SIMON BOCCANEGRA
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Staatsoper
24.4.2026

Dirigent: Marco Armiliato

Simon Boccanegra - Ludovic Tézier
Jacopo Fiesco - Kwangchul Youn
Paolo Albiani - Attila Mokus
Pietro - Evgeny Solodovnikov
Amelia Grimaldi - Federica Lombardi
Gabriele Adorno - Francesco Meli
Ein Hauptmann - Andrew Turner
Dienerin Amelias - Maria Zherebiateva



„Edle Gefühle
(Dominik Troger)

Von 1882 bis 1990: 87 Vorstellungen, von 2002 bis 2026: 102 Vorstellungen. Ein Blick in das Online-Staatsopernarchiv beweist: „Simon Boccanegra“ ist im neuen Jahrtausend im Haus am Ring öfter gespielt worden, als in all den Jahrzehnten zuvor.

Die Erstaufführung an der Hofoper ist 1882 über die Bühne gegangen und wurde mit einiger Skepsis aufgenommen. Man hat an die Bühnenwirksamkeit der Oper nicht so recht glauben wollen, die von Verdi erst im Jahr zuvor in neuer Fassung der Öffentlichkeit präsentiert worden war. Den Musikkritiker Ludwig Speidel hat die Erstaufführung bezogen auf das Werk zur lapidaren Feststellung animiert: „Im besten Falle: edle Langeweile.“ (Siehe Fremden-Blatt, 21.11.1882).

„Simon Boccanegra“ ist dann für fast 50 Jahre vom Spielplan verschwunden, erst 1930 hat das Haus am RIng eine Neuinszenierung in einer deutschen Bearbeitung von Franz Werfel gewagt. Julius Korngold hat sich in der „Neuen Freien Presse“ (14.1.1930) ausführlich mit dieser Produktion befasst – und er hat auch die oben zitierte Anmerkung von Ludwig Speidel noch einmal aufgegriffen: „Speidel hat 1882 den Eindruck des Werkes als »edle Langeweile« bezeichnet. Sie dürfte sich dank der mächtig gewachsenen Schätzung des Meisters und dank der guten Aufführung in ein edles Interesse verwandeln.“

Heute lässt sich getrost sagen: Julius Korngold hat recht behalten. Inzwischen erfreut sich „Simon Boccanegra“ unter vielen Opernliebhabern großer Wertschätzung. Das hat möglicherweise auch viel mit Sängerpersönlichkeiten zu tun, die sich im Laufe ihrer Karriere dieser Oper gerne angenommen haben. Schließlich ist der Simon Boccanegra eine „edle“ Rolle, sein Gifttod ein sehr langsamer, seine väterliche Liebe heftig, seine Güte herzensstark, seine politische Agenda visionär. Und dass auch Placido Domingo schlussendlich die Rolle für sich entdeckt hat, war den Aufführungszahlen zusätzlich dienlich: An der Staatsoper weist das Onlinearchiv des Hauses von 2011 bis 2020 immerhin 17 Auftritte des einst gefeierten Tenors aus, der sich dann noch viele Jahre als „Bariton“ gegönnt hat.

Domingo befindet sich mit seinem Genueser Dogen in bester Gesellschaft: Thomas Hampson hat die Titelpartie seit der Premiere der aktuellen Produktion im Jahr 2002 39x gesungen. Sogar Renato Bruson und Leo Nucci sind in dieser Inszenierung von Peter Stein noch aufgetreten. Mit denkwürdigem Erinnern sei an dieser Stelle auch an Dmitri Hvorostovsky gedacht.

Jetzt ist Ludovic Tézier mit dieser Aufführungsserie an der Staatsoper als Doge in diese großen Fußstapfen getreten und sie sind ihm nicht zu groß gewesen. Gestützt vom edlem Pathos der Inszenierung konnten sich die edlen Emotionen von Téziers Boccanegra voll entfalten. Was sein Rollenporträt auszeichnete war sozusagen die ausbalancierte „Querschnittmenge“: viel Gefühl, wenn es um die Beziehung zu Amelia geht, genug Stimmkraft, um seine Autorität zu wahren, und fast Jago’sche Hinterlistigkeit in der Fluchszene mit Paolo. Seine Stimme besitzt außerdem ausreichend füllige Wärme und Geschmeidigkeit, um in diesem „italischen“ Opernkosmos bestehen zu können. Die langsame Wirkung des Giftes hat Tézier gut verdeutlich – wirkt es doch so langsam, dass sich vor dem unvermeidlichen Bühnentod noch eine erhellende Begegnung mit Fiesco ausgeht.

Auch an der Partie des Fiesco kann abgelesen werden, dass Sängerpersönlichkeiten bei der Wirkung der Oper eine große Rolle spielen. Und hier ist natürlich Ferruccio Furlanetto zu nennen, der als Fiesco dieser Produktion den Stempel aufgedrückt hat: In mehr als der Hälfte der bis dato 102 Aufführungen ist er als Genueser Patrizier auf der Staatsopernbühne gestanden. Ihm folgte u.a. 2019 Kwangchul Youn, der auch in dieser Aufführungsserie wieder aufgeboten wurde.

Youns Bass war allerdings schon damals die Länge seiner Karriere deutlich anzuhören. Rezitativ und Romanze im Prolog wurden mit viel unruhigem „Altersvibrato“ angereichert und er tat sich schwer mit dem „lyrischen Leiden“. Danach war auch in dieser Aufführungsserie eine deutliche Steigerung festzustellen. Youns Stimme besitzt nach wie vor ihren dunklen Charakter, außerdem vermochte auch er dieses edle Pathos zu beschwören, dass diesem Werk so gut ansteht.

Für Federica Lombardi war es nach 2014 die zweite „Boccanegra“-Serie am Haus. Auch bei ihr überzeugte die „Querschnittsmenge“ eleganter musikalischen Ausgewogenheit: von der auf sonnenglitzernden Wellen schaukelnden Kavatinenlyrik des ersten Aktes bis zu ihrem mit leuchtendem Sopran ausformulierten, fast kämpferisch zu nennenden Eintreten für ihren Liebsten. Zudem hat sie sich wie Simon und Fiesco die edle, gediegene Grundhaltung des Werkes zu eigen gemacht, die Steins Inszenierung so trefflich unterstützt.

Beim Gabriele musste die Staatsoper auf zwei Einspringer zurückgreifen: für den ursprünglich angekündigten Joshua Guerrero kamen je zwei Mal Charles Castronovo und Francesco Meli zum Einsatz. Meli hat die Partie schon 2011 an der Staatsoper gesungen, befand sich damals gerade auf seinem Karriereweg ins „Zwischenfach“ – und er hat sich seinen Tenor seither erstaunlich gut erhalten. Wie schon damals konnte Meli auf Stimmkraft und Stilgefühl setzen. In der Attacke ist sein durchschlagskräftiger, eher hell timbrierter Tenor metallischer geworden, und was einem an Nuancen abgeht, wird man gerne dem Charakter der Bühnenfigur zuschreiben, diesem hitzigen Liebhaber und rebellischen Zeitgenossen, den Amelia glücklicherweise gerade noch rechtzeitig zu besänftigen weiß.

Attila Mokus hat bereits vor sechs Jahren sein stimmlich etwas raubeiniges Verschwörerhandwerk ausgeübt, Evgeny Solodovnikov kam stimmlich nicht an Dan Paul Dumitrescu heran, der den Pietro in dieser Produktion 81mal (!) gesungen hat (zuletzt 2024). Zudem war der Staatsopernchor der Aufführung wieder eine überzeugende Stütze.

Bei Marco Armiliato am Pult liefen die Fäden zusammen. (In der Spieplanvoschau 2025/26 war Michele Mariotti angekündigt worden.) Armiliato ist ein wienerfahrener „Simon Boccanegra“-Dirigent. Er hat die Produktion erstmals im Jahr 2007 geleitet und er scheint dieses Werk besonders zu schätzen. Das Staatsopernorchester spielte animiert und zauberte einen edlen Verdi aus dem Orchestergraben, gediegen und in maßvollem Tempo sowie mit viel Gespür für diese in Musik gegossene Erzählung aus alter Zeit.

Der Schlussapplaus kam auf rund zwölf Minuten und beschloss eine in Summe „edle“ Aufführung
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