LA CLEMENZA DI TITO
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Staatsoper
9. März 2026
Premiere

Musikalische Leitung: Pablo Heras-Casado

Inszenierung, Chorerographie, Bühne:
Jan Lauwers
Regiemitarbeit: Emily Hehl
K ostüme: Lot Lemm
Licht: Ken Hioco
Ko-Choreographie: Paul Blackman

Tito - Katleho Mokhoabane
Vitellia - Hanna-Elisabeth Müller
Servilia - Florina Ilie
Sesto - Emily D'Angelo
Annio - Cecilio Molinari
Publio - Matheus Franca

Tänzer: Nikola Majtanova (Berenice), Marta di Masi, Marcion Denkiewicz, Marcello Musini, Nicholas Sambou


Langweiliger Premierenabend

(Dominik Troger)

Wenig Glanz verbreitete die Neuinszenierung von „La clemenza di Tito“ an der Wiener Staatsoper. Die mit tänzerischem Aktionismus übertünchte „Insuffizienz“ der Inszenierung von Jan Lauwers sowie mäßige Gesangsleistungen summierten sich zu einem langweiligen Premierenabend.

Mit dem Titus ist es so eine Sache: Seine Milde ist mehr Utopie als gelebte Wirklichkeit. Als politische Handlungsanleitung ist sie mit großer Vorsicht zu genießen und kann leicht als Naivität ausgelegt werden. Trotzdem – und das dürfte die Quintessenz der ganzen Geschichte sein – appelliert sie an den Charakter des absoluten Herrschers, seinen Emotionen die Zügel der Vernunft anzulegen. Solche Botschaft ist für eine „Krönungsoper“ nur angemessen und Mozarts „La clemenza di Tito“ ist auch zum ersten Mal 1791 aus Anlass der Krönung von Kaiser Leopold II. zum König von Böhmen erklungen.

Im Haus am Ring wurde „La clemenza di Tito“ selten gespielt, von 1880 bis 1991 sind im Onlinearchiv der Staatsoper nur 25 Vorstellungen verzeichnet. Die Neuproduktion von 2012 hat es immerhin auf 19 Vorstellungen gebracht – und diese „Clemenza“ in der Inszenierung von Jürgen Flimm ist noch 2023 (!) mit einer Wiederaufnahme bedacht worden. Das Werk wurde seit der Jahrtausendwende auch an der Volksoper gegeben, im Theater an der Wien, und sogar an der Kammeroper. Für die letzte Wiener Neuinszenierung haben die Festwochen vor zwei Jahren gesorgt. Deshalb hat sich mir die Notwendigkeit der aktuellen Neuinszenierung an der Staatsoper  nicht erschlossen.

Die bereits erwähnte Staatsopern-Neueinstudierung im Jahr 2023 hat – wie auch diese Premiere – Pablo Heras-Casado musikalisch betreut und dirigiert. Die Ouvertüre begann forsch, fast drohend, um dann gleich (zu) schnell weiterzueilen, mehr auf der Suche nach Emotionen, als dem gediegenen „Klassizismus“ einer „Krönungsoper“ nachzuspüren. In der Begleitung der Arien erfreuten viele schön herausgehobene instrumentelle Details, aber so ganz konnte diese Mischung aus „schönen  Ecken und Kanten“ dann doch nicht überzeugen, schienen sich die Spieltradition des Staatsopernorchesters und „historische Informiertheit“ auf Kosten eines flüssigen, etwas imperial angehauchten „Mozartstils“ zu durchkreuzen.

Was das Orchester an belebtem Musizieren vielleicht möglich gemacht hätte, fiel auf der Bühne aber auf keinen fruchtbaren Boden. Das hatte einerseits mit der Premierenbesetzung zu tun, andererseits mit der Inszenierung. Katleho Mokhoabane ließ Anlagen zu einem schönen Mozarttenor hören, wenn ihm auch für den Titus noch die Reife und Ausstrahlung fehlten: Nur weil der Kaiser „mild“ ist, muss er trotzdem die Gefahr spüren lassen, dass er nicht „mild“ sein könnte, dass ihn ein inneres Ringen aufwühlt, dass ihm diese Begnadigung nicht in den Schoß fällt, sondern von ihm in der Abwägung zwischen Gesetz und Humanität erkämpft werden muss – und man wird nicht in der Annahme fehlgehen, dass sich er sich dabei mutig (!) des persönlichen Risikos bewusst ist, das er eingeht, wenn er die Begnadigung ausspricht. (1)

Hanna-Elisabeth Müller war als Vitellia mehr Figaro-Gräfin als überspannte, von Liebe und Eifersucht zerfressene Römerin. Eine etwas flacher, wenig durchsetzungsstarker Sopran, angestrengte Höhen und wenig Tiefe boten der emotionalen Überspanntheit dieser Figur zu wenig Basis. Emily D’Angelos unsteter und in der Höhe mit metallischer Farbe abgetönter, herber Mezzo hat weder dem „Parto, parto“ noch dem „Deh per questo istante solo“ ein Glanzlicht aufgesetzt. Teile des Publikums – dem Schlussapplaus nach beurteilt – waren anderer Meinung.

Auffallend war der Mangel an spannunghaltender Durchgestaltung der Arien – und das betraf nicht nur  D’Angelo. Hier herrschte oft eine Indifferenz, die auch die (zu langen) Rezitative geprägt hat. Manches an Nuancen wird sich allerdings in der großen, leeren Bühnenweite verloren haben. Florina Ilies Sopran wirkte in der Höhe fragil, aber sie sang mit mozartischer Intuition. Der Annio von Cecilia Molinari bot einen schöner timbrierten Mezzo als der Sesto dieses Abends. Matheus Franca war ein in Spiel und Gesang ungeschlachter Publio.

Jan Lauwers hat bei seiner inzwischen dritten Staatsopernproduktion erneut seine Tanzmasche ausgepackt. Er lässt schon zur Ouvertüre Berenice auftreten, die er als Tänzerin in die Oper geschummelt hat, in der sie gar nicht auftreten soll. In Folge versuchten die Tanzleinlagen das Geschehen zu verdeutlichen bzw. die Gefühle der Protagonisten nachzuzeichnen, was manchmal sogar parodistisch wirkte und insgesamt einen mehr störenden als nachhaltigen Eindruck hinterließ.

Die Grundlage des Bühnenbildes bildete ein riesiger, mit wenigen Stufen ansteigender Fischgrät-Parkettboden, auf dem es sich offensichtlich gut barfüßig gehen und tanzen lässt. Im Hintergrund schwebte eine Projektionsfläche, rechts und links mit zum Zuschauerraum weisenden, kürzeren Seitenteilen versehen,  auf die z.B. stark abstrahierte und auf Grautöne reduzierte Landschaften projiziert wurden. Sonst war die Bühne leer.

Gegen Ende des ersten Aktes flimmerten über die ganze Bühnenbreite halbtransparente Ausschnitte aus dem sowjetischen Propagandafilm „Panzerkreuzer Potemkin“ (Die Treppe von Odessa). Der Chor drapierte sich dazu auf dem Fischgrätmuster und das sollte wohl eine revolutionäre Gesinnung verbreiten und das leidende Volk zeigen. Gemessen am Gesamtkonzept handelte es sich aber um einen isolierte Idee, die zwar in gewisser Weise auf die Handlung Bezug nahm, aber dabei doch recht beliebig wirkte.

Nach der Pause herrschte szenisch eine noch größere Ödnis. Titus saß jetzt in einem Rollstuhl, und fuhr mal nach rechts, dann nach links, um ihn später spontangeheilt wieder zu verlassen. Den parallel stattfindenden Vertanzungen und ihren teils etwas „schrägen“ zu Mozarts Musik unpassenden Bewegungsabläufen war man längst überdrüssig – und der arme Sesto wurde „choreographisch“ gefühlte Stunden lang gefoltert und gequält. Die Sängerinnen und Sänger wirkten auf dieser leeren Bühne oft wie verloren – und sorgten für Rampensingen im Kostüm. Diese Kostüme waren mit viel Plissee verziert und eher konzeptioneller Schlichtheit verschrieben, sollten wohl eine im Design „heruntergedimmte“ Mischung aus Renaissance und Barock andeuten, mit einem Schuss an abgespeckter, mantelweiter „Orientalik“ für Titus. 

Der Schlussapplaus lag bei knapp zehn Minuten. Buhrufe gab es keine. Aber wahrscheinlich hat „La clemenza di Tito“ keine so kritische „Lobby“, wie andere Opern.

(1) Regisseur Jan Lauwers hat in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Presse“ vom 5. März 2026 Titus befremdlicher Weise als „Feigling“ bezeichnet.