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MADAME BUTTERFLY
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Volksoper Dirigent:
Marc Piollet
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Cio-Cio-San - Hui He |
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"Manchmal
ist weniger mehr..." Musikalisch ist diese „Butterfly“-Neuinszenierung an der Volksoper sicher eine positive Überraschung. Das „Haus am Währingergürtel“ hat dabei auf die Urfassung von 1904 zurückgegriffen, die vieles schärfer akzentuiert und dem Tenor eine Arie erspart. Über die Inszenierung lässt sich – wie erwartet – streiten. [1] Dass ein Komponist über seine Opernschöpfungen und -geschöpfe eifersüchtig wacht, dass sie in ihm zu einer traumhaften Realität heranwachsen, dass sich in ihnen biographische Enttäuschungen niederschlagen, unausgelebte Beziehungskisten, das kann man sich schon vorstellen – auch ohne dass man es zweieinhalb Stunden lang „vorgestellt“ bekommt. Und Puccini hatte eine gewisse melodramatische Ader, die die weiblichen Hauptfiguren seiner Opern erdulden mussten: lauter tote Schönheiten. Sie fallen seiner musikalischen Leidenschaft zum Opfer wie durch den Wind abgebeutelte Rosenblüten. Aber bei aller todessehnsüchtigen Vertrautheit des Komponisten, Puccini hat seinen Bühnenschöpfungen jeweils einen sehr passenden Tod verpasst, einen Tod, der ihren Charakter noch einmal deutlich und wahr für das Publikum herausstellt. Was wäre das, wenn Tosca ihren Häschern in die Hände fiele, wenn Mimi Selbstmord beginge, wenn Butterfly sich nicht umbrächte, sondern gar umgebracht würde? Ein Fauxpas! Nein, Tosca muss den Sprung in die Tiefe wagen und in dem Augenblick des Absprungs ihr ganzes Selbst entäußern, um den Komponisten und sein Publikum zu erlösen. Das ist der wahre Abgang einer Operndiva, ihr Tod ist wie der hohe Ton am Schluss einer Arie. Der Applaus ist ihr sicher. Die sanftere Mimi, diese kränkliche Geschöpf, gibt es ein angemesseneres Ende für sie, als diese, sie wie eine unglückliche Liebe verzehrende Krankheit? Könnte sie sich umbringen? Hätte sie diesen Willen und die Kraft dazu? Nie und nimmer! Muss das erschöpfende Leben Manon Lescaut nicht völlig erschöpft haben? Ihre Seele ist so ausgedörrt wie die Wüste, in der sie sterben wird. Muss Butterfly nicht Selbstmord begehen? Ist dieser Selbstmord nicht genau der Punkt, der Cio-Cio-Sans unbezwingbare Liebe und zugleich ihre kulturelle Identität herausstellt – dass nämlich nur sie sich in dieser Oper „echt“ bleibt und unentfremdet, in dem sie die einzige „Freiheit“ wählt, die ihr noch bleibt? Kann es eine stärkere Betonung des Kontrastes und der moralischen Wertigkeit geben zwischen dem teilweise läppischen Pinkerton und seinem japanischen Puppenmädchen? Wohl kaum. Es gibt kaum schlüssigere Bühnentode als jene dieser zarten Puccini’schen Geschöpfe. [2] In der Volksoper ist das jetzt ganz anders. Butterfly verzichtet auf ihren Selbstmord. Sie lässt sich töten. Auch von Puccini. Der Komponist stapft von Anfang an auf der Bühne umher, er geht bei den Pinkertons ein und aus. Er drängt sich in das Eigenleben seiner Bühnenfiguren, zieht die Aufmerksamkeit auf sich, mimt den Überraschten, den Bedrohten, den Kulissenschieber und Requisiteur. Viele Szenen leiden unter diesem wenig erbaulichen Regieeinfall, der eine psychologische Ausdeutung der Butterfly-Pinkerton-Geschichte nicht zulässt, der alles ins schablonenhafte drängt, der aus Figuren Marionetten ihres Kompositeurs macht. Aber erst am Schluss ufert diese Idee wirklich aus, deklariert sie Puccini zum Mörder an seiner Bühnenfigur, erdolcht sie Butterfly im Stile eines Ritualmordopfers. Cio-Cio-San fordert die umstehenden „Zuschauer“ auf, sie zu töten. Und nach vollbrachter Tat wird auf der Bühne applaudiert. [3] Das ist eine seltsame Metaphorik, die da zum Vorschein kommt. Denn bis zum Schluss wäre man bereit gewesen, mit dieser Inszenierung zu leben. Die Idee des Schauspiels im Schauspiel ist nicht neu. Aber warum soll „Butterfly“ nicht auf amerikanischem Boden spielen, vielleicht im Rahmen einer Japan-Ausstellung. In einem Saal ist ein hübsch-schlichter japanischer Pavillon aufgebaut, und dort wird ein Theaterstück aufgeführt. Man nimmt auch hin, dass die Besucher dieser Ausstellung teilweise mitspielen (was schon weniger schlüssig erscheint), sich japanische Masken vorhaltend. Man hätte auch den umherspazierenden Puccini verkraftet und seine eigenartigen Begegnungen mit Tosca, Boheme und Manon Lescaut, die nämlich auch mitspielen dürfen und die musikalischen Zwischenspiele „beleben“. Man hätte akzeptiert, dass sich während der drei Jahre, die „Schmetterling“ auf Pinkerton wartet, die Inszenierungszeit von der Jahrhundertwende in eine zeitlose US-Gegenwart weiterbewegt. Regisseur Stefan Herheim gelingen durchaus ein paar ganz gute, spannungsgeladene Szenen. Aber mit dem Schluss, der schockartig über das Publikum hereinbricht, zerschmettert er seine Inszenierung wie ein zorniges Kind, dass sein Spielzeug kaputtmacht. [4] Deshalb halte ich mich lieber an die musikalische Seite dieser Produktion, die ist erfreulicher. Hui He setzte mit ihrer Butterfly Maßstäbe und erfüllte die Volksoper mit ihrem von emotionaler Spannkraft durchwirkten Sopran. Sie hat viel dramatisches Potential, mit dem sie sich mühelos über das Orchester hinwegsetzt (und Piollet ging durchaus mit Lautstärke zur Sache). Tiefe und Höhe sind kein Problem. Hui He kann dank ihrer stimmlichen Mittel eine Entschlossenheit demonstrieren, die sich fern von jeglicher verkitschter Rührung zur Quintessenz einer selbstbewussten und ehrenvollen Annahme ihres Schicksal durchringt. Und welche Intensität hätte diese Sängerin in ihrem Bühnentod noch freimachen können, wenn sie alleine und ganz sich selbst ergeben – und keinen Regiemätzchen verantwortlich – die Sache hätte zu Ende bringen können? Aber diese Frage lässt sich leider nicht beantworten. [5] Auffallend war das Engagement aller Beteiligten, und die gute Ensembleleistung. So sorgte das Engagement am Währinger Gürtel vor allem nach der Pause für teilweise aufwühlendes Musiktheater. Marc Piollet hatte als Dirigent auch seinen guten Anteil daran, dass die akzentuiertere Dramatik dieser an der Volksoper gespielten Erstfassung der „Butterfly“ deutlich zum Tragen kam. Was man weniger heraushören konnte, war die feinnervige Instrumentation und Puccinis Spiel mit Klangfarben. Und mehr Sentiment hätte ich nicht als Nachteil empfunden. Die sängerischen Leistungen betreffend hat nur der Pinkerton von Viktor Afanasenko kaum die Erwartungen erfüllt. Er sang die meiste Zeit mit Hochdruck, ging in den Ensembles trotzdem unter und ließ viel an kultivierter Gesangstechnik zu wünschen übrig. [6] Die Publikumsreaktionen waren bei Hui He enthusiastisch, für die Regie gab es einige Buhrufe, die aber deutlich in der Minderheit blieben. Fazit: Manchmal ist weniger mehr. Nachtrag: Eines haben alle von mir gesichteten Kritiken gemeinsam: Der Pinkerton kommt nirgends gut weg, die Butterfly hingegen wird positiv bis außerordentlich positiv bewertet. An der Inszenierung wird einiges bekrittelt, anderes wird gelobt, Herheim oft als Talent gewürdigt. |
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