„Edle Gefühle“
(Dominik Troger)
Von
1882 bis 1990: 87 Vorstellungen, von 2002 bis 2026: 102 Vorstellungen.
Ein Blick in das Online-Staatsopernarchiv beweist: „Simon Boccanegra“
ist im neuen Jahrtausend im Haus am Ring öfter gespielt worden, als in
all den Jahrzehnten zuvor.
Die
Erstaufführung an der Hofoper ist 1882 über die Bühne gegangen und
wurde mit einiger Skepsis aufgenommen. Man hat an die Bühnenwirksamkeit
der Oper nicht so recht glauben wollen,
die von Verdi erst im Jahr zuvor in neuer Fassung der Öffentlichkeit
präsentiert worden war. Den Musikkritiker Ludwig Speidel hat die
Erstaufführung bezogen auf das Werk zur lapidaren Feststellung animiert: „Im besten Falle: edle Langeweile.“ (Siehe „Fremden-Blatt“, 21.11.1882).
„Simon Boccanegra“
ist dann für fast 50 Jahre vom Spielplan verschwunden, erst 1930 hat
das Haus am RIng eine Neuinszenierung in einer deutschen Bearbeitung von Franz
Werfel gewagt. Julius Korngold hat sich in der „Neuen Freien Presse“
(14.1.1930) ausführlich mit dieser Produktion befasst – und er hat auch
die oben zitierte Anmerkung von Ludwig Speidel noch einmal
aufgegriffen: „Speidel hat 1882 den
Eindruck des Werkes als »edle Langeweile« bezeichnet. Sie dürfte sich
dank der mächtig gewachsenen Schätzung des Meisters und dank der guten
Aufführung in ein edles Interesse verwandeln.“
Heute lässt sich getrost sagen: Julius Korngold hat recht behalten.
Inzwischen erfreut sich „Simon Boccanegra“ unter vielen Opernliebhabern
großer Wertschätzung. Das hat möglicherweise auch viel mit
Sängerpersönlichkeiten zu tun, die sich im Laufe ihrer Karriere dieser
Oper gerne angenommen haben. Schließlich ist der Simon Boccanegra eine
„edle“ Rolle, sein Gifttod ein sehr langsamer, seine väterliche Liebe
heftig, seine Güte herzensstark, seine politische Agenda visionär. Und
dass auch Placido Domingo schlussendlich die Rolle für sich entdeckt
hat, war den Aufführungszahlen zusätzlich dienlich: An der Staatsoper
weist das Onlinearchiv des Hauses von 2011 bis 2020 immerhin 17
Auftritte des einst gefeierten Tenors aus, der sich dann noch viele
Jahre als „Bariton“ gegönnt hat.
Domingo befindet sich mit seinem Genueser Dogen in bester Gesellschaft:
Thomas Hampson hat die Titelpartie seit der Premiere der aktuellen
Produktion im Jahr 2002 39x gesungen. Sogar Renato Bruson und Leo Nucci
sind in dieser Inszenierung von Peter Stein noch aufgetreten. Mit
denkwürdigem Erinnern sei an dieser Stelle auch an Dmitri Hvorostovsky
gedacht.
Jetzt ist Ludovic Tézier mit
dieser Aufführungsserie an der Staatsoper als Doge in diese großen
Fußstapfen getreten und sie sind ihm nicht zu groß gewesen. Gestützt
vom edlem Pathos der Inszenierung konnten sich die edlen Emotionen von
Téziers Boccanegra voll entfalten. Was sein Rollenporträt auszeichnete
war sozusagen die ausbalancierte „Querschnittmenge“: viel Gefühl, wenn
es um die Beziehung zu Amelia geht, genug Stimmkraft, um seine
Autorität zu wahren, und fast Jago’sche Hinterlistigkeit in der
Fluchszene mit Paolo. Seine Stimme besitzt außerdem ausreichend füllige
Wärme und Geschmeidigkeit, um in diesem „italischen“ Opernkosmos
bestehen zu können. Die langsame Wirkung des Giftes hat Tézier gut
verdeutlich – wirkt es doch so langsam, dass sich vor dem
unvermeidlichen Bühnentod noch eine erhellende Begegnung mit Fiesco
ausgeht.
Auch an der Partie des Fiesco kann abgelesen werden, dass
Sängerpersönlichkeiten bei der Wirkung der Oper eine große Rolle
spielen. Und hier ist natürlich Ferruccio Furlanetto zu nennen, der als
Fiesco dieser Produktion den Stempel aufgedrückt hat: In mehr als der
Hälfte der bis dato 102 Aufführungen ist er als Genueser Patrizier auf
der Staatsopernbühne gestanden. Ihm folgte u.a. 2019 Kwangchul Youn, der auch in dieser Aufführungsserie wieder aufgeboten wurde.
Youns Bass war allerdings schon damals die Länge seiner Karriere
deutlich anzuhören. Rezitativ und Romanze im Prolog wurden mit viel
unruhigem „Altersvibrato“ angereichert und er tat sich schwer mit dem
„lyrischen Leiden“. Danach war auch in dieser Aufführungsserie eine
deutliche Steigerung festzustellen. Youns Stimme besitzt nach wie vor
ihren dunklen Charakter, außerdem vermochte auch er dieses edle Pathos
zu beschwören, dass diesem Werk so gut ansteht.
Für Federica Lombardi war es
nach 2014 die zweite „Boccanegra“-Serie am Haus. Auch bei ihr
überzeugte die „Querschnittsmenge“ eleganter musikalischen
Ausgewogenheit: von der auf sonnenglitzernden Wellen schaukelnden
Kavatinenlyrik des ersten Aktes bis zu ihrem mit leuchtendem Sopran
ausformulierten, fast kämpferisch zu nennenden Eintreten für ihren
Liebsten. Zudem hat sie sich wie Simon und Fiesco die edle, gediegene
Grundhaltung des Werkes zu eigen gemacht, die Steins Inszenierung so
trefflich unterstützt.
Beim Gabriele musste die Staatsoper auf zwei Einspringer zurückgreifen:
für den ursprünglich angekündigten Joshua Guerrero kamen je zwei Mal
Charles Castronovo und Francesco Meli zum Einsatz. Meli hat die Partie
schon 2011 an der Staatsoper gesungen, befand sich damals gerade auf
seinem Karriereweg ins „Zwischenfach“ – und er hat sich seinen Tenor
seither erstaunlich gut erhalten. Wie schon damals konnte Meli auf
Stimmkraft und Stilgefühl setzen. In der Attacke ist sein
durchschlagskräftiger, eher hell timbrierter Tenor metallischer
geworden, und was einem an Nuancen abgeht, wird man gerne dem Charakter
der Bühnenfigur zuschreiben, diesem hitzigen Liebhaber und rebellischen
Zeitgenossen, den Amelia glücklicherweise gerade noch rechtzeitig zu
besänftigen weiß.
Attila Mokus hat bereits vor sechs Jahren sein stimmlich etwas raubeiniges Verschwörerhandwerk ausgeübt, Evgeny Solodovnikov kam
stimmlich nicht an Dan Paul Dumitrescu heran, der den Pietro in dieser
Produktion 81mal (!) gesungen hat (zuletzt 2024). Zudem war der
Staatsopernchor der Aufführung wieder eine überzeugende Stütze.
Bei Marco Armiliato am Pult
liefen die Fäden zusammen. (In der Spieplanvoschau 2025/26 war Michele
Mariotti angekündigt worden.) Armiliato ist ein wienerfahrener „Simon
Boccanegra“-Dirigent. Er hat die Produktion erstmals im Jahr 2007
geleitet und er scheint dieses Werk besonders zu schätzen. Das
Staatsopernorchester spielte animiert und zauberte einen edlen Verdi
aus dem Orchestergraben, gediegen und in maßvollem Tempo sowie mit viel
Gespür für diese in Musik gegossene Erzählung aus alter Zeit.
Der Schlussapplaus kam auf rund zwölf Minuten und beschloss eine in Summe „edle“ Aufführung.