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„Tenorale Muskel“
(Dominik Troger)
Die
letzte von drei „Tosca“-Vorstellungen an der Staatsoper sorgte für sehr
gemischte Eindrücke: Cavardossi ließ seine tenoralen Muskeln spielen,
Scarpia schien sich nicht so recht zwischen Abendessen und Sex mit
Tosca entscheiden zu können – und Tosca hörte man die Mühen an, die ihr
die Partie bereitete.
Jonathan
Tetelman wurde vor Beginn der Aufführung angesagt. (Die zweite
Vorstellung hatte er krankheitsbedingt absagen müssen. Saimir Pirgu
war eingesprungen und hat damit sein Wiener Rollendebüt als Cavaradossi
gegeben). Tetelman begann etwas vorsichtig, drückte erst im Laufe des
ersten Aktes immer stärker aufs tenorale „Gaspedal“ und
das „La vita mi costasse, vi
salverò!“ wurde gleich zum „Test“ fürs „Vittoria“
genützt.
Tetelman ist als Cavaradossi bereits 2022 im Theater an der Wien angetreten,
in diesem szenischen „Tosca“-Dekonstrukt von Martin Kušej.
Es beruhigte zu hören, dass sich der Sänger trotz intensiver Karriere
seine „Verismopower“ ohne Abstriche bewahrt hat. Tetelmans
raumflutende Fortetöne erinnern an große, längst in die Ewigkeit entschwundene
tenorale Vorbilder. Die verflachende Mittellage kann nicht ganz mithalten,
auch das Timbre braucht etwas „Druck“, um sich mit diesem
aufgeschmolzenen Metall zu schmücken, das der Stimme ihre Individualität
aufprägt.
Ein
ausgewiesener Stilist ist hier nicht am Werk, aber ein Sänger, der mit
Risikobereitschaft und opernaffiner Emotion agiert, und der sich auf
den durchschlagenden Effekt seines tenoralen Bizeps verlassen kann.
Dazu gesellen sich eine einnehmende, groß gewachsene Bühnenerscheinung
und eine leichte Ironie, die im Spiel das Tändeln mit Tosca im ersten
Akt glaubwürdig mit der liebenden Leichtfertigkeit eines Künstlers untermalt.
Tetelmann hat bereits im September 2025 die Partie an der Staatsoper
gesungen, darunter auch in jener Vorstellung, als der zweite Akt wegen
Problemen bei der Bühnentechnik nur vor dem Vorhang gegeben werden konnte.
Toscas „Mario“-Rufe verhießen nichts Gutes, aber Malin
Byström (Wiener Rollendebüt in dieser Aufführungsserie) gelang
es nach und nach, ihren im Liebeständeln mit Cavaradossi noch sehr inhomogen
klingenden Sopran einigermaßen zu konsolidieren. Aber zu einem glanzvollen
„Tosca“-Porträt vermochte sie sich auch in den beiden folgenden
Akten nicht aufzuschwingen. Ihre stimmlichen Ressourcen schienen für
die Tosca an diesem Abend zu stark überdehnt, spröde, in der Höhe scharf,
in der Tiefe nur mehr schwach ausgebildet. Das „Vissi
d’arte“ sang sie auf dem Rücken liegend, vor der
Chaiselongue, zu der sie Scarpia in böser Absicht hatte „abschleppen“
wollen – was darstellerisch einen einigermaßen „aufgesetzten“
Eindruck hinterließ. Scarpia wurde von ihr effektvoll mit zwei
kräftigen Messerstichen gemeuchelt, der Mantel wurde an diesem Abend
wieder passend geworfen.
Ambrogio Maestri, in der ersten
Vorstellung noch wegen überstandener Erkankung angesagt, blieb dem Scarpia
viel an bösartiger Energie schuldig: Er schien sich im zweiten Akt vor
allem seinem Abendessen widmen zu wollen. Während des „Vissi
d’arte“, dem er in seinem bequemen Stuhl beim Eßtischchen
sitzend lauschte, quälte mich schon die Befürchtung, er könnte seine
Ermordung verpassen. Einige Male ließ er seinen Bariton effektvoll erschallen
– und das musste dem Publikum an diesem Abend genügen.
Die übrige Besetzung wurde in positivem Sinne von Leonardo
Neiva als Angelotti angeführt. Spoletta und Sciarrone boten
ihr stimmlich wieder viel zu treffend artikuliertes Schergenporträt.
Dan Paul Dumistrecus Beiträge
sind auch als Mesner inzwischen stark von der stimmlichen Tagesform
abhängig. Der Hirt hatte keinen guten Tag.
Immerhin war da noch Giampaolo Bisanti
am Pult des Staatsopernorchesters, der geruhsam, aber trotzdem
stimmig, für ausreichendes „Tosca“-Feeling sorgte. Beim
Schlussbeifall im wieder sehr stark von Touristen bevölkerten Haus gab
es sogar einen kräftigen Buhruf, der Tosca galt.
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