|
„Wurmstichig“
(Dominik Troger)
Giuseppe
Verdis „Luisa Miller“ ist ein seltener Gast auf Wiener Opernbühnen.
Zuletzt konnte man dem Werk 2001 beim Wiener Klangbogen Festival im
Theater an der Wien begegnen. Die überschaubare Aufführungsgeschichte
an der Wiener Staatsoper beginnt mit der Erstaufführung 1974 und endet
im Jahr 1990. Nun wurde dort eine längst überfällige Neubelebung gewagt.
Regisseur Philipp Grigorian und sein Dramaturg Sergio Morabito
schritten zur Tat, um „Luisa Miller“ für die Gegenwart neu zu
entdecken. Die völlig missratene Neuproduktion rechtfertigt allerdings
den Verdacht, dass sich am wenig rezipierten Schicksal von „Luisa
Miller“ auf Wiener Opernbühnen auch in Zukunft wenig ändern wird. Denn
im Grunde genommen ist diese Neuproduktion nicht nur für das Publikum,
sondern auch für die ausführenden Künstlerinnen und Künstler eine
schwer zu verargumentierende Zumutung.
Warum? Der Rodolfo ist beispielsweise eine heikle Figur. So überspannt
wie ihn die Handlung charakterisiert, hängt seine Glaubwürdigkeit im
Rahmen der Figurenkonstellation am seidenen Faden. Die Neuinszenierung
an der Staatsoper zeichnet Rodolfo als possenhaften „Ritter“ mit weißem
Federbusch, als hilflose Parodie auf einen eifersüchtigen Giftmischer.
Sie mobbt den Tenor auf allen Linien, stiehlt ihm seine effektvollen
Bühnenmomente durch eine lächerliche Aufmachung in Kostüm und Szene.
Diese Zeichnung des Rodolfo zieht auch die arme Luisa mit hinunter in
ein lächerliches Bühnengrab. Luisa selbst steht die meiste Zeit herum,
singt Arien an der Rampe, führt einen weinroten Teddy spazieren,
verschwendet ihre sängerische Emotionalität an eine hilflose
Personenregie. Luisas ausweglose Situation zwischen Vater, Wurm,
Geliebten wird kaum begreiflich. In den Liebesszenen verweigert die
regiebedingte Lächerlichkeit Rodolfos, dass das Publikum ihre Beziehung
ernst nehmen kann.
Vater Miller wartet bei einer Haltestelle immer wieder vergeblich auf
die Straßenbahn oder einen städtischen Autobus. Er muss während der
Ouvertüre dem Begräbnis seiner Tochter zuschauen. Miller erlebt die
Opernhandlung in der Retrospektive. Durch diese Perspektive löst die
Inszenierung Luise als erinnerte „Traumphantasie“ aus dem dramatischen
Geschehen, wodurch sich ihre Position im spannungtragenden Gefüge der
Figurenaufstellung weiter abschwächt.
Statt die Konflikte und die Standeshierarchie psychologisch präzise
herauszuarbeiten, flüchtet sich die Inszenierung in Gags und
Ablenkungen: nettes Ballett, der Auftritt des Teddybären, die Soldaten
des Grafen Walter, schwarz gekleidet, wie Sprösslinge eines Darth
Waders – und
so fort. Die Farbgebung der Kulissen gesellt sich bunt hinzu, wie
diese rot-gelbe Lagerhalle am Beginn statt eines idyllischen Dörfchens.
Das Publikum wird in eine luxuriöse Halbwelt-Sauna entführt, statt in
des Grafen Walters Schloß. Ein Stahlrohrbett steht für Rodolfo bereit,
auf dem er stehend im weißen Nachhemd seine Cabaletta singen darf. Die
kitschige Schlussdekoration mit Abfallkübel, in dem Rodolfo sein
Schwert entsorgt, ist auch nicht dazu angetan, die Sympathien für diese
Produktion zu mehren. Die ersten Buhrufe gab es schon zur Pause, und am
Schluss wurde das Regieteam mit einer nahezu einhelligen Portion an
Missfallen nach Hause geschickt.
Musikalisch musste man sich ein wenig nach der Decke gegenwärtigen Verdigesangs strecken. Freddie De Tommaso
war vor allem ein auf Kraft setzender, gesanglich robuster Rodolfo.
Wenig überzeugte die Arie im zweiten Akt, mehr auf Durchkommen
ausgelegt, mit wenig Gefühl für eine geschmeidige Ausgestaltung. Der
bereits genannten Cabaletta fehlte es an „Zunder“ – wobei auch das
Dirigat mehr lyrischen „Belcanto“ gesucht haben dürfte, als die reschen Seiten von Verdis Musik – und für De Tommaso war das eher ein Nachteil.
Für Nadine Sierra als Luisa war
es hingegen die bessere Wahl. Die Luisa ist für Sierra (noch) keine
ideale Partie, es fehlt der Stimme an lyrischer Breite, was auch die
Emotionen bekräftigt hätte. Die Spitzentöne kamen zwar sicher und
kontrolliert, aber alles klang ein wenig filigran und (zu) wohldosiert,
so als wüsste die Sängerin genau, wieviel sie von ihrer Stimme noch
verschenken darf, ohne durch übermäßiges Forcieren ihre mit feiner
dunkler Schattierung überhauchte Klangschönheit zu beinträchtigen.
George Petean lieh dem
Miller seinen eher weichkonturierten Bariton, mehr gefühlvoller
Vater als ehemaliger Soldat, und von der Regie zu passiv gehalten. Roberto Tagliavini sang einen wohlklingenden, mehr noblen, als gefährlichen Grafen; Marko Mimica
einen etwas groben Wurm, der es in dieser Inszenierung schwer hat,
seine intrigenhafte Bösartigkeit wirklich auszuspielen. Stimmlich noch
recht blass Teresa Sales Rebordão als Laura, zu unausgewogen Daria Sushkova
als Federica. (Federicas rosafarbenes Kostüm und peinlich inszenierter
Eifersuchtsanfall könnten den Gesamteindruck negativ beeinflusst haben.)
Michele Mariotti hat wie
bereits angedeutet mehr den „Musiker“ in Verdi entdeckt als den
Bühnendramatiker. Was sich von Verdis „Sturm und Drang“-Phase noch in
der „Lusia Miller“ regt, wurde auf Kosten der Spannung etwas
abgemildert. Aber es müsste dann auch die Besetzung dafür bereitstehen,
mit der sich solche dramatischen Momente wirklich auskosten lassen (am
Staatsopernchor wäre es nicht gescheitert). Gespielt wurde gepflegt,
ein mehr sinnlicher, vielleicht auch „nachdenklicher“ Verdi.
Das Publikum war beim Schlussbeifall (grob geschätzte) zehn Minuten
lang sehr applausfreudig, mit Sierra als gefeierter Sympathieträgerin.
Nur das Regieteam sah sich mit lautstarker Ablehnung konfrontiert.
|
|