HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN
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Volksoper
7. Juni 2026
Premiere

Musikalische Leitung: Emmanuel Villaume

Regie: Lotte de Beer
Kostüme: Jorine van Beek
Bühnenbild : Christof Hetzer
Licht: Aley Brok

Koproduktion mit der Opéra National du Rhin, dem Théâtre National de l‘Opéra-Comique und der Opéra de Reims.

Hoffmann - Attilio Glaser
Muse/Nikolaus - Wallis Giunta
Olympia - Anna Simińska
Antonia - Axelle Fanyo
Giulietta - Hedwig Ritter
Lindorf, Coppelius, Mirakel, Dapertutto - Josef Wagner
Andres, Cochenille, Franz, Pitichinaccio - Robert Bartneck
Spalanzani / Nathanaël - Aaron-Casey Gould
Crespel - Stefan Cerny
Hermann - Pablo Santa Cruz
Schlemihl - Michael Arivony
Stimme der Mutter Antonias - Annely Peebo
Luther - Markus Lipp
Stella - Lara Pauser


„Enttäuschende Premiere“
(Dominik Troger)

Jaques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ galt die letzte Premiere der laufenden Saison an der Volksoper. Der Gesamteindruck war wenig verheißungsvoll: musikalisch mäßig, szenisch karg – sozusagen ein Hoffmann auf „Entziehungskur“.

Die letzten beiden „Hoffmann“-Produktionen an der Volksoper liegen noch gar nicht so lange zurück: 2007 sorgte die Inszenierung von Peer Boysen beim Premierenpublikum für einigen Unmut, 2016 haben das Produktionsteam Renaud Dudet und André Barbe eine schwungvollere, etwas anrüchig „varieteartig-operettige“ Lesart geboten. Dieses Mal hat sich Lotte de Beer, die Direktorin des Hauses, auf den „Hoffmann“ eingelassen und wie schon zuletzt beim „Figaro“ eine ihrer Regiearbeiten von auswärts nach Wien geholt.

Lotte de Beer und ihr Dramaturg Peter te Nuyl haben die Beziehung von Hoffmann zu seiner Muse in den Mittelpunkt gestellt und mit neu geschriebenen Dialogen „bereichert“. Die deutsch gesprochenen Dialoge (gesungen wurde in französischer Sprache) zielten nicht nur auf die Heilung eines bei Hoffmann diagnostizierten pathologischen „Liebeswahns“ und Narzissmus, sondern sie kommentierten auch die Handlung. Auf diese Weise wurde eine „Metaebene“ eingezogen, die der Inszenierung gar nicht gut bekommen ist: Wenn Hoffmann und die Muse parlieren, senkt sich eine schwarze Zwischenwand herab, die die Bühne abschließt, und den beiden bleibt nur mehr ein schmaler Streifen an der Rampe vor dem Orchestergraben, den sie bespielen können. Und weil die beiden viel zu bereden haben, kommt diese Wand dementsprechend oft zum Einsatz
viel zu oft.

Kaum hat man sich in die Handlung eingefunden, sei es bei Olympia, Antonia oder Giulietta, schon gibt es wieder einen „Zwischenvorhang“, und Hoffmann und Muse suchen die Rampe und führen Dialog. Das stört mit der Zeit gewaltig, auch wenn man den Bestrebungen der Muse, Hoffmanns künstlerische Inspiration zu wecken, Sympathie abgewinnen kann. Aber der Handlungsfluss wird durch diese willkürlich anmutenden Unterbrechungen zerstückelt und zerstört. Wo Hoffmanns alkoholgeschwängerte Phantasie mäandern und das Publikum mitreißen sollte, hat das Regieteam alle paar Minuten eine „Staumauer“ hingeklotzt.

Dass diese „Zwischenvorhänge“ währenddessen für Umbauten auf der Bühne genützt wurden, liegt auf der Hand. Aber viel umzubauen gab es nicht. Die schmucklose Weinstube des ersten Aktes als nach hinten schräg zulaufendes Einheitsbühnenbild,
im Hintergrund einen mit Vorhang verhängten Eingang zeigend, wurde nach Bedarf mit einfachem Mobiliar bestückt: Sessel, Tischchen, leere Bilderrahmen und im zweiten Akt eine kleine beziehungsweise eine riesengroße Kinderpuppe als einzigem Blickfang.

Anhand des Olympiaaktes kann das inszenatorische Verfahren der Regisseurin gut abgelesen werden: Hoffmann mit kleiner Spielzeugpuppe – Zwischenvorhang – eine riesige, meterhohe Spielzeugpuppe, die auf der Bühne sitzt – Zwischenvorhang – die kleine Version besagter Puppe taucht wieder auf – Zwischenvorhang  – und da ist wieder die XXX-Large-Version – Zwischenvorhang. Der Olympiaakt wurde aber nicht nur durch diese szenische Unterteilung in seiner Wirkung zerstört: Die riesige, augenrollende Puppe zog alle Aufmerksamkeit auf sich, die Sängerin der Olympia hingegen gesellte sich singend unter die Gäste Spalanzanis und hatte überhaupt nichts Automatenhaftes an sich. Doch besteht der Witz des ganzen Aktes nicht genau darin, dass die Sängerin dem Publikum vorgaukeln soll, es mit einem koloraturaffinen „Singautomaten“ zu tun zu haben?

Im Antonia-Akt bestimmte vor allem eine seltsame Vermehrung von leeren Bilderrahmen die Bühne – und in einen solchen wird Hoffmanns bedauernswerte Geliebte dann von ihrer Mutter geleitet, um ihr Leben auszuhauchen. Auch das Abenteuer mit Giulietta fand in diesem öden Weinstubenzimmer statt – von Venedig keine Spur. Hoffmann kam manchmal auch doppelt vor – im Giulietta Akt sogar dutzendfach, weil hier der Chor aus unerfindlichen Gründen aus lauter Hoffmannen bestand. Im Finale rauften zwei Hoffmanne miteinander und versöhnten sich wieder, der Künstler Hoffmann hat seinen „inneren Schweinehund“ besiegt.

Und wie war die musikalische Umsetzung? Attilio Glaser besitzt  keinen Tenor, der Hoffmanns Liebeswahn mit viel Schmelz unterlegen würde. Er passte mit seinem robusten Durchhaltevermögen zum Gesamteindruck, der dem Publikum weniger das elegante Raffinement französischer Oper, sondern mehr knalligen „Verismo“ serviert hat. Ein paar leuchtende Spitzentöne gingen sich für Hoffmann aber doch noch aus, wie Glasers Tenor in dramatischen Passagen insgesamt einen besseren Eindruck hinterließ, als im schwerfällig und rau dargebotenen „Sentiment“.

Wallis Giunta lieh der Muse einen etwas herben, „ausgezehrt“ klingenden Mezzo, überzeugte mehr darstellerisch als gesanglich. Anna Simińska bewältigte die Olympia, ohne dabei virtuosen Glanz zu entwickeln. Axelle Fanyo hätte für die Antonia bei feinfühligerer Ausarbeitung einen leicht cremigen, hübschen Sopran bereit gestellt, attackierte aber viel zu expressiv, um aus diesem Vorteil auch Nutzen zu ziehen. Teils zu forsch und unerotisch gab sich stimmlich die Giulietta der Hedwig Ritter. Josef Wagner bot den Bösewichten einen leicht körnigen, passend bedrohlichen Bassbariton. Robert Bartneck wusste sich als Franz zu profilieren. Mit Annely Peebos Mutter wurden Erinnerungen an frühere Volksopernzeiten wach, an die diese Produktion gesanglich nicht anschließen konnte. Am überzeugendsten agierte der Volksopernchor. Am Pult hat Emmanuel Villaume einem veristischen Zugang gehuldigt, wobei er aber zumindest keine Längen aufkommen ließ.

Der Abend dauerte inklusive einer Pause knapp drei Stunden. Am Ende der Vorstellung spendeten Teile des Publikums den inzwischen auch am Währinger Gürtel üblichen, undifferenzierten Einheitsjubel. Buhrufe habe ich keine vernommen. Überrascht hat die schlecht besuchte Galerie: Die beiden Seitenblöcke waren nahezu leer, sogar in der Mitte gab es Reihen mit vielen leeren Plätzen. Und ein Blick in das Online-Verkaufssystem zeigt, dass zumindest am Tag nach der Premiere für die Folgevorstellungen noch massenhaft Karten verfügbar sind.