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DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL |
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Staatsoper Musikalische Leitung:
Constantin Trinks |
Bassa Selim - Marcus Bluhm |
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„Altmeisterliche Posse“ Hans Neuenfels hat es also doch noch geschafft, sich am Staatsopern-Spielplan zu etablieren – wenn auch „post mortem“. Seine Inszenierung der „Entführung aus dem Serail“ hat es inzwischen auf fast doppelt so viele Aufführungen gebracht wie seine Fassung von Giacomo Meyerbeers „Le Prophète“ im Jahre 1998: Bei der war nach fünfzehn Aufführungen wohlverdienter Schluss. Die „Entführung“ ist auch „eingängiger“ inszeniert und lässt die Regie-(Un-)Taten des 2022 verstorbenen Regisseurs in milderem Licht erscheinen. Das von ihm in dieser Produktion „durchdeklinierte“ Konzept der Figurenverdopplung – dem singenden Personal wurde je eine Sprechrolle hinzugefügt – darf inzwischen als „prototypisch“ gelten. Die
Produktion stammt schließlich noch aus dem letzten Jahrtausend und
wurde in der ersten Saison der Direktion Roščić aus Stuttgart nach Wien
transferiert. Hier ist sie zu einer Art von passendem „Grabstein“ für
den Altmeister mutiert, dem Bassa Selim mit seinem Mörike Gedicht als
finales Anhängsel noch ein tröstendes „Memento mori“ nachschickt.
Solche Ironie der Aufführungsgeschichte hat ihren Reiz, einerseits im
Sinne eines Angedenkens, andererseits als Beispiel für die verqueren
Routen, die die Opernregie in den letzten Jahrzehnten eingeschlagen
hat. Doch im Vergleich kann sich diese „Entführung“ nach wie vor sehen
lassen: Selbst wenn man sie nicht goutiert, muss man ihr zugestehen,
dass sie über weite Strecke mit Köpfchen und Bühnengespür gemacht ist. Als Konstanze stellte sich in dieser Aufführungsserie Nikola Hillebrand mit Wiener Rollendebüt dem Publikum vor. Die Sängerin feierte erst letzte Saison als Sophie ihr Staatsoperndebüt, ist heuer am Haus noch als Adele, Sophie, Pamina und Zdenka angesetzt. Ihre „geläufige Gurgel“ hat sie bereits vor zwei Jahren dem hiesigen Publikum als Cunegonde in Leonard Bernsteins „Candide“ präsentiert, in einer Produktion des Theaters an der Wien im Museumsquartier. Sie besitzt einen lyrischen Sopran, das hübsche Timbre silbersoubrettig ausstaffiert, mehr dem Typ „Blonde“ entsprechend und weniger dem der Konstanze. „Welche Wonne, welche Lust“ wäre mir für diese Stimme passender erschienen, als „Marten aller Arten“.
Für den emotionalen Tiefgang Konstanzes ermangelt es doch an
Schattierungen und Ausdruck und letztlich auch ein wenig an der
„Fluidität“ in der Koloratur und der „Lockerheit“ in den Spitzentönen. Als Konstanzes „Lover“ war wie schon letzte Saison Sebastian Kohlhepp angetreten,
dessen Tenor inzwischen über Mozart hinaus strebt und der sich beim
gesanglichen Verzierungswerk zu viel mühte, um mit Eleganz zu glänzen. Matthäus Schmidlechner war als Pedrillo viel mehr Mime als fideler Spieltenor (das „Frisch zum Kampfe“ bereitete ihm gesanglich ziemliche Schwierigkeiten). Er überzeugte darstellerisch und in den Dialogen. Für die frische Keckheit der Blonde hat Ilia Staple gesorgt, ebenfalls stark im Spiel, stimmlich etwas zart und in exponierten Passagen mit zu viel Anstrengung. David Steffens gab als Osmin in dieser Aufführungsserie sein Hausdebüt – und von einem Osmin wäre eine eindrucksvollere und kräftigere Tiefe zu erwarten gewesen. Darstellerisch hat er sich gut in das wegen der Doppelgängereien komplexe Bühnengeschehen eingefügt. Der Bassa Selim von Marcus Bluhm war schon aus der letzten Saison bekannt. Gedichterezitator ist er nach wie vor keiner, aber ansonsten – wie auch die übrige Schauspieltruppe – entsprach er seiner Rolle. Constantin Trinks
und das Staatsopernorchester haben dem Serail vor allem vor der Pause
Leben eingehaucht, auch in Details mit frischem und nicht dozierendem
„Mozartfeeling“. Es gab gut auf den Punkt gebrachte Ensembles und als
Höhepunkt eine „konzertgemäß“ aufspielende Marternarie. Der dritte Akt
geriet dann insgesamt etwas langatmiger. Der zustimmende Schlussapplaus des Publikums für die letzte Vorstellung dieser Aufführungsserie lag bei rund sechs Minuten. |