ARABELLA
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Wiener Staatsoper
29. Jänner 2016

Dirigent: Cornelius Meister

Graf Waldner - Wolfgang Bankl
Adelaide - Carole Wilson
Arabella - Anja Harteros
Zdenka - Ileana Tonca
Mandryka - Tomasz Konieczny
Matteo - Michael Schade
Graf Elemer - Norbert Ernst
Graf Dominik - Manuel Walser
Graf Lamoral - Sorin Coliban
Fiakermilli -Hila Fahima
Kartenaufschlägerin - Donna Ellen
Welko - Michael Wilder
Djura - Dominik Rieger
Jankel - Thomas Köber
Zimmerkellner - Gerhard Reiterer
Drei Spieler - Hiro Ijichi,Csaba Markovits, Ion Tibrea


Arabella im Betretungsverbot
(Dominik Troger)

An diesem Abend war die Wiener Staatsoper wahrscheinlich eines der bestgesicherten Gebäude der Stadt: Betretungsverbot im Ringstraßenumland und viel Polizei vor dem Haus beflügelten das Sicherheitsgefühl der Besucher.

Die Demonstrationen gegen den „Akademikerball“ hatten im Vorfeld die Exekutive veranlasst, rigorose Absperrmaßnahmen zu ergreifen. Ein Teil des Ersten Bezirks war zur Sperrzone erklärt worden – die Staatsoper inklusive. Opernbesucher mussten also an Absperrungen vorbei und ihre Opernkarten vorweisen – oder auch nicht. Beim Zugang durch die Karlsplatz Passage wurde offenbar weniger „scharf“ kontrolliert als bei der Absperrung auf der Kärntner Straße. Bei der Oper selbst war viel Polizei zu sehen und eine Rotte Mannschaftswagen parkte brav in Reih und Glied.

Besonders reizvoll war es, von der Opernterrasse die leergefegte Ring-Straße zu überblicken – nein, nicht von einer der beiden Seitenterrassen aus. Denn offensichtlich ist die gesamte Terrasse nach Abbau des Kinderopernzeltes und umfangreicheren Instandhaltungsarbeiten endlich wieder für das Publikum freigegeben worden. Seit dem Herbst 1999 (!!) war der ringstraßenseitig gelegene Hauptabschnitt der Terrasse wegen des besagten Zeltes gesperrt gewesen. An diesem Abend pfiff einem allerdings der kalte Wind um die Ohren, und das ungetrübte Glück des Terrassengenusses währte in Anbetracht der frischen Temperaturen nur kurz.

Es handelte sich laut Programmzettel bereits um die 40. Aufführung der von Sven-Eric Bechtolf regiemäßig betreuten und im Ambiente schwer verunglückten „Arabella“-Produktion, die im zweiten Akt aus einem Wiener Faschingsball der k.k. Zeit eine Karnevalsparty in einem Jazzlokal der Zwischenkriegszeit macht. Aber die Besetzung dieser „Arabella“-Serie (1. Vorstellung am 26. Jänner) brachte endlich das Hausdebüt von Anja Harteros in der Titelpartie. Harteros erweckte sie mit ihrem, in feinen melancholischen Samtstoff gehüllten Sopran zu beeindruckendem Leben: selbstbewusst, verträumt, empathisch, und nicht ohne Selbstironie steuerte sie durch den Abend, auch die Spitzentöne immer stabil und kontrolliert.

Und wenn es darauf ankam, dann führte die Sängerin ihr Bühnengeschöpf bis zur selbstberauschenden Hingabe an den einen mystischen Liebesaugenblick, dessen intellektuelle Hinterfragung von vornherein mit dem falschen Werkzeug misst. Auf diese Weise wurden auch die aussagemäßig heiklen Passagen (wie jene mit dem ominösen „Gebieter“) zum integralen Bestandteil von Arabellas Gefühlswelt. Ein Vorteil ist, dass Harteros Stimme nicht jene silbrige, leicht filigrane Beschaffenheit besitzt wie sie vielen Strauss-Sopranen zu Eigen ist. Sie kann in der Emotion noch zulegen, ohne dabei den runden Klang ihrer Stimme riskieren zu müssen, und erreichte damit – ergänzt um ihr textbezogenes Singen und ihren natürlichen Ausdruck – eine Komplettheit in der Gestaltung dieser Partie, die für mein Dafürhalten derzeit wohl unerreicht ist.

Rund um Harteros bot die Staatsoper eine weitgehend bekannte und bewährte Besetzung auf. Tomasz Konieczny gab wieder den verliebten Provinzler: ein Sturschädel mit robustem Kopf und eben solcher, durchschlagskräftiger Stimme. Dieser Mandryka ist ein Bärenjäger, aber kein Charmeur. Jedenfalls ist er ein Mann, dem die blindwütige Eifersucht ohne Vorbehalte abgekauft werden kann. Die Stimme passte zu einem Kraftlackel und einem etwas schlichten Gemüt, das sich in ein Bild verknallt und mit leicht tollpatschig anmutender Naivität auf Brautwerbung geht. Schlüssig ist das allemal – auch wenn der rein musikalische Part eine differenzierte Umsetzung durchaus präferieren würde.

Auch Ileana Tonca hat die Zdenka schon an der Staatsoper gesungen: Ihr liegt diese Partie gesanglich und darstellerisch. Ihr lyrischer Sopran kann als „Bub“ weitgehend bestehen und wandelt sich im Finale zu inniger, fraulicher Verletzlichkeit. Michael Schade ist dem Matteo eigentlich schon entwachsen, aber seine starke Bühnenpräsenz ist nach wie vor ein belebender Faktor und gab der Figur das Gewicht, das ihr zusteht. In der Höhe war die Reichweite seines Tenors für die Partie schon zu eng begrenzt..

Wolfgang Bankl ist als Graf Waldner aus dieser „Arabella“-Produktion nicht wegzudenken: Er lebt diese Rolle mit einer wienerisch-ruppigen Herzlichkeit, die unterhaltsam den Anforderungen der Regie folgt. Das macht sogar erträglich, dass sich der Graf in der langen Unterhose dem Publikum präsentieren muss. Hila Fahima hat in dieser Serie ihr Rollendebüt am Haus als Fiakermilli gegeben und schien sich bei deren jodelnden Koloraturen durchaus wohl zu fühlen. Die Verehrter wurden von einem sicheren Norbert Ernst angeführt, und um einen etwas zurückhaltenden Manuel Walser und einen mehr „vorlauten“ Lamoral (Sorin Coliban) ergänzt. Solide gab sich der Rest des Ensembles.

Das Staatsoperorchester unter Cornelius Meister spielte differenziert und animiert, mit jenem zarten Ton in den Streichern, der auch Rührung zulässt, ohne deshalb gleich kitschig zu wirken. Meister ließ den solistischen Passagen im Orchester ebenso wie den Sängern genug Raum, um sich emotional zu artikulieren – und das ergab in Summe eine stimmungsvolle und schlüssige Wiedergabe.

Der Schlussapplaus dauerte rund acht Minuten lang, viel Stammpublikum feierte vor allem Harteros, aber auch die weiteren Mitwirkenden.