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„Tosca statt Marathon“
(Dominik Troger)
Während
das Opernpublikum am ersten lauen Frühlingsabend des Jahres zur „Tosca“
strömte, trotteten an der Staatsoper die Teilnehmer des „Vienna 5K“
vorbei: ein Fünf-Kilometer-Lauf entlang der Ring-Straße, im
Rahmenprogramm des Vienna City Marathons gelistet.
Diese
Marathon-Wochenenden machen aus Wien jedes Jahr eine Stadt der
verschwitzten T-Shirts und modischen Laufschuhe – aber Oper wird
glücklicher Weise trotzdem gespielt. Und wer sich zur Anreise in die
Staatsoper den U-Bahn-Linien anvertraute, konnte den durch diese
sportliche Bewegungseuphorie entstandenen Verkehrsbehinderungen
geschickt ausweichen.
Vor der Staatsoper beruhigte der Blick aufs Abendplakat: Anna Netrebko
wird singen. Dabei waren die paar Demonstranten der
„Anti-Anna-Netrebko-Liga“ gar nicht aufmarschiert. Bei der ersten
„Tosca“-Vorstellung hatten sie noch pflichtbewusst ihre Schilder hoch
gehalten. Im Haus ging es dann sportlich zu Fuß bis zum Balkon hinauf.
Schließlich ist regelmäßige Bewegung essentiell für die Gesundheit, wie
sogar die „KI“ von Google weiß.
Wie erhofft hinterließ die dritte Vorstellung der laufenden Serie im
Vergleich zur ersten einen deutlich animierteren Eindruck: Sogar
Cavaradossi (Ivan Gyngazov)
näherte sich Tosca eine Spur beherzter, auch wenn sein auf Fortetöne
trainierter, etwas harsch timbrierter Tenor, gleich am Beginn wieder
schwerfällig durch das „Recondita armonia“ manövrierte. Den verträumt-malerischen Gestus konnte er dabei kaum vermitteln, er zielte auf die kraftvolle finale Steigerung „Tosca sei tu!“,
wobei er den Schlusston sogar mit einem leichten Diminuendo versah. Mit
diesem Einstand sicherte er sich gleich wieder einige Bravorufe. Gyngazov setzte wie schon in der ersten Vorstellung vor allem auf kraftvolle, das Publikum mitreißende Spitzentöne (wie sein „Vittoria“ bewies), während die ungeschmeidige Mittellage und ein deutliches Vibrato auf der Negativseite zu verbuchen waren.
Christopher Maltman
agierte mit Tosca auf Augenhöhe – was für die dramatische Wirkung
unerlässlich ist. Dass es ihm im ersten Akt an „Süffisanz“ fehlte, ist
wahrscheinlich Geschmacksache. Sein Bariton klang etwas trocken, wenn
auch wie mit Glanz elegant poliert, was den Adel betont, die perfide
Raffinesse der Scrapia’schen Verführungsstrategie aber ein wenig
einebnet. Auch an Stimmkraft fehlte es ihm nicht, wodurch sich das
überzeugende Rollenporträt eines Machtmenschen ergab, der seine
Position geschickt für die Befriedigung seiner Genüsse nützt.
Und wo bleibt Tosca? Die Rezension in der Tageszeitung „Die Presse“ zur
ersten Vorstellung (Druckausgabe vom 14. April 2026) hat getitelt: „Tosca als opulentes Netrebko-Konzert“ – und wollte damit möglicherweise andeuten, dass fesselndes „Musiktheater“ an diesem Abend zu kurz gekommen ist.
Für diese dritte Vorstellung lässt sich das nicht mehr so ausdrücklich
sagen, auch wenn Anna Netrebkos Tosca ein hohes Maß an
Selbstbewusstsein und einen Hang zur leicht pathetisch unterlegten
„Pose“ besitzt (die andererseits einer Diva zugestanden werden muss).
Denn eine Diva wird natürlich ihre Stärken hervorkehren, in diesem Fall
dem Publikum zum Beispiel ausreichend die Möglichkeit bieten, sich an
der samtigen, abgedunkelten Glut ihres breiten Soprans zu laben (und
stimmlich hat die Sängerin an diesem Abend einen sehr ausgewogenen und
überzeugenden Eindruck hinterlassen).
Doch zu einer opfergemäßen „Selbstentäußerung“ ließ sich Anna Netrebkos
Tosca auch dieses Mal nicht hinreißen. In ihrer Gefühlslage ist diese
Tosca im Schmerz vielleicht zu „stabil“. Das „Vissi d’arte“ begann die Sängerin stehend zu singen, sank erst gegen Ende auf die Knie.
Die schwere Süße von Netrebkos Sopran verlieh ihrem Vortrag wieder
jenen weiter oben zitierten „Konzertanstrich“ und schwelgte in üppigem
Sentiment, bei dem es schwer fiel, den nervösen Herzschlag einer von
Scarpia in die Enge getriebenen Frau zu fühlen.
Die Szene beim Esstischchen, der Blick aufs Messer, schienen mir mehr
kalkuliert, als aus innerer Not getrieben. Nach der Messerattacke sank
Tosca zu Boden, robbte auf den Knien die drei Meter zum Tischchen
zurück, wie vom Geschehen überwältigt. Scarpias im Todeskampf
verkrampfter Hand entriss sie zielstrebig den Pass und präsentierte ihm
das aufgefaltete Schriftstück fast hämisch wie eine ihm abgerungene
Trophäe.
Im Finale hat die Sängerin Toscas luxuriösen „Schleppenmantel“ wieder
ignoriert. Die szenisch minutiös getaktete Schlusssequenz hat dadurch
an Intensität verloren: Tosca sollte die schmale Treppe hochlaufen, dem
nächsten Verfolger den Mantel bremsend vor die Beine werfen, dadurch
genug Zeit gewinnen, um vor dem Sprung noch ihr „O Scarpia, avanti a Dio!“
hinauszuschleudern. Netrebkos Tosca hingegen blieb schon auf halbem
Treppenwege stehen, um ihre berühmten Schlussworte zu singen – und bremste dadurch die Szene aus.
Im Zusammenwirken mit dem Orchester unter Daniel Oren
gestaltete sich diese Aufführung belebter als am Sonntag, was nicht nur
dem ersten Akt sehr gut tat, sondern insgesamt für einen homogenerer
Gesamteindruck sorgte. Ansonsten reagierte wie schon in der ersten
Aufführung eine solide Zweckmäßigkeit. Clemens Unterreiner hat Angelotti wieder mit leichter Übertreibung gespielt, der Mesner von Dan Paul Dumitrescu
verwandelt sich von Aufführung zu Aufführung mehr in ein „Original“.
Beim Sciarrone hatte sich der Job im römischen Polizeidienst
an diesem Abend hörbar auf die Stimmbänder geschlagen.
Nach dem „Vissi d’arte“ und
den beiden tenoralen Highligths gab es wieder Szenenapplaus, der starke
Schlussbeifall lag erneut bei rund zehn Minuten. Der Dirigent wurde zu
den einzelnen Akten jeweils mit Applaus und ohne Missfallensbezeugung
empfangen.
PS: Eine von Medien versuchte „Politisierung“ der wenigen Buhrufe, die
in der ersten Vorstellung dem Dirigenten gegolten haben, scheint mir
nicht schlüssig. Solche sporadischen Missfallensäußerungen kommen immer
wieder vor. Zum Beispiel wurde vor ziemlich genau zehn Jahren bei einer
Kaufmann-Gheorgiu-„Tosca“ der finnische Dirigent Mikko Franck vor
Beginn des zweiten Aktes mit einigen Buhrufen konfrontiert.
Möglicherweise sind solche Reaktionen Ausdruck einer enttäuschten
Erwartungshaltung von einzelnen Besuchern, die von berühmten Namen auf
dem Besetzungszettel geschürt wird.
Siehe dazu: „Israelischer Dirigent in der Staatsoper ausgebuht“ („Heute“ online, 13.4.26)
https://www.heute.at/s/israelischer-dirigent-in-der-staatsoper-ausgebuht-120181341 [19.4.2026]
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