TOSCA

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Staatsoper
18.4.2026

Dirigent: Daniel Oren

Floria Tosca - Anna Netrebko
Mario Cavaradossi - Ivan Gyngazov
Scarpia - Christopher Maltman
Cesare Angelotti - Clemens Unterreiner
Der Mesner - Dan Paul Dumitrescu
Spoletta - Devin Eatmon
Sciarrone - Hans Peter Kammerer
Schließer - Dohon Lee

Ein Hirt - Alisa Mazatova


„Tosca statt Marathon“

(Dominik Troger)

Während das Opernpublikum am ersten lauen Frühlingsabend des Jahres zur „Tosca“ strömte, trotteten an der Staatsoper die Teilnehmer des „Vienna 5K“ vorbei: ein Fünf-Kilometer-Lauf entlang der Ring-Straße, im Rahmenprogramm des Vienna City Marathons gelistet.

Diese Marathon-Wochenenden machen aus Wien jedes Jahr eine Stadt der verschwitzten T-Shirts und modischen Laufschuhe – aber Oper wird glücklicher Weise trotzdem gespielt. Und wer sich zur Anreise in die Staatsoper den U-Bahn-Linien anvertraute, konnte den durch diese sportliche Bewegungseuphorie entstandenen Verkehrsbehinderungen geschickt ausweichen.

Vor der Staatsoper beruhigte der Blick aufs Abendplakat: Anna Netrebko wird singen. Dabei waren die paar Demonstranten der „Anti-Anna-Netrebko-Liga“ gar nicht aufmarschiert. Bei der ersten „Tosca“-Vorstellung hatten sie noch pflichtbewusst ihre Schilder hoch gehalten. Im Haus ging es dann sportlich zu Fuß bis zum Balkon hinauf. Schließlich ist regelmäßige Bewegung essentiell für die Gesundheit, wie sogar die „KI“ von Google weiß.

Wie erhofft hinterließ die dritte Vorstellung der laufenden Serie im Vergleich zur ersten einen deutlich animierteren Eindruck: Sogar Cavaradossi (Ivan Gyngazov) näherte sich Tosca eine Spur beherzter, auch wenn sein auf Fortetöne trainierter, etwas harsch timbrierter Tenor, gleich am Beginn wieder schwerfällig durch das „Recondita armonia“ manövrierte. Den verträumt-malerischen Gestus konnte er dabei kaum vermitteln, er zielte auf die kraftvolle finale Steigerung „Tosca sei tu!“,  wobei er den Schlusston sogar mit einem leichten Diminuendo versah. Mit diesem Einstand sicherte er sich gleich wieder einige Bravorufe. G
yngazov setzte wie schon in der ersten Vorstellung vor allem auf kraftvolle, das Publikum mitreißende Spitzentöne (wie sein „Vittoria“ bewies), während die ungeschmeidige Mittellage und ein deutliches Vibrato auf der Negativseite zu verbuchen waren.

Christopher Maltman agierte mit Tosca auf Augenhöhe – was für die dramatische Wirkung unerlässlich ist. Dass es ihm im ersten Akt an „Süffisanz“ fehlte, ist wahrscheinlich Geschmacksache. Sein Bariton klang etwas trocken, wenn auch wie mit Glanz elegant poliert, was den Adel betont, die perfide Raffinesse der Scrapia’schen Verführungsstrategie aber ein wenig einebnet. Auch an Stimmkraft fehlte es ihm nicht, wodurch sich das überzeugende Rollenporträt eines Machtmenschen ergab, der seine Position geschickt für die Befriedigung seiner Genüsse nützt.

Und wo bleibt Tosca? Die Rezension in der Tageszeitung „Die Presse“ zur ersten Vorstellung (Druckausgabe vom 14. April 2026) hat getitelt: „Tosca als opulentes Netrebko-Konzert“ – und wollte damit möglicherweise andeuten, dass fesselndes „Musiktheater“ an diesem Abend zu kurz gekommen ist.

Für diese dritte Vorstellung lässt sich das nicht mehr so ausdrücklich sagen, auch wenn Anna Netrebkos Tosca ein hohes Maß an Selbstbewusstsein und einen Hang zur leicht pathetisch unterlegten „Pose“ besitzt (die andererseits einer Diva zugestanden werden muss). Denn eine Diva wird natürlich ihre Stärken hervorkehren, in diesem Fall dem Publikum zum Beispiel ausreichend die Möglichkeit bieten, sich an der samtigen, abgedunkelten Glut ihres breiten Soprans zu laben (und stimmlich hat die Sängerin an diesem Abend einen sehr ausgewogenen und überzeugenden Eindruck hinterlassen).

Doch zu einer opfergemäßen „Selbstentäußerung“ ließ sich Anna Netrebkos Tosca auch dieses Mal nicht hinreißen. In ihrer Gefühlslage ist diese Tosca im Schmerz vielleicht zu „stabil“. Das „Vissi d’arte“ begann die Sängerin stehend zu singen, sank erst gegen Ende auf die Knie. Die schwere Süße von Netrebkos Sopran verlieh ihrem Vortrag wieder jenen weiter oben zitierten „Konzertanstrich“ und schwelgte in üppigem Sentiment, bei dem es schwer fiel, den nervösen Herzschlag einer von Scarpia in die Enge getriebenen Frau zu fühlen.

Die Szene beim Esstischchen, der Blick aufs Messer, schienen mir mehr kalkuliert, als aus innerer Not getrieben. Nach der Messerattacke sank Tosca zu Boden, robbte auf den Knien die drei Meter zum Tischchen zurück, wie vom Geschehen überwältigt. Scarpias im Todeskampf verkrampfter Hand entriss sie zielstrebig den Pass und präsentierte ihm das aufgefaltete Schriftstück fast hämisch wie eine ihm abgerungene Trophäe.

Im Finale hat die Sängerin Toscas luxuriösen „Schleppenmantel“ wieder ignoriert. Die szenisch minutiös getaktete Schlusssequenz hat dadurch an Intensität verloren: Tosca sollte die schmale Treppe hochlaufen, dem nächsten Verfolger den Mantel bremsend vor die Beine werfen, dadurch genug Zeit gewinnen, um vor dem Sprung noch ihr „O Scarpia, avanti a Dio!“ hinauszuschleudern. Netrebkos Tosca hingegen blieb schon auf halbem Treppenwege stehen, um ihre berühmten Schlussworte zu singen
und bremste dadurch die Szene aus.

Im Zusammenwirken mit dem Orchester unter Daniel Oren gestaltete sich diese Aufführung belebter als am Sonntag, was nicht nur dem ersten Akt sehr gut tat, sondern insgesamt für einen homogenerer Gesamteindruck sorgte. Ansonsten reagierte wie schon in der ersten Aufführung eine solide Zweckmäßigkeit. Clemens Unterreiner hat Angelotti wieder mit leichter Übertreibung gespielt, der Mesner von Dan Paul Dumitrescu verwandelt sich von Aufführung zu Aufführung mehr in ein „Original“. Beim Sciarrone hatte sich der  Job im römischen Polizeidienst an diesem Abend hörbar auf die Stimmbänder geschlagen. 

Nach dem „Vissi d’arte“ und den beiden tenoralen Highligths gab es wieder Szenenapplaus, der starke Schlussbeifall lag erneut bei rund zehn Minuten. Der Dirigent wurde zu den einzelnen Akten jeweils mit Applaus und ohne Missfallensbezeugung empfangen.

PS: Eine von Medien versuchte „Politisierung“ der wenigen Buhrufe, die in der ersten Vorstellung dem Dirigenten gegolten haben, scheint mir nicht schlüssig. Solche sporadischen Missfallensäußerungen kommen immer wieder vor. Zum Beispiel wurde vor ziemlich genau zehn Jahren bei einer Kaufmann-Gheorgiu-„Tosca“ der finnische Dirigent Mikko Franck vor Beginn des zweiten Aktes mit einigen Buhrufen konfrontiert. Möglicherweise sind solche Reaktionen Ausdruck einer enttäuschten Erwartungshaltung von einzelnen Besuchern, die von berühmten Namen auf dem Besetzungszettel geschürt wird.

Siehe dazu: „Israelischer Dirigent in der Staatsoper ausgebuht“ („Heute“ online, 13.4.26)
https://www.heute.at/s/israelischer-dirigent-in-der-staatsoper-ausgebuht-120181341 [19.4.2026]