„Nabucco - eine Erregung“
(Dominik Troger)
Wenn
Anna Netrebko kurzfristig absagt, ist Feuer am Dach: Die
Staatsoperndirektion kommt ins „Schwitzen“ und der Gefühlshaushalt des
Publikums ins „Kochen“. So geschehen bei der zweiten Vorstellung der
aktuellen „Nabucco“-Aufführungsserie an der Wiener Staatsoper.
Abigaille
und Wien bescherte Anna Netrebko schon in der Vergangenheit einiges
Missbehagen. Das für Herbst 2021 geplante Rollendebüt an der Staatsoper
musste die Sängerin wegen einer Schulteroperation absagen, jetzt macht
ihr eine Erkältung schwer zu schaffen. Das nachgeholte Rollendebüt am
Freitag ist sich noch ausgegangen, die zweite Vorstellung am Montag
nicht mehr.
Die Aufführung begann also mit einer Ansage. Als Einspringerin wurde dem Publikum Eliška Weissová
angekündigt, zuletzt in Wien als „Fremde Fürstin“ in der „Rusalka“
aufgeboten. Sie war erst im Laufe des Nachmittags per Bahn von Prag
nach Wien gereist. Das Publikum war natürlich enttäuscht, es war aber
auch ziemlich überrascht, weil die Umbesetzung seitens der Staatsoper
nicht – wie sonst üblich – etwa durch das Anbringen eines rosa Zettels
bei den Abendplakaten im Vorfeld kommuniziert worden war. Schließlich
wäre dafür doch ausreichend Zeit zur Verfügung gestanden.
Schnell wurde deutlich: Der Sängerin würde diese ohnehin heikle Partie an
diesem Abend erhebliche Schwierigkeiten bereiten. Ihre Stimme klang
sehr unausgewogen und wurde unsauber geführt, mit überlaut
herausgeschleuderten, sehr scharfen Spitzentönen und einer deutlich
abgesetzten, „fahlbrustigen“ Tiefe versehen, während sie in der Mittellage
öfters kaum mehr zu hören war.
Die Arie im zweiten Akt wurde so unzureichend präsentiert, dass sie spontane Buhrufe von der Galerie auslöste.
Später schloss sich dort sogar ein kurzes Wortgefecht an. (Von
meinem Platz an der Seite auf dem Balkon waren diese Rufe im Detail
akustisch nicht zu verstehen. In anderen Quellen wird zumindest der
Ausruf „Geld zurück!“
kolportiert.) Bei der Cabaletta sparte sich die Sängerin dann kluger
Weise einige Noten. Nachdem diese „Klippe“ überwunden war, ging es nach
der Pause etwas besser.
Im Pausenfoyer machten sich viele Besucher im Gespräch ihrem Ärger
Luft, wobei vor allem die Staatsoperndirektion gar nicht gut wegkam.
Dass man sich allerdings aus nachvollziehbarem Ärger während (!) der
Vorstellung zu Missfallenskundgebungen hinreißen lässt, ist schwer zu
verargumentieren. Auch wenn Stammbesucher in der Pause die Vorstellung
verlassen haben (wie der Herr neben mir, der meinte, er habe ohnehin
die erste Vorstellung gesehen und er müsse sich das nicht weiter
antun), gab es keine „scharenweise“ Abwanderung, wie
in Medien berichtet wird.
Als Nabucco war wieder Amartuvshin Enkhbat angetreten.
Seinem leicht „gaumig-wolkigen“ Bariton fehlt es immer noch an
emotionaler Ausdifferenzierung – und so klingt vieles nach wie vor sehr
vielversprechend und bleibt andererseits doch blass. Alexander Vinogradov lieh
dem Zaccaria im ersten Akt einen unstet klingenden, metallisch
unterlegten Bass. Die kräftige Stimme konsolidierte sich aber im Laufe
des Abends, doch es fehlte ihr stark an „Balsam“ .
Für Monika Bohinec liegt die Fenena nicht mehr ideal, was sich vor allem im Finale mit viel Vibrato und gedrückter Höhe störend bemerkbar machte. Ivan Magrì steuerte einen spröd klingenden Ismaele bei. Der Staatsopernchor ließ das „Va, pensiero“
so langgehalten und dezent ausklingen, dass einem ganz warm ums Herz
wurde – und vielleicht haben sich dann doch einige aufgeregte Gemüter
mit dieser Vorstellung wieder ein wenig versöhnt.
Marco Armiliato war der
Aufführung trotz aufgischtender Emotionen ein sicherer Anwalt. Der
Beginn geriet allerdings zu spannungslos, das zuerst etwas
undifferenziert aufspielende Staatsopernorchester fand erst im Laufe
des Abends zu gewohnter Form.
Der Schlussapplaus dauerte rund sieben Minuten. Weissová verzichtete
aus verständlichen Gründen auf den Solovorhang, ein paar weitere
Buhrufe blieben der aufopferungsvollen Einspringerin aber trotzdem
nicht erspart.
PS: Die angeblichen Buhs für Netrebko in der ersten Aufführung von
denen die „Kronen Zeitung“ schreibt (Sonntagsausgabe vom 1. März 2026: „Aber viele Buhs! Auch für Netrebko.“), haben mir bekannte, glaubwürdige Vorstellungsbesucher nicht bestätigt – bestätigt wurde ein Buhruf nach der Auftrittsarie des Zaccaria.
(Wobei die Hörbarkeit von Buhrufen auch vom jeweiligen Platz abhängt
und die Rufe oft zu schwach sind, um im Haus ganz durchzudringen, etwa
wenn sie sich mit Applaus mischen.)
PPS:
Es wäre auch hilfreich, bei Ansagen den Namen der Einspringerin bzw. des
Einspringers deutlich und für das Publikum verständlich auszusprechen.