„Willkommen im Kostüminstitut“
(Dominik
Troger)
Eine
Saison lang hat sie pausiert, jetzt ist sie wieder da: Die Wiener
Staatsoper hat Kirill Serebrennikovs Umdeutung von Giuseppe Verdis „Don
Carlo“ auf den Spielplan gesetzt. Programmatisch wurde am Freitag damit
sogar die Saison eröffnet. Die zweite Vorstellung folgte am Montag –
dieser sind die nachstehenden Anmerkungen gewidmet.
An
der inzwischen sattsam bekannten und heiß diskutierten szenischen
Aufbereitung der Oper hat sich naturgemäß nichts verändert: Das
„Institut für Kostümkunde“ existiert nach wie vor in steriler Pracht
und sein wissenschaftliches Personal packt wieder eifrig die
Beziehungskisten aus. „Liebe am Arbeitsplatz“ ist schließlich nicht
verboten, solange sie und er, sie und sie, er und er, er und sie brav
ihren Job machen.
Wenn ein Securitymitarbeiter in die Firma politische Aktivisten
einschleust, dann wird er sich allerdings einen stichhaltigen
Kündigungsgrund einhandeln. Im 16. Jahrhundert hätte man solche Leute
noch erschießen lassen, heutzutage geht es humaner zu. Chef Filippo und
Oberchef Großinquisitor sorgen jedenfalls für Ordnung im Büro. Mit
Umweltfanatikern haben durchsetzungsstarke CEOs meist auch wenig am Hut
– und wer daraus schließt, dass es in diesem Institut zugeht wie im
„richtigen“ Leben, hat vielleicht verstanden, worum es dem Regisseur
gegangen sein könnte – oder auch nicht.
Das Publikum hat sich solchen szenischen „Unvermeidlichkeiten“ zu
beugen – oder es pfeift auf den Besuch. Bleibt natürlich noch die
musikalische Seite in Betracht zu ziehen, die einem das Ertragen des
inszenatorischen Übels schmackhafter machen kann. Das war an diesem
Abend aber kaum der Fall, weil Orchester und Besetzung mit Glanz
geizten, um Giuseppe Verdis musikalischen „Escorial“ entsprechend zu
„vergolden“.
Die Titelpartie wurde von Vittorio Grigolo mit
seiner bekannten Theatralik überzeichnet. Sein durch die Vorstellung
powernder Tenor glühte wie unter Höchstlast, suchte sein Heil vor allem
im Forte „offener“ und schon etwas grell färbenden Spintotöne. Dass er
mit seiner schonungslosen Selbstdarstellung der Aufführung einiges an
Leben eingehaucht hat, bleibe unbestritten, auch wenn die Bühnenfigur
dadurch vieler gesanglicher und darstellerischer Nuancen beraubt wurde.
Stimmlich deutlich homogener, in der Gesamtanlage nüchterner, steuerte Étienne Dupuis
den Posa bei, sehr gut ins Setting der Inszenierung eingepasst (er hat
schließlich schon die Premiere gesungen). Sein inszenierungsbedingt zum
Ökoaktivisten umgemodelter Posa zog zuerst mit fast leporellohafter
Verschmitzheit seine Fäden, das mitleidsfähige Pathos eines aufrechten
„Humanisten“ schürften weder die Inszenierung noch Dupuis’
Bariton aus der Figur (dafür scheint mir die Stimme auch zu wenig
farbenreich). Einen sentimentalen Bühnentod verwehrt Posa die
Inszenierung ohnehin.
Der Filippo des Günther Groissböck
war von der Statur mächtig und mit ausreichender Bühnenautorität
gesegnet, sein Bass hat in den letzten Jahren allerdings „abgespeckt“.
Er klang wieder recht trocken, geradezu spröde: ein Filippo, der in
seinem menschlichen Leiden längst erstarrt ist, das ihm wie
einförmiger, körniger Sand durch die Seele rieselt. Die Attraktivität
des Bühnencharakters hat davon nicht profitiert. Elena Stikhinas
Sopran würde vom Timbre gut für die Elisabetta passen, ihre angestrengt
klingende Höhe mit abblätterndem Silberglanz hat aber nicht nur dem „Tu che le vanità“
eine noble Auszierung verwehrt. Im Spiel wurde sie von der Inszenierung
ausgebremst, auch wenn es dem umtriebigen Don Carlo gelungen ist, ihr
während ihres hofprotokollnegierenden Tête-à-Têtes einen Kuss
abzuringen.
Eve-Maud Hubeaux gab eine
stimmlich leichtgewichtige Eboli, das Schleierlied gestaltete sie sehr
manieriert, in der französischen Fassung hat diese Art des
Vortrags im Ausdruck besser gepasst (2020 hat sie Partie in der
Konwitschny-Inszenierung an der Staatsoper gesungen). Ihr Mezzo ist
eigentlich zu hell, es fehlt ihm an Glut und jener sattgrundierten
Durchschlagskraft, die Ebolis Liebesfeuer und Eifersucht nährt.
(Grigolo, Stikhina, Groissböck gaben in dieser Aufführungsserie ihr
Rollendebüt am Haus.)
Ain Anger tat sein
Möglichstes, um sich im weißen Arbeitskittel als furchterregender
Großinquisitor in die Vorstellung einzubringen, aber das ist in diesem
szenischen Ambiente ein hoffnungsloses Unterfangen. Dan Paul Dumitrescus
Mönch befand sich in Form und Würde, er ist in dieser Rolle längst eine
Institution. Die übrigen Mitwirkenden samt Chor trugen natürlich auch
ihren Teil zur Aufführung bei, allerdings wirkte der Gesamteindruck ein
wenig wie „auf Kante genäht“, so daß gestalterisch wenig Raum blieb:
laut und viel zu wenig einfühlsam tönte es zudem aus dem
Orchestergraben von Pier Giorgio Morandi am Pult zweckmäßig und ohne Esprit sachverwaltet, um die Vorstellung über die Runden zu bringen.
Das Publikum war zur Pause wenig applausfreudig, nach der Pause war der
kurze Szenenapplaus nach den Arien von Eboli und Elisabetta
anteilnehmend. Der Schlussbeifall brachte es unter der
beifallheischenden Animation von Vittorio Grigolo auf rund sieben
Minuten. Dazu gab es sogar Bravorufe, aber die Intensität hielt sich in
Grenzen.
Beim letzten Schlussvorhang, als Sängerinnen und Sänger noch einmal
aufgefädelt an der Rampe standen, schnappte sich Grigolo eines der
Flugblätter, die von der ökoaktivistischen Bühnenaktion auf dem
Boden lagen. Er faltete daraus einen Papierflieger und warf ihn
Richtung Parterre. Aber der Flieger trudelte nach einer engen Kurve
hilflos in den Orchestergraben – und ward nicht mehr gesehen.
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