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SIMON BOCCANEGRA
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Wiener Staatsoper Dirigent:Daniele
Gatti Ausstattung aus einer Produktion der Osterfestspiele
Salzburg 2000 |
Simon
Boccanegra - Thomas Hampson |
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Erinnerungen sind eine gefährliche Sache, vor allem, wenn es um Opernaufführungen geht. Aber eines ist gewiss: rein szenisch konnte dieser Simon Boccanegra der vormaligen Giorgio Strehler-Inszenierung in keinster Weise das Wasser reichen. Und die Meinung im Pausenfoyer war ziemlich einhellig: an die Aufführungen von anno dazumal reichte dieser Abend auch in musikalischer Hinsicht nicht heran. Aber vielleicht ist es überhaupt unzulässig und unfair, eine Querverbindung von heute zurück ins Jahr 1984 zu schlagen – und es hilft ja auch nicht wirklich. Diejenigen, die nach diesem Abend begeistert waren, und die die Aufführungen Mitte der 80er Jahre nicht erlebt haben, werden meinen Hinweis nicht verstehen, und die anderen wissen ohnehin nur zu gut, was ich meine. So strecke ich mich also „einsichtsvoll“ nach der immer noch sehr schönen und klangvollen „Decke“ des Jahres 2002 und wechsle nahtlos zurück in die Gegenwart... Wollte man die Grundstimmung dieses Abends charakterisieren, so lässt sie sich am besten – stark geprägt von Daniele Gatti am Pult – mit „abgesoftet" umschreiben. Ja, manchmal kam es mir fast vor, ich lauschte einem Oratorium und keinem Genuesischen Politikspektakel mit unglaublichen Verwandtschaftsverhältnissen. Und was man zu Beginn einmal aufatmend registrierte, dieses breitströmende Orchester mit fast schon manieristisch herausgestimmten Instrumenten (muss man nicht jedem Dirigenten dankbar sein, der auf dieser klangvollen philharmonischen Klaviatur zu spielen versteht!), erwies sich dann doch rasch als zu zeremoniell und undramatisch. Eigentlich hatte man die meiste Zeit nicht das Gefühl, dass die Handlung wesentlich vom Fleck käme. Gatti setzte auf einen zu langen musikalischen Atem und all die dem Werk innewohnende Dramatik, der Gegensatz zwischen autokratischen Machtansprüchen und persönlichem Schicksal, wurde eingepackt wie in ein flauschiges Wollknäuel und verwandelte sich in herzrührendes Sentiment. Die Darsteller auf der Bühne konnten da nicht dagegenhalten, sondern schienen sich mit dieser Auffassung durchaus anzufreunden. Thomas Hampson zum Beispiel war die autoritäre Ebene eines machterfüllten Dogen ziemlich fremd. Da traf er sich, menschlich berührend im langen Sterben, mit Gattis musikalischer „soft-tonigen“ Auffassung. Den Kriegshaudegen konnte man ihm wirklich nicht abnehmen, viel zu sanft ließ er sich durch Verdis bezaubernde Klangwelt tragen. Und genauso wie Hampson, war auch der Fiesco von Ferruccio Furlanetto ohne diese charakterlichen Kanten, im Spiel wie im Singen. So blieben die enervierenden Machtspielchen zwischen den beiden ungenutzt, und die allgemeine Statik (von Peter Steins 08/15-Inszenierung tatkräftig unterstützt) verhinderte das Aufkochen dieses Simon Boccanegra zu einem spannungsbrodelndem Premierenabend. Zur besseren Verdeutlichung dessen, was ich meine, sei Meister Verdi selbst zitiert, der in einem Brief an Ricordi im Jahre 1880 folgendes notiert: „Euer Bariton (...) dürfte ein junger Mann sein. Er mag Stimme, Talent und Gefühl haben, soviel ihr nur wollt, aber er wird niemals die Ruhe, die gesetzte Haltung und die gewisse szenische Autorität haben, die für die Rolle des Simone unerläßlich sind. Es ist eine anstrengende Partie, wie die des Rigoletto, aber tausendmal schwerer als diese. Im Rigoletto ist die Rolle fix und fertig, und mit ein wenig Stimme und Gefühl kommt man recht gut weg. Für den Boccanegra genügen Stimme und Gefühl nicht. – Für den Fiesco würde man eine tiefe Stimme, in der tiefen Lage hörbar bis zum F brauchen, er muß etwas Unerbittliches, Prophetisches in der Stimme haben (...)“ (Quelle: Christian Springer: „Simon Boccanegra – Zur Aufführungsgeschichte eines vielgespielten unbekannten Meisterwerks“ aus dem aktuellen Staatsopernprogrammheft, Seite 56) Ein wenig anders liegen die Dinge bei Cristina Galardo-Domas (Amelia) und Miro Dvorsky (Gabriele). Galardo-Domas Stimme ist der Partie gewachsen, aber nicht wirklich ausgereift, die Phrasierung hat auch nicht jene geläufige Abrundung, die sich mit weichem Schmelz in die Verdi'sche Melodie einschmiegen könnte. Der Gesamteindruck war aber durchaus stimmig, wenn auch nicht von der unverwechselbaren Qualität, die man für eine Staatsopern-Premiere gerne in Anspruch nehmen würde. Bei Miro Dvorsky liegt ein ähnlicher Fall vor. Ihm muss man zugute halten, dass er erst im September zum Premierenteam gestoßen war, nachdem man den ursprünglich angesetzten Salvatore Licitra (angeblich wegen zu viel Probenabwesenheit? Anmkg.: allzuviel kann er aber nicht versäumt haben!) wieder ausgeladen hatte. Miro Dvorsky bot unter diesen Umständen eine solide, eingermaßen von Nervosität und enger Höhe beeinträchtigte Leistung. Licitra hätte zumindest (wenn ich mal seinen „Cavaradossi“ von letzter Saison als Maßstab nehme), die Partie mit südländischer Leidenschaft vollgepumpt, was dem Abend insgesamt nur allzugut getan hätte. Unbedingt erwähnen muss man Boaz Daniel, der wirklich (!) einen Verschwörer abgab und dessen Stimme von mal zu mal an Gewicht und Wohlklang gewinnt. Er war der „gefährlichste“ Mann auf der Bühne, was insoferne schon viel über das dramatische Kräfteverhältnis innerhalb dieses Boccanegra-Ensembles aussagt. Beim Bühnenbild „faszinierte“ der Sparwille und so mancher inszenierungsmäßig nicht aufgefüllter „Leer"-Raum. Aber es wirkte auch nicht störend. Viel freie Fläche und ein kleines Kammerl mit Sarg als Kloster im mittlerem Bühnenhintergrund, viel freie Fläche und ein weißes Parkbankerl mit so einer kleinen, abschirmenden Wand dahinter, mal von der Seite ein- und weggezogene Vorhänge als „Raumteiler“ und „-verenger“, mal ein ganz hübsch angedeuteter Dogen-Ratssaal (ja, fast sogar ein bisschen stimmungsvoll) etc. Außer den hübschen Kostümen, die den Boccanegra in seiner Zeit beließen (dankeswerter Weise mal kein schwarzbeanzugter, zylinderbemützter Großbürgertumoderichweißnichtwas-Schnickschnack) blieb das Ganze, inklusive Regiearbeit, ziemlich unauffällig. Das Publikum im ausverkauften Hause war jedenfalls zufrieden – rote Rosen für Hampson und durchwegs viel Applaus. Und Peter Stein schien etwas überrascht, dass er nicht ein einziges Buh einfing, vielleicht hatte er doch ein „schlechtes Gewissen“? |