LUISA MILLER
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Premiere
Staatsoper

7. Februar 2026

Dirigent: Michelle Mariotti

Inszenierung & Bühne: Philipp Grigorian
Kostüme: Vlada Pomirkovanaya
Choreographie: Anna Abalikhina
Licht: Frank Evin
Video: Patrick K.-H.

Luisa Miller - Nadine Sierra
Rodolfo - Freddie De Tommaso
Miller - George Petean
Conte Walter - Roberto Tagliavini
Wurm - Marko Mimica
Federica - Daria Sushkova
Laura - Teresa Sales
Rebordão
Ein Bauer- Adrian Autard

Sowie regiebedingt fünf Tänzerinnen und ein Teddy (!)


„Wurmstichig“

(Dominik Troger)

Giuseppe Verdis „Luisa Miller“ ist ein seltener Gast auf Wiener Opernbühnen. Zuletzt konnte man dem Werk 2001 beim Wiener Klangbogen Festival im Theater an der Wien begegnen. Die überschaubare Aufführungsgeschichte an der Wiener Staatsoper beginnt mit der Erstaufführung 1974 und endet im Jahr 1990. Nun wurde dort eine längst überfällige Neubelebung gewagt.

Regisseur Philipp Grigorian und sein Dramaturg Sergio Morabito schritten zur Tat, um „Luisa Miller“ für die Gegenwart neu zu entdecken. Die völlig missratene Neuproduktion rechtfertigt allerdings den Verdacht, dass sich am wenig rezipierten Schicksal von „Luisa Miller“ auf Wiener Opernbühnen auch in Zukunft wenig ändern wird. Denn im Grunde genommen ist diese Neuproduktion nicht nur für das Publikum, sondern auch für die ausführenden Künstlerinnen und Künstler eine schwer zu verargumentierende Zumutung.

Warum? Der Rodolfo ist beispielsweise eine heikle Figur. So überspannt wie ihn die Handlung charakterisiert, hängt seine Glaubwürdigkeit im Rahmen der Figurenkonstellation am seidenen Faden. Die Neuinszenierung an der Staatsoper zeichnet Rodolfo als possenhaften „Ritter“ mit weißem Federbusch, als hilflose Parodie auf einen eifersüchtigen Giftmischer. Sie mobbt den Tenor auf allen Linien, stiehlt ihm seine effektvollen Bühnenmomente durch eine lächerliche Aufmachung in Kostüm und Szene.

Diese Zeichnung des Rodolfo zieht auch die arme Luisa mit hinunter in ein lächerliches Bühnengrab. Luisa selbst steht die meiste Zeit herum, singt Arien an der Rampe, führt einen weinroten Teddy spazieren, verschwendet ihre sängerische Emotionalität an eine hilflose Personenregie. Luisas ausweglose Situation zwischen Vater, Wurm, Geliebten wird kaum begreiflich. In den Liebesszenen verweigert die regiebedingte Lächerlichkeit Rodolfos, dass das Publikum ihre Beziehung ernst nehmen kann.

Vater Miller wartet bei einer Haltestelle immer wieder vergeblich auf die Straßenbahn oder einen städtischen Autobus. Er muss während der Ouvertüre dem Begräbnis seiner Tochter zuschauen. Miller erlebt die Opernhandlung in der Retrospektive. Durch diese Perspektive löst die Inszenierung Luise als erinnerte „Traumphantasie“ aus dem dramatischen Geschehen, wodurch sich ihre Position im spannungtragenden Gefüge der Figurenaufstellung weiter abschwächt.

Statt die Konflikte und die Standeshierarchie psychologisch präzise herauszuarbeiten, flüchtet sich die Inszenierung in Gags und Ablenkungen: nettes Ballett, der Auftritt des Teddybären, die Soldaten des Grafen Walter, schwarz gekleidet, wie Sprösslinge eines Darth Waders
und so fort. Die Farbgebung  der Kulissen gesellt sich bunt hinzu, wie diese rot-gelbe Lagerhalle am Beginn statt eines idyllischen Dörfchens. Das Publikum wird in eine luxuriöse Halbwelt-Sauna entführt, statt in des Grafen Walters Schloß. Ein Stahlrohrbett steht für Rodolfo bereit, auf dem er stehend im weißen Nachhemd seine Cabaletta singen darf. Die kitschige Schlussdekoration mit Abfallkübel, in dem Rodolfo sein Schwert entsorgt, ist auch nicht dazu angetan, die Sympathien für diese Produktion zu mehren. Die ersten Buhrufe gab es schon zur Pause, und am Schluss wurde das Regieteam mit einer nahezu einhelligen Portion an Missfallen nach Hause geschickt.

Musikalisch musste man sich ein wenig nach der Decke gegenwärtigen Verdigesangs strecken. Freddie De Tommaso war vor allem ein auf Kraft setzender, gesanglich robuster Rodolfo. Wenig überzeugte die Arie im zweiten Akt, mehr auf Durchkommen ausgelegt, mit wenig Gefühl für eine geschmeidige Ausgestaltung. Der bereits genannten Cabaletta fehlte es an „Zunder“ – wobei auch das Dirigat mehr lyrischen
Belcanto gesucht haben dürfte, als die reschen Seiten von Verdis Musik – und für De Tommaso war das eher ein Nachteil.

Für Nadine Sierra als Luisa war es hingegen die bessere Wahl. Die Luisa ist für Sierra (noch) keine ideale Partie, es fehlt der Stimme an lyrischer Breite, was auch die Emotionen bekräftigt hätte. Die Spitzentöne kamen zwar sicher und kontrolliert, aber alles klang ein wenig filigran und (zu) wohldosiert, so als wüsste die Sängerin genau, wieviel sie von ihrer Stimme noch verschenken darf, ohne durch übermäßiges Forcieren ihre mit feiner dunkler Schattierung überhauchte Klangschönheit zu beinträchtigen.

George Petean lieh dem Miller seinen eher  weichkonturierten Bariton, mehr gefühlvoller Vater als ehemaliger Soldat, und von der Regie zu passiv gehalten. Roberto Tagliavini sang einen wohlklingenden, mehr noblen, als gefährlichen  Grafen; Marko Mimica einen etwas groben Wurm, der es in dieser Inszenierung schwer hat, seine intrigenhafte Bösartigkeit wirklich auszuspielen. Stimmlich noch recht blass Teresa Sales Rebordão als Laura, zu unausgewogen Daria Sushkova als Federica. (Federicas rosafarbenes Kostüm und peinlich inszenierter Eifersuchtsanfall könnten den Gesamteindruck negativ beeinflusst haben.)

Michele Mariotti hat wie bereits angedeutet mehr den „Musiker“ in Verdi entdeckt als den Bühnendramatiker. Was sich von Verdis „Sturm und Drang“-Phase noch in der „Lusia Miller“ regt, wurde auf Kosten der Spannung etwas abgemildert. Aber es müsste dann auch die Besetzung dafür bereitstehen, mit der sich solche dramatischen Momente wirklich auskosten lassen (am Staatsopernchor wäre es nicht gescheitert). Gespielt wurde gepflegt, ein mehr sinnlicher, vielleicht auch „nachdenklicher“ Verdi.

Das Publikum war beim Schlussbeifall (grob geschätzte) zehn Minuten lang sehr applausfreudig, mit Sierra als gefeierter Sympathieträgerin. Nur das Regieteam sah sich mit lautstarker Ablehnung konfrontiert
.