„Dieses Mal mit Anna Netrebko“
(Dominik Troger)
Die
dritte Vorstellung der laufenden „Nabucco“-Serie an der Wiener
Staatsoper wurde mit Spannung erwartet. Wird Anna Netrebko singen? Ja,
sie wird!
Die Vorstellung begann wieder mit einer Ansage. Doch zu allererst wurde das Publikum beruhigt: Anna Netrebko wird
wirklich singen. Dann wurde mitgeteilt, dass Szilvia Vörös für Monica
Bohinec einspringt, und dass Alexander Vinogradov wegen einer
Pollenallergie um Nachsicht bitte.
Anna Netrebko selbst
wurde nicht angesagt. Sie lieh der Abigaille ihren satten Sopran, von
der Höhe bis zur Tiefe gut durchgeformt und ohne Schärfe. Mit
publikumsaffinem „Divenbewusstsein“ und ausgewogenem Gesang beherrschte
sie diese von Günther Krämer vor fünfundzwanzig Jahren szenisch
arrangierte „Stehpartie“. Dass sie den Schlusston der Cabaletta
hinunter sang, hat den „Nervenkitzel“
für das Publikum zwar nicht auf die Spitze getrieben, war aber in
Anbetracht der Absage am Montag womöglich einer gebotenen
Risikominimierung geschuldet.
Es war ohnehin bemerkenswert, wie gut die Sängerin ihre stimmlichen
Ressourcen mit „Maß“ und „Ziel“ zum Einsatz brachte, um die plakativen
Emotionszustände dieser gesanglich schwierig umzusetzenden Bühnenfigur
überzeugend auszumalen und sich dabei „stimmhygienisch“ nicht zu
überfordern. Wohin das nämlich führen kann, davon hat das Schicksal der
(an Jahren jüngeren) Einspringerin am Montag beredtes Zeugnis abgelegt.
Amartuvshin Enkhbats
Nabucco bewegte sich wieder auf hohem gesanglichen Niveau. An Würde
fehlte es ihm dabei nicht, aber erst im vierten Akt schien er wirklich
Nabuccos „Herz“ gefunden zu haben, um danach mit kämpferischem Ansinnen
seinen Herrscherstatus zurückzugewinnen. Alexander Vinogradov
begann erneut mit unstetem Bass, der sich im Laufe des ersten Aktes
aber wieder festigte. Schön vorgetragen und innig gelang ihm das Gebet,
das sich auch dank der „romantischen“ Begleitung stimmungsvoll rundete.
Szilvia Vörös hat schon in der Vergangenheit als Fenena einen guten Eindruck hinterlassen und war für die Vorstellung ein Pluspunkt, Ivan Magrì widmete sich erneut wacker der undankbaren Partie des Ismaele. Der Staatsopernchor reüssierte, ebenso das Orchester unter Marco Armiliato.
Aber dieses Mal war ja auch keine „Krisenintervention“ zu leisten. Der
einhellig positive, in der Intensität fast ein wenig verhalten wirkende
Schlussapplaus lag bei zwölf Minuten.
An dieser Stelle soll noch angemerkt werden, dass in den
Medienberichten von den Vorgängen am Montagabend teilweise ein recht
sensationsheischender Eindruck erweckt wurde: Der allergrößte (!)
Teil des Publikums hat sich anhörlich der von der Einspringerin
gebotenen gesanglichen Leistung nämlich ohne lautstarke Missbilligung zu äußern in erduldender Demut
geübt. Die Staatsoper hat zu den Vorgängen am
Montag außerdem noch ein Statement abgegeben, das im „Standard“
nachgelesen werden kann. Demnach habe man die Einspringerin
quasi „prophylaktisch“ von Prag nach Wien kommen lassen und Netrebkos
Absage sei erst rund eineinhalb Stunden vor Vorstellungsbeginn erfolgt.
(1)
PS: Der von der
Staatsoper angekündigte Livestream von der Vorstellung am 5. März ist
übrigens durch den Stream einer „Nabucco“-Aufnahme aus dem Jahr 2021
mit Placido Domingo in der Titelpartie ersetzt worden.
(1) „Buhrufe: Staatsoper meint, bei Netrebko-Absage richtig
gehandelt zu haben“. In: Der Standard, 5.3.2026
https://www.derstandard.at/story/3000000311260/buhrufe-staatsoper-habe-bei-netrebko-absage-richtig-gehandelt
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