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LE NOZZE DI FIGARO |
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Staatsoper
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Conte di
Almaviva - Florian Sempey |
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„Flotte Komödie” (Dominik Troger) Die Staatsoper rundet den Saisonstart mit Mozart ab. Die zweite Vorstellung von „Le nozze di Figaro“ im Rahmen der aktuellen Aufführungsserie bescherte dem Publikum einen unterhaltsamen Abend. Ein
neues Grafenpaar hat das Schloss bei Sevilla bezogen, ein neuer
musikalischer Leiter wurde für die „Hofkapelle“ engagiert. Sie trafen
auf bewährte Kräfte und die Mischung hat gepasst: Gestützt auf die gut
entwickelte, wenn auch nicht immer „geschmackssichere“ Inszenierung von
Barrie Kosky, entwickelte das Ensemble sehr viel Spielfreude und wusste
weitgehend auch gesanglich zu überzeugen. Die besten Einzelleistungen helfen einer „Figaro“-Aufführung nicht weiter, wenn auf der Bühne nicht ein „Zahnrädchen“ der Handlung ins nächste greift. Kosky hat szenisch die Grundlage für dieses „Spielwerk“ gelegt, hat die turbulente Handlung gut in den Griff bekommen – und er hat dem Staatsopernensemble und dem Publikum keinen „Lavafelsen“ in den Weg gelegt, wie bei seinem „Don Giovanni“. Man bekommt also wirklich das Innere eines Schlosses zu sehen, und Barockinterieur mischt sich mit einer teils outrierenden, den 1970er-Jahren angelehnten Kostümästhetik. Im vierten Akt kippt das Bühnenbild ein wenig ins Surreale, weil der Garten in die Fläche verlegt wird, und die Sängerinnen und Sänger aus dem Bühnenboden durch Bodenklappen auftreten und abtreten. Dadurch wird die erotische Maskerade der Handlung unterlaufen und eine „Funktionalität“ ins Spiel gebracht, die sich mehr an den dramaturgischen „Zahnrädchen“ orientiert. Damit
sich die „Rädchen“ schnurrend drehen, braucht es ein bühnenaffines
Ensemble, das mit Witz und Umsicht durch den „tollen Tag“ manövriert.
In diesem Punkt war nicht so sehr Figaro der treibende Motor, sondern Andrea Carroll
als Susanna. Ihre Susanna war mit spitzzüngiger Despinahaftigkeit
gesegnet und im Spiel so eloquent wie das Da-Pont’sche-Libretto. Der
beherzte Tritt in den „Hintern“, mit dem sie im zweiten Akt Antonio aus
dem Zimmer beförderte, brachte die resche Liebenswürdigkeit dieser vom
Grafen umworbenen Kammerzofe gut auf den Punkt. Carroll hat in den
2010er-Jahren einige Zeit im Staatsopernensemble verbracht und bereits
damals mit ihrem leichten, von selbstbewusster Koketterie getragenen
Sopran zu überzeugen gewusst. Für die auch stimmlich „tiefsinnigeren“ Momente war die Gräfin der Elsa Dreisig zuständig, die sich mit einem melancholisch überschatteten „Porgi, amor“
in den Abend einführte, wobei sie sich zuerst im Spiegel betrachtete,
wie Augenblicke des Selbstzweifels nährend. Das Timbre von
Dreisigs Sopran ist für die Gräfin ideal, in kostbares – allerdings
etwas filigranes – Sopransilber gehüllt. Es verleiht den Empfindungen
des Bühnencharakters Tiefsinnigkeit, die sich mit der Verletzlichkeit
einer liebenden Seele paart. Der Schlussauftritt der Gräfin im
schwarzen Kleid hatte etwas von Gluck’scher Tragödie an sich – und das
Verzeihen schien von nicht aus der Welt geräumten Zweifeln doch noch
überschattet. Florian Sempey lieh dem Grafen seinen reich timbrierten Bariton, dem er nur selten erlaubte, wie etwa beim „Hai già vinta la causa!“,
mit Saft und Kraft loszulegen. Gefährlich oder hintergründig wirkte
sein Graf nicht, mehr wie ein Genussmensch, ein bisschen verweichlicht,
der für gegen ihn gesponnene Intrigen kein schwer zu überwindendes
Opfer darstellt. Riccardo Fassi gab
seinen in Wien bereits bekannten Figaro, wendig und mit schlankem Bass,
ohne dabei aber wirklich hinterhältige Gefährlichkeit zu entwickeln. Alma Neuhaus entwickelte als Cherubino mit etwas matt glänzendem Mezzo zu wenig juvenile Sinnlichkeit, um in diese unbewusst-bewusste Erotik einzutauchen, die das erwachende Gefühlsleben noch als „Unschuld“ vorzutäuschen im Stande ist. Sehr pointiert gab Matthäus Schmidlechner den Basilio. Neu für die Staatsoper war Bartosz Urbanowicz als Bartolo, der sich mehr als „Beiwagerl“ der vor allem darstellerisch starken Marcellina von Stephanie Houtzeel profilierte – und der sich in Sachen gesanglicher Pointiertheit von Basilio noch ein Stückchen abschauen könnte. Olga Surikova ließ als Barbarina mit hübschem lyrischem Sopran aufhorchen. Clemens Unterreiner befeuerte in gewohnt spielfreudiger Manier als Gärtner das Finale des zweiten Aufzugs. Die Zeichnung des Don Curzio als Asthmatiker ist seitens der Regie etwas „überzeichnend“ und wurde in der Symptomatik von Andrea Giovannini zufriedenstellend umgesetzt. Auch der Chor wusste seine „Pointen“ in verschiedenen Kostümierungen beizutragen. Patrick Hahn leitete das Staatsopernorchester mit Schwung. Das Tempo war phasenweise vielleicht schon eine Spur zu flott, die Ouvertüre geriet dadurch ein wenig eindimensional, manche Arienbegleitung hätte „sinnlicher“ ausfallen können. Aber lieber eine aufs Ganze zielende Pragmatik, als interpretative „Kopfstücke“, die sich etwa durch widersprüchliche Tempowahl beweisen wollen und dadurch die dramaturgischen „Zahnrädchen“ aus dem „Takt“ bringen. Die Höhepunkte kamen gut heraus, und das Finale des zweiten Aktes schnurrte nur so dahin. Am Schluss gelang es außerdem jenen Schuss an Ergriffenheit hervorzurufen, mit dem Mozart Schuldbekenntnis und Verzeihung so eng aneinanderflicht, ehe dann die Hochzeitsgäste zu Tafel und Tanz drängen. Das an sich nicht dick auftragende, aber noch leicht „romantisch“ abfedernde Klangbild hätte mit mehr Tendenz auf die Streicher noch ausdifferenzierter sein können. Das Publikum war an diesem Abend sehr touristisch geprägt und nur bedingt beifallfreudig. Kurzer Szenenapplaus und nicht einmal fünf Minuten Schlussapplaus waren beschämend wenig für diese mit lustvoller Energie absolvierte „Figaro"-Aufführung. |