DON CARLO
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Wiener Staatsoper
7.9.2026

Dirigent: Pier Giorgio Morandi

Filippo II - Günther Groissböck
Don Carlo - Vittorio Grigolo
Rodrigo - Étienne Dupuis
Großinquisitor - Ain Anger
Ein Mönch - Dan Paul Dumitrescu
Elisabetta - Elena Stikhina
Eboli - Eve-Maud Hubeaux
Tebaldo - Ilia Staple
Conte di Lerma / Herold - Hiroshi Amako
Stimme vom Himmel - Florina Ilie

„Willkommen im Kostüminstitut“
(Dominik Troger)

Eine Saison lang hat sie pausiert, jetzt ist sie wieder da: Die Wiener Staatsoper hat Kirill Serebrennikovs Umdeutung von Giuseppe Verdis „Don Carlo“ auf den Spielplan gesetzt. Programmatisch wurde am Freitag damit sogar die Saison eröffnet. Die zweite Vorstellung folgte am Montag – dieser sind die nachstehenden Anmerkungen gewidmet.

An der inzwischen sattsam bekannten und heiß diskutierten szenischen Aufbereitung der Oper hat sich naturgemäß nichts verändert: Das „Institut für Kostümkunde“ existiert nach wie vor in steriler Pracht und sein wissenschaftliches Personal packt wieder eifrig die Beziehungskisten aus. „Liebe am Arbeitsplatz“ ist schließlich nicht verboten, solange sie und er, sie und sie, er und er, er und sie brav ihren Job machen.

Wenn ein Securitymitarbeiter in die Firma politische Aktivisten einschleust, dann wird er sich allerdings einen stichhaltigen Kündigungsgrund einhandeln. Im 16. Jahrhundert hätte man solche Leute noch erschießen lassen, heutzutage geht es humaner zu. Chef Filippo und Oberchef Großinquisitor sorgen jedenfalls für Ordnung im Büro. Mit Umweltfanatikern haben durchsetzungsstarke CEOs meist auch wenig am Hut – und wer daraus schließt, dass es in diesem Institut zugeht wie im „richtigen“ Leben, hat vielleicht verstanden, worum es dem Regisseur gegangen sein könnte – oder auch nicht.

Das Publikum hat sich solchen szenischen „Unvermeidlichkeiten“ zu beugen – oder es pfeift auf den Besuch. Bleibt natürlich noch die musikalische Seite in Betracht zu ziehen, die einem das Ertragen des inszenatorischen Übels schmackhafter machen kann. Das war an diesem Abend aber kaum der Fall, weil Orchester und Besetzung mit Glanz geizten, um Giuseppe Verdis musikalischen „Escorial“ entsprechend zu „vergolden“.

Die Titelpartie wurde von Vittorio Grigolo mit seiner bekannten Theatralik überzeichnet. Sein durch die Vorstellung powernder Tenor glühte wie unter Höchstlast, suchte sein Heil vor allem im Forte „offener“ und schon etwas grell färbenden Spintotöne. Dass er mit seiner schonungslosen Selbstdarstellung der Aufführung einiges an Leben eingehaucht hat, bleibe unbestritten, auch wenn die Bühnenfigur dadurch vieler gesanglicher und darstellerischer Nuancen beraubt wurde.

Stimmlich deutlich homogener, in der Gesamtanlage nüchterner, steuerte Étienne Dupuis den Posa bei, sehr gut ins Setting der Inszenierung eingepasst (er hat schließlich schon die Premiere gesungen). Sein inszenierungsbedingt zum Ökoaktivisten umgemodelter Posa zog zuerst mit fast leporellohafter Verschmitzheit seine Fäden, das mitleidsfähige Pathos eines aufrechten „Humanisten“ schürften weder die Inszenierung noch Dupuis’  Bariton aus der Figur (dafür scheint mir die Stimme auch zu wenig farbenreich). Einen sentimentalen Bühnentod verwehrt Posa die Inszenierung ohnehin.

Der Filippo des Günther Groissböck war von der Statur mächtig und mit ausreichender Bühnenautorität gesegnet, sein Bass hat in den letzten Jahren allerdings „abgespeckt“. Er klang wieder recht trocken, geradezu spröde: ein Filippo, der in seinem menschlichen Leiden längst erstarrt ist, das ihm wie einförmiger, körniger Sand durch die Seele rieselt. Die Attraktivität des Bühnencharakters hat davon nicht profitiert. Elena Stikhinas Sopran würde vom Timbre gut für die Elisabetta passen, ihre angestrengt klingende Höhe mit abblätterndem Silberglanz hat aber nicht nur dem „Tu che le vanità“ eine noble Auszierung verwehrt. Im Spiel wurde sie von der Inszenierung ausgebremst, auch wenn es dem umtriebigen Don Carlo gelungen ist, ihr während ihres hofprotokollnegierenden Tête-à-Têtes einen Kuss abzuringen.

Eve-Maud Hubeaux gab eine stimmlich leichtgewichtige Eboli, das Schleierlied gestaltete sie sehr manieriert,  in der französischen Fassung hat diese Art des Vortrags im Ausdruck besser gepasst (2020 hat sie Partie in der Konwitschny-Inszenierung an der Staatsoper gesungen). Ihr Mezzo ist eigentlich zu hell, es fehlt ihm an Glut und jener sattgrundierten Durchschlagskraft, die Ebolis Liebesfeuer und Eifersucht nährt. (Grigolo, Stikhina, Groissböck gaben in dieser Aufführungsserie ihr Rollendebüt am Haus.)

Ain Anger tat sein Möglichstes, um sich im weißen Arbeitskittel als furchterregender Großinquisitor in die Vorstellung einzubringen, aber das ist in diesem szenischen Ambiente ein hoffnungsloses Unterfangen. Dan Paul Dumitrescus Mönch befand sich in Form und Würde, er ist in dieser Rolle längst eine Institution. Die übrigen Mitwirkenden samt Chor trugen natürlich auch ihren Teil zur Aufführung bei, allerdings wirkte der Gesamteindruck ein wenig wie „auf Kante genäht“, so daß gestalterisch wenig Raum blieb: laut und viel zu wenig einfühlsam tönte es zudem aus dem Orchestergraben von Pier Giorgio Morandi am Pult zweckmäßig und ohne Esprit sachverwaltet, um die Vorstellung über die Runden zu bringen.

Das Publikum war zur Pause wenig applausfreudig, nach der Pause war der kurze Szenenapplaus nach den Arien von Eboli und Elisabetta anteilnehmend. Der Schlussbeifall brachte es unter der beifallheischenden Animation von Vittorio Grigolo auf rund sieben Minuten. Dazu gab es sogar Bravorufe, aber die Intensität hielt sich in Grenzen.

Beim letzten Schlussvorhang, als Sängerinnen und Sänger noch einmal aufgefädelt an der Rampe standen, schnappte sich Grigolo eines der Flugblätter, die von der ökoaktivistischen Bühnenaktion auf dem Boden lagen. Er faltete daraus einen Papierflieger und warf ihn Richtung Parterre. Aber der Flieger trudelte nach einer engen Kurve hilflos in den Orchestergraben – und ward nicht mehr gesehen.
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