„Enttäuschende Premiere“
(Dominik Troger)
Jaques
Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ galt die letzte Premiere der
laufenden Saison an der Volksoper. Der Gesamteindruck war wenig
verheißungsvoll: musikalisch mäßig, szenisch karg – sozusagen ein
Hoffmann auf „Entziehungskur“.
Die
letzten beiden „Hoffmann“-Produktionen an der Volksoper liegen noch gar
nicht so lange zurück: 2007 sorgte die Inszenierung von Peer Boysen
beim Premierenpublikum für einigen Unmut, 2016 haben das
Produktionsteam Renaud Dudet und André Barbe eine schwungvollere, etwas
anrüchig „varieteartig-operettige“ Lesart geboten. Dieses Mal hat sich Lotte de Beer,
die Direktorin des Hauses, auf den „Hoffmann“ eingelassen und wie schon
zuletzt beim „Figaro“ eine ihrer Regiearbeiten von auswärts nach Wien
geholt.
Lotte de Beer und ihr Dramaturg Peter te Nuyl haben die Beziehung von
Hoffmann zu seiner Muse in den Mittelpunkt gestellt und mit neu
geschriebenen Dialogen „bereichert“. Die deutsch gesprochenen Dialoge
(gesungen wurde in französischer Sprache) zielten nicht nur auf die
Heilung eines bei Hoffmann diagnostizierten pathologischen
„Liebeswahns“ und Narzissmus, sondern sie kommentierten auch die
Handlung. Auf diese Weise wurde eine „Metaebene“ eingezogen, die der
Inszenierung gar nicht gut bekommen ist: Wenn Hoffmann und die Muse
parlieren, senkt sich eine schwarze Zwischenwand herab, die die Bühne
abschließt, und den beiden bleibt nur mehr ein schmaler Streifen an der
Rampe vor dem Orchestergraben, den sie bespielen können. Und weil die
beiden viel zu bereden haben, kommt diese Wand dementsprechend oft zum
Einsatz – viel zu oft.
Kaum hat man sich in die Handlung eingefunden, sei es bei Olympia,
Antonia oder Giulietta, schon gibt es wieder einen „Zwischenvorhang“,
und Hoffmann und Muse suchen die Rampe und führen Dialog. Das stört mit
der Zeit gewaltig, auch wenn man den Bestrebungen der Muse, Hoffmanns
künstlerische Inspiration zu wecken, Sympathie abgewinnen kann. Aber
der Handlungsfluss wird durch diese willkürlich anmutenden
Unterbrechungen zerstückelt und zerstört. Wo Hoffmanns
alkoholgeschwängerte Phantasie mäandern und das Publikum mitreißen
sollte, hat das Regieteam alle paar Minuten eine „Staumauer“
hingeklotzt.
Dass diese „Zwischenvorhänge“ währenddessen für Umbauten auf der Bühne
genützt wurden, liegt auf der Hand. Aber viel umzubauen gab es nicht.
Die schmucklose Weinstube des ersten Aktes als nach hinten schräg
zulaufendes Einheitsbühnenbild, im Hintergrund einen mit Vorhang verhängten Eingang zeigend,
wurde nach Bedarf mit einfachem Mobiliar bestückt: Sessel, Tischchen,
leere Bilderrahmen und im zweiten Akt eine kleine beziehungsweise eine
riesengroße Kinderpuppe als einzigem Blickfang.
Anhand des Olympiaaktes kann das inszenatorische Verfahren der
Regisseurin gut abgelesen werden: Hoffmann mit kleiner Spielzeugpuppe –
Zwischenvorhang – eine riesige, meterhohe Spielzeugpuppe, die auf der
Bühne sitzt – Zwischenvorhang – die kleine Version besagter Puppe
taucht wieder auf – Zwischenvorhang – und da ist wieder die
XXX-Large-Version – Zwischenvorhang. Der Olympiaakt wurde aber nicht
nur durch diese szenische Unterteilung in seiner Wirkung zerstört: Die
riesige, augenrollende Puppe zog alle Aufmerksamkeit auf sich, die
Sängerin der Olympia hingegen gesellte sich singend unter die Gäste
Spalanzanis und hatte überhaupt nichts Automatenhaftes an sich. Doch
besteht der Witz des ganzen Aktes nicht genau darin, dass die Sängerin
dem Publikum vorgaukeln soll, es mit einem koloraturaffinen
„Singautomaten“ zu tun zu haben?
Im Antonia-Akt bestimmte vor allem eine seltsame Vermehrung von leeren
Bilderrahmen die Bühne – und in einen solchen wird Hoffmanns
bedauernswerte Geliebte dann von ihrer Mutter geleitet, um ihr Leben
auszuhauchen. Auch das Abenteuer mit Giulietta fand in diesem öden
Weinstubenzimmer statt – von Venedig keine Spur. Hoffmann kam manchmal
auch doppelt vor – im Giulietta Akt sogar dutzendfach, weil hier der
Chor aus unerfindlichen Gründen aus lauter Hoffmannen bestand. Im
Finale rauften zwei Hoffmanne miteinander und versöhnten sich wieder,
der Künstler Hoffmann hat seinen „inneren Schweinehund“ besiegt.
Und wie war die musikalische Umsetzung? Attilio Glaser
besitzt keinen Tenor, der Hoffmanns Liebeswahn mit viel Schmelz
unterlegen würde. Er passte mit seinem robusten Durchhaltevermögen zum
Gesamteindruck, der dem Publikum weniger das elegante Raffinement
französischer Oper, sondern mehr knalligen „Verismo“ serviert hat. Ein
paar leuchtende Spitzentöne gingen sich für Hoffmann aber doch noch
aus, wie Glasers Tenor in dramatischen Passagen insgesamt einen
besseren Eindruck hinterließ, als im schwerfällig und rau dargebotenen
„Sentiment“.
Wallis Giunta lieh der Muse einen etwas herben, „ausgezehrt“ klingenden Mezzo, überzeugte mehr darstellerisch als gesanglich. Anna Simińska bewältigte die Olympia, ohne dabei virtuosen Glanz zu entwickeln. Axelle Fanyo hätte
für die Antonia bei feinfühligerer Ausarbeitung einen leicht cremigen,
hübschen Sopran bereit gestellt, attackierte aber viel zu expressiv, um
aus diesem Vorteil auch Nutzen zu ziehen. Teils zu forsch und
unerotisch gab sich stimmlich die Giulietta der Hedwig Ritter. Josef Wagner bot den Bösewichten einen leicht körnigen, passend bedrohlichen Bassbariton. Robert Bartneck wusste sich als Franz zu profilieren. Mit Annely Peebos
Mutter wurden Erinnerungen an frühere Volksopernzeiten wach, an die
diese Produktion gesanglich nicht anschließen konnte. Am
überzeugendsten agierte der Volksopernchor. Am Pult hat Emmanuel Villaume einem veristischen Zugang gehuldigt, wobei er aber zumindest keine Längen aufkommen ließ.
Der Abend dauerte inklusive einer Pause knapp drei Stunden. Am Ende der
Vorstellung spendeten Teile des Publikums den inzwischen auch am
Währinger Gürtel üblichen, undifferenzierten Einheitsjubel. Buhrufe
habe ich keine vernommen. Überrascht hat die schlecht besuchte Galerie:
Die beiden Seitenblöcke waren nahezu leer, sogar in der Mitte gab es
Reihen mit vielen leeren Plätzen. Und ein Blick in das
Online-Verkaufssystem zeigt, dass zumindest am Tag nach der Premiere
für die Folgevorstellungen noch massenhaft Karten verfügbar sind.