„Kein Feinschmeckermenü“
(Dominik
Troger)
Der
reichste Mann von Wien hat schon sublimere Genüsse serviert, als er mit
dieser Vorstellung von „Ariadne auf Naxos“ seinen Gästen aufzutischen
beliebte. (Berichtet wird von der dritten und letzten Vorstellung der
aktuellen Aufführungsserie an der Staatsoper.)
Die
„Vorspeise“, d.h. das „Vorspiel“, war noch ganz gut bestückt (den etwas
langweiligen, in der soignierten Herablassenheit zu indifferenten und
Pointen vernachlässigenden Haushofmeister von Bernhard Schir ausgenommen). Der seit Jahren hoch im Kurs stehende Musiklehrer von Jochen Schmeckenbecher hat sich wieder mit viel menschlicher Anteilnahme um seinen jungen Schüler gesorgt. Samantha Hankey ließ als Komponist einen
leuchtenden, klangvollen Mezzo hören, kräftig in der Höhe, und mit viel
jugendlichem Künstlerenthusiasmus und Sinn für die Strauss’schen
Gefühlsausbrüche. Das öfter sich hinzugesellende schnelle Vibrato lag
für meinen Geschmack (noch) im Rahmen. Der neue Tanzmeister von Jörg Schneider hat sich als pointierter Unterhalter erwiesen, hat mit seinem Tenor Witz und Gesang sehr gut vereint.
Die „Hauptspeise“ hat dann weniger gemundet, weil sich die Gäste gerne
an den Spezialitäten eines in allen Geschmackkünsten erfahrenen
„Fünf-Sterne-Kochs“ gelabt hätten. Welches Rezept hätte es dazu
gebraucht? Julius Korngold hat es in seiner Besprechung formuliert, mit
der er spaltenlang der Uraufführung der Zweitfassung der „Ariadne“ an
der Hofoper im Jahre 1916 seinen kritischen Tribut gezollt hat. Er hat
einen „gesangsmelodischen Stil“ der „Oper“ diagnostiziert, der „weit mehr lyrisch als dramatisch geartet“ sei. (Neue Freie Presse, 5.10.1916).
Dafür müssten dann aber die passenden künstlerische Kräfte zur Verfügung stehen. Bei der Primadonna von Anja Kampe
beispielsweise hätte die bekannte und treffliche Wagner-Sängerin nicht
so deutlich durchschlagen sollen. Kampe hat an der Staatsoper erst in
der letzten Saison als packende Ortrud und als Brünnhilde reüssiert,
für die lyrisch-pathetische „Inseltrauer“ der Ariadne ist es ihr nur
bedingt gelungen die Stimme dementsprechend zu adaptieren. Dabei hat
Kampe durchaus ein Gespür für die lyrische Pathetik des
Bühnencharakters durchschimmern lassen, aber ihr ausladender,
feinsinniger Rührung entwöhnter Sopran hat Ariadnes „Melancholie“ nicht
mehr sorgsam auf die Strauss’sche-Melodie zu betten vermocht. Das war
viel zu grob „gesponnen“, passte aber bestens zum Bacchus von
Clay Hilley (wie Kampe mit Rollendebüt an der Staatsoper.)
Clay Hilley hat seinen
ebenfalls an Wagner geschulten Tenor mehr „deklamatorisch“ als
„gesanglich“ ins Feld geführt. Auch beim Bacchus war es also nichts mit
dem „gesangsmelodischen Stil“. Hilleys Organ ist allerdings von Haus
aus etwas „strenger“
Natur, ein teils mit kühl-metallischer Sprödheit „mineralisierter“
Tenor, der sich sein „Heldentum“ über Kraft erwirbt und eine
raumfüllende Höhe. So bezwingt er attackierend und forsch das Publikum
und lässt zu viel an Nuancen und tenoraler Sinnlichkeit vermissen.
Erin Morley hat die
Zerbinetta bereits vor einigen Jahren in Wien gesungen, ihre Stimme ist
seither nicht größer geworden, aber der leicht „soubrettige“ Charme
ihres Soprans hat sich etwas abgeschliffen. Morley hat die Keckheit
Zerbinettas im Spiel gut visualisiert. Gesanglich blieb es das Stück
Arbeit, das dem Virtuosen anhängt wie eine zu schwere Schnur, die
verhinderte, dass dieser bunte „Luftballon“ voller Koloraturen zu den Wolken entschwebt.
Ein „Fünf-Sterne-Koch“ würde außerdem die „Beilagen“ raffinierter
abschmecken, aber inzwischen fehlt es dem Staatsopernensemble ein wenig
am ausreichenden Vorrat exquisiter Gewürze. Schon eine Nymphe, schon
ein schmalspuriger Komödiant kann den Gesamteindruck merklich trüben.
Das Orchester unter Cornelius Meister
spielte laut und sängerdeckend, hat sein Menü auch mehr „zweckmäßig“
als „delikat“ zubereitet. Das war kein Strauss für Feinschmecker.
Die Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf
stammt aus dem Jahr 2012 und darf als bekannt vorausgesetzt werden. Der
Schlussapplaus lag wieder bei rund sechs Minuten. Die Künstler wurden
eifrig mit Applaus bedacht.