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„Tosca gibt den Ton an“
(Dominik Troger)
Anna
Netrebko beherrschte die erste von vier angesetzten
„Tosca“-Vorstellungen im Haus am Ring mit üppigem Sopran und starker
Bühnenpräsenz.
Ihre erste Wiener Tosca hat Anna Netrebko
bereits vor fünfeinhalb Jahren gesungen – wegen coronapandemischer
Maßnahmen vor leeren Sitzreihen in einer für das Publikum gesperrten
Staatsoper. Diese Aufführung wurde am 13. Dezember 2020 gestreamt.
Schon damals haben ihr Auftreten und ihr dunkler, breiter Sopran die
Figur mit starker Bühnenpräsenz versehen – und ihr Sopran ist seither
noch eine Spur breiter geworden, fließt wie dunkelrotgoldene Ölfarbe
durch die Partitur und ebnet die Nuancen ein. Diese Tosca hat Saft und
Kraft. Sie verhandelt mit dem bösen Baron gleichsam „auf
Augenhöhe“ und dessen Nachstellungen versickern ein wenig in dieser
satten, kämpferischen „Tosca-Melodie“.
Netrebkos Tosca ist außerdem keine Tosca, die sich in eine leidende „Opferrolle“ drängen lässt. Zwar zaubern im Finale des „Vissi d’arte“ einige
(über)lang gehaltene, in guttural-rotweintimbrigen Flausch gepackte
Töne doch so etwas wie lyrische Betroffenheit ins Auditorium – und
Netrebko gewinnt das Publikum quasi im Handstreich für sich – aber es
bleibt insgesamt kaum Raum für psychologische Raffinesse. Der Tod ihres
Geliebten im dritten Akt reißt ihr heroisch das „Herz“ aus dem Leib –
und schon nahen sich die Häscher. Netrebko ließ bei ihrem Abgang den
Mantel „links“ liegen und kümmerte sich erst gar nicht um die
Schlusschoreographie (Mantelwurf auf der Treppe etc.).
Die Mitstreiter auf der Bühnen haben Tosca kaum aus der „Reserve“ gelockt. Am ehesten ist es noch Christopher Maltman
als Scarpia gelungen, sich mit Netrebko zu messen. Er wurde ab der
Mitte des zweiten Aufzugs allerdings von einem (zumindest auf
bühnennahen Plätzen) deutlich hörbaren Husten geplagt. Maltman verlieh
dem Scarpia eine elegante aristokratische Note, ohne dabei besonders
„hintergründig“ zu wirken (von einer „faunesken“ Leidenschaftlichkeit
kann ohnehin keine Rede sein). Der Gesamteindruck blieb etwas flach, zu
vordergründig seriös, um die perfiden Abgründe dieser Figur
aufzuzeigen. Im „Te Deum“ verfügte die Stimme über ausreichendes
Durchsetzungsvermögen, letztlich dürfte Maltman aber froh gewesen sein,
die Vorstellung ohne stimmliche „Blessuren“ überstanden zu haben.
Toscas Geliebten Mario erweckte Ivan Gyngazov
(wie Maltman Rollendebüt am Haus) zu einem darstellerisch zu hölzernen
Bühnenleben. Sein leicht gekörnter, in der Mittellage weniger gut
tragender, etwas spröd klingender slawischer Spintotenor, machte vor
allem mit kraftvoll ausgesungenen, metallischen Spitzentönen Eindruck.
Für das (aus meiner Sicht) wenig klangschön vorgetragene „Recondita armonia“
erntete er gleich Applaus sowie ein, zwei wohlwollende Bravorufe,
gleichsam als großzügige „Anzahlung“, die dann von ihm aber nicht so
recht eingelöst wurde.
In bisserl widerspenstig gab sich die Bühne: Tosca musste kräftig
pusten, um besonders gut brennende Kerzen auf Scarpias Esstischleuchte
auszublasen, die sich erfolgreich gegen das Ausdämpfen gewehrt hatten.
Scarpia hat en passant versucht den großen, dekorativen Teppich zu
glätten, der etwas in Unordnung geraten war. Sonst stolpern er oder
Tosca noch darüber, wenn sie ihm den tödlichen Messerstich versetzt –
und Netrebko hat mit wuchtigem Schwung zugestochen.
Daniel Oren ist nach fast
dreißig Jahren ans Pult des Staatsopernorchesters zurückgekehrt, ohne
sich dabei besonders „spektakulär“ in Erinnerung zu rufen. Mit eher
trägem Tempo hat er sich womöglich zu stark an der „Sopranbreite“ der
Diva orientiert. Zum dritten Akt wurde er mit drei, vier Buhrufen
empfangen, die einen mindestens so unangemessenen Eindruck hinterließen
wie das erwähnten Bravo nach dem „Recondita armonia“.
Der starke Schlussapplaus (Netrebko!) brachte es auf rund zehn, elf
Minuten (ein paar Buhrufe, die den Dirigenten ins Visier nahmen, waren
auch noch hineingemischt).
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