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„Römische Minze“
(Dominik Troger)
Dieser
„Titus“ schmeckte nach Pfefferminze, aber nur sehr dezent. Das
Opernstudio an der Wiener Volksoper hat sich für zwei Abende im MuTH
einquartiert, um dort Wolfgang Amadeus Mozarts „La clemeza di Tito“ in
einer adaptierten Fassung aufzuführen.
Laut
der Modezeitschrift „Vogue“ ist Mintgrün die trendige Modefarbe im
Frühjahr und Sommer 2026. Das Opernstudio der Volksoper befindet sich
damit also am Pulsschlag der Zeit. Von den Kostümen bis zum Design der
Möbel und dem Bodenbelag: ein softiger Farbton von Minze lag über der
Szene dieses „Titus“
und umgab das praktikable, mit klassizistischen Anflügen designte
Wohnzimmerbüro im Herrscherpalast sowie seine Bewohner mit einem
sanften Hauch von Spearmint-Drops.
Dass sich dahinter aber eine vintagemäßige Anspielung auf die
1980er-Jahre verbirgt, erläutert das Programmheft: Denn die Ausstattung
(Christina Geiger) würde in ihrer Ästhetik viele Bezüge zu den USA jener Jahre zeigen – nämlich zur Zeit der Präsidentschaft Ronald Reagens, die von Maurice Lenhard,
dem Regisseurs dieser Produktion, als Wegbereiter für das
Erscheinungsbild des Populismus heutigen Zuschnitts verstanden wird.
Ist also Ronald Reagen der neue „Titus“?
Auf solche „direkten“ Querbezüge hat sich die Inszenierung dann doch
nicht eingelassen. Titus erscheint als Herrscher in einem
autokratischen System, mit Anflügen von fernöstlicher Massenagitation:
ein Herrscher, den die Propaganda zum guten Herrscher macht und der
seine Milde als Machtinstrument benützt. Wenn er am Schluss allen an
der Verschwörung Beteiligten und Nicht-Beteiligten eine elektronische
Fußfessel verordnet, dann wird zumindest deutlich, dass sich dieser
ausgefuchste Titus nicht ganz auf die anzweifelbare Wirkungsmacht
seiner „Milde“ verlässt.
Die gespielte Fassung hatte einige Besonderheiten: Sie wurde von Ricardo Vendramin Ross musikalisch
neu in einer reduzierten, schon ziemlich „abgespeckt“ klingenden
Orchesterbesetzung (nur neun Musiker) arrangiert, erweitert um
elektronisches „Sounddesign“. Dieses
Sounddesign war eigentlich entbehrlich, bewahrte aber zumindest
weitgehend das Augenmaß. Besser wär es gewesen, man hätte dem Orchester
noch ein paar Musiker spendiert. (So klein ist der Orchestergraben im
MuTH auch wieder nicht.) Es gab keinen Chor. Es wurden aktualisierte
deutsche Dialoge verwendet mit denen der Regisseur seine Idee vom
„Opern-Politthriller“ stützen wollte. Gesungen wurde in italienischer
Sprache und die Aufführungsdauer lag wegen der gekürzten Fassung
inklusive einer Pause und Schlussapplaus knapp unter zwei Stunden.
Ein „Thriller“ war es dann aber doch nicht – auch wenn sich die jungen
Sängerinnen und Sänger mit viel Leidenschaft in die römische Hofintrige
eingebracht haben. Gesanglich ist es eher zu einem „das können wir auch“ und nicht zu einem „das können wir am besten“
geworden. (Insofern steht auch die Frage im Raum, warum für die
Abschlussproduktion dieses Opernstudio-Jahrgangs gerade „La clemeza di
Tito“ ausgewählt wurde.)
Im Zentrum stand der Titus vom Seiyoung Kim,
der die Herrscherfigur mit einem unaufdringlichen, freundlichen Lächeln
versah, einem „Marketing-Lächeln“, das Machtkalkül als verbindliche
Freundlichkeit tarnte. Darstellerisch war das überzeugend, hat in der
Wirkung seines hintertriebenen Kalküls wahrscheinlich auch vom
kleineren Rahmen des MuTH profitiert. Sein Tenor ist eher von festem,
nüchternem Naturell und der metallische Glanz noch nicht so aufgefirnt,
dass er dem Titus viel Mozart’sche Wärme hätte angedeihen lassen. (Als
Titus nach der Pause im Zorn ein paar seiner interieurschmückenden
Porträtbilder von der Wand riss, landete in der Hitze des Gefechtes
eines im Orchestergraben.)
Als intrigante Vitellia ließ Mira Alkhovik
mit warmem Sopran aufhorchen, allerdings mit einer Tendenz zu
forcierten, an Klangqualität einbüßenden Spitzentönen. (Das Rondo hatte
man gestrichen.) Mit leicht dunkel timbriertem Mezzo stellte sich der
Sesto von Camila Aguilera Yáñez vor
– die innere Zerrissenheit der Figur gut zur Geltung bringend.
Gesanglich fehlte noch ein bisschen der große, ausgestalterische Bogen;
das Publikum zeigte sich berührt und spendete ihr nach den beiden Arien
den stärksten Szenenapplaus.
Der Annio von Aleksandra Dimić stellte sich mit angenehm timbrierten Mezzo ein. Die Servilia wurde von Chelsea Guo mit präsentem Sopran verkörpert. Smelo Mahlangu
gab als Publio den Sicherheitschef und sein Bassabariton hat das auch
mit einer kerniger Devotheit Tito gegenüber vermittelt. Als
musikalischer Leiter dieser „Titus“-Adaption fungierte Michael Papadopoulos.
Das Publikum spendete am Schluss den Ausführenden dankbaren Beifall.
Das MuTH war am Premierenabend gut besucht, aber nicht ausverkauft.
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