen Tenor mit Verve geführt, hat den Befindlichkeiten der
Bühnenfigur weniger mit Feingefühl, sondern mehr lautstark Ausdruck
verliehen. Gancis Stiffelio mutierte zu einer Figur des Verismo, mit
leicht grellen, heroischen Höhenattacken – irgendwie imposant,
irgendwie aber auch etwas einförmig.
Stiffelios Gemahlin Lina, Joyce El-Khoury,
überzeugte mehr in den lyrischeren Passagen, besitzt ein feines Piano,
in der kräftig ausgesungenen Höhe klang ihr Sopran schon grenzwertig
bis überbeansprucht, auch mit Intonationsproblemen behaftet, was sich
vor allem im ersten Akt störend bemerkbar machte. Franco Vassallo
gab den Stankar mit kräftigem Bariton, in seiner Stimmkraft und
Höhensicherheit gut zum Stiffelio dieses Abends passend, ebenfalls von
veristischer Intensität getragen. Luigi Morassi
als verführender und überzeugender Raffaele hielt sich dagegen mehr im
Hintergrund – aber er ist auch mehr Katalysator der Geschehnisse. Das
übrige Personal hatte sich ohnehin nur punktuell einzubringen und der Arnold Schönberg Chor hat sich sehr gut in die Welt von Verdi und der Amish People eingefügt.
Der zustimmende Schlussbeifall war stark, allerdings habe ich dieses
Mal das Ende des Applauses nicht abgewartet.Die Premiere war nicht ganz
ausverkauft und für die folgenden vier Vorstellungen sind aktuell noch
Karten verfügbar.