„Herbe Salome“
(Dominik Troger)
Prinzessin
Salome tritt in der Staatsoper wieder an, um ihre Gelüste am Kopf des
Jochanaan zu stillen. Mit Lidia Fridman stand ein Shootingstar des
gegenwärtigen Opernbetriebs auf der Bühne – und ihre aparte, mit einer
gewissen Unnahbarkeit umflorte Erscheinung passte in die Inszenierung
von Cyril Teste, die aus dem erotisch-dekadenten „Orientalismus“ eines
Richard Strauss ein kühles, traumatagespicktes „Society-Drama“ macht.
Lidia Fridmans
internationale Karriere hat laut ihrer Homepage 2019 begonnen. Sie hat
unter anderem Lucrezia Borgia, Anna Bolena, Norma, Abigaille, Lady
Macbeth, Lina, Amelia, Salome, Wozzeck-Marie gesungen. Fridman
bezeichnet sich laut ihrer Homepage als „dramatic bel canto soprano“ und sie scheint dabei weder „dramatic“ noch „belcanto“ auszulassen. Letzte Saison hat sie an der Staatsoper als Norma debütiert – jetzt folgte die Salome.
Fridmans Sopran hat vor allem zwei herausstechende Eigenschaften: eine
dunkle, metallische Grundierung, die ihm eine im Höreindruck
gewöhnungsbedürftige, wenn auch durchschlagskräftige „Hohlwangigkeit“
verleiht, mit wenig Basis in der schwach fundierten Tiefe – sowie ein
inzwischen stark raumgreifendes „Wobble“, das keine kussmund-erotischen
Salome-Phantasien beflügelt. Fridmans Salome ist mehr eine recht
erwachsen wirkende Salome mit etwas kantigen Zügen und keine die
„Décadence“ mit juvenil-lüsterner Skandalerotik auslebende „Kindfrau“.
Zudem sollte man sich keine subtile Textausdeutung erwarten, Fridman
packt das Publikum vor allem mit ihren herben Expressivität – und
dieses ließ sich, wie am Schlussjubel für die Sängerin abzulesen war,
davon auch leicht überzeugen.
Ihr distanziertes Spiel passte – wie erwähnt – gut in den Rahmen einer
Produktion, mit der vor drei Jahren auch an der Staatsoper die heute
übliche Verzeichnung der „Salome“ als Missbrauchsgeschichte Einzug
gehalten hat. Am besten ist das am ziemlich plump choreographierten
„Tanz der sieben Schleier“ abzulesen, dessen aufreizende erotische
Wirkung praktisch ins Gegenteil verkehrt wird: Zuerst Salome selbst,
dann ein Salome-Double, nützen die herrschaftliche Tafel des Herodes
für allerhand „Gymnastik“, angedeutete Essstörungen und einen
nicht vollzogenen Selbstmord.
Des Herodes mondänes Esszimmer besitzt freilich noch eine Novität: Es
liegt aus unerfindlichen Gründen über der Zisterne, in der Jochanaan
sein Dasein fristet. Tomasz Konieczny
gab wieder einen fanatischen Wüstenprediger, der sich lautstark mit dem
Orchester duellierte. Seine Stimme besitzt nach wie vor unglaubliche
Kraftreserven – vor allem auch wenn man bedenkt, dass er gerade den
Holländer und den Jochanaan in zwei nahezu parallelen Aufführungsserien
zu schmettern hat. Eine verführerische Facette ist bei Koniecznys
Jochanaan allerdings kaum auszumachen, seine Stimme überzeugt vor allem
durch kämpferische Askese.
Gerhard Siegel war ein
stimmlich schon leicht grellfärbender Herodes, der hier in einem
schwarzen Anzug steckt und dessen schillernde „Neurasthenie“
inszenierungsbedingt zu einer eindimensionalen Täterhistorie
umfunktioniert wird. Siegel, der schon 2023 bei der Premiere dabei war,
scheint sich nach meinem Eindruck davon inzwischen wohltuend
emanzipiert zu haben, neben den „launigen“ Einwürfen von Herodias (Monika Bohinec) wurde zumindest bei ihm die „farbenprächtige“ Pointiertheit des Librettos greifbar. Daniel Jenz
gab einen stimmfesten, in seinen Gefühlen akkuraten Narraboth, der Page
von Isabel Signoret hätte sich mit mehr Leuchtkraft einbringen können.
Die kleineren Nebenrollen zeugten wie immer von den gesanglichen „Höhen
und Tiefen“ des Staatsopernensembles.
Auch das Orchester unter Sebastian Weigle
vermied einen „schillernden Orientalismus“, näherte sich dem Werk nach
meinem Eindruck mehr von seiten einer „Elektra“, wenig farbenprächtig,
sondern mehr trocken im Klang, teilweise (zu) laut, von einer
subkutanen Spannung getragen, die aber ihre Wirkung nicht verfehlt hat.
Das Publikum spendete starken Schlussapplaus, etwa sieben Minuten,
lang, neben Salome und Johanaan durften sich vor allem auch Orchester
und Dirigent an starkem Beifall erfreuen.