„Manipulationen der Liebe“
(Dominik Troger)
Die
mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (Institut für
Gesang und Musiktheater) spielte vier Vorstellungen von „Cosi fan
tutte“ im Schönbrunner Schlosstheater und wirbelte den Gefühlshaushalt
von Dorabella und Fiordiligi, von Ferrando und Guglielmo durcheinander.
Die Premiere der Produktion wurde auf der Homepage der mdw gestreamt
und dieser Stream bildet die Grundlage für die nachfolgenden Eindrücke.
Ob
es wirklich „Alle“ so machen, das ist die große Frage: Zumindest Don
Alfonso scheint mit päpstlicher Unfehlbarkeit daran zu glauben. Lorenzo
Da Ponte und Wolfgang Amadeus Mozart sind seiner Auffassung mit frivol-boshafter „Willfährigkeit“
gefolgt – um im Finale dann doch noch eine „Medizin“ gegen ausuferndes
Gefühlschaos zu verschreiben: In einer Welt voller Unbeständigkeit kann
nur die „Vernunft“ dabei helfen, dass der Mensch in den Stürmen des
Lebens nicht untergeht.
Die Produktion der mdw hat sich mehr nach diesen „Lebensstürmen“
ausgerichtet, denen Don Alfonso die entsprechende „Windstärke“ verlieh.
Dieser zog eine lässige „Show“ ab und spielte einen jungen,
clubbinggestählten „Beziehungsimpresario“, bei dem die Fäden
zusammenlaufen. Er startete am Beginn mit seinem Smartphone die
Ouvertüre wie einen „Musicclip“ – und wird am Schluss den Stromstecker
ziehen: Kein Licht mehr und das Spiel ist aus! Ein begehrliches Auge
hat er auf Despina geworfen. Diese widmete sich ihrer intriganten
Aufgabe als Komplizin mit außerordentlich selbstbewusster
Unverschämtheit.
Unter solchen Voraussetzungen kann die von den naiven Jungspunden
Ferrando und Guglielmo eingegangene Wette natürlich nur verloren
werden. Vor allem sind ihre Geliebten Dorabella und Fiordiligi den
Manipulationen Don Alfonsos und Despinas gnadenlos ausgeliefert. Sie
werden zu Opfern einer „erotischen Gehirnwäsche“, die den Partnertausch
beflügelt und ihnen die verklemmte, romantische Fixierung auf den
einzigen und wahren „Traummann“ austreibt.
Die Inszenierung von Roland Schwab
stützte sich auf eine minutiöse Personenregie, die die Liebeswirren mit
Schwung auf die Spitze trieb und die leere, offene Bühne in ihrer
ernüchternden Funktionalität überzeugend bespielte. Nur das schlichte
Quadrat einer schräg gedrehten, etwas erhobenen Spielfläche, die von
vier Sesseln „assistiert“ wird, markierte das Zentrum des emotionalen Ringens.
Projektionen haben die optische Genügsamkeit etwas
abgemildert: In der zweiten Szene wurden zum Beispiel die Gesichter von
Ferrando und Guglielmo auf die erwähnte Spielfläche, sowie auf eine
spiegelartig darüber schwebende Deckenkonstruktion projiziert, um die
Sehnsüchte und Zukunftsträume der beiden heiratswilligen Schwestern dem
Publikum zu visualisieren. An den Kostümen der beiden Frauen waren
außerdem ihre Gefühlszustände gut abzulesen: Vom weißen schlichten
Hochzeitskleid am Beginn, über schwarze Trauerfarbe nach der Abreise
der Geliebten, bis zum erotischen „Coming-Out“ von Dorabella im zweiten
Akt, wenn sie unter dem schwarzem, züchtigen Jackett das reizvolle
Negligé verborgener Leidenschaft enthüllt.
Ein heikler Punkt bei jeder Aufführung von „Cosi fan tutte“ ist die
Maskierung der beiden Liebhaber. Die „Doppelgänger“ der Soldaten
erscheinen dieses Mal im Outfit von Skateboardern, angetan mit
Heavy-Metal-T-Shirts und tattooverziert. Sie verbergen ihre Identität
hinter Sonnenbrillen und einem subkulturellem „Odeur“, das die beiden
adretten, wohlerzogenen Damen zuerst ziemlich echauffiert. Eine
zwanglos aufbereitete Portion Gesellschaftskritik hat Schwab in diese
sehr gut durchgearbeitete Inszenierung also auch noch hineingepackt.
Von den jungen Sängerinnen und Sängern wird in dieser Produktion eine
starke Bühnenpräsenz verlangt: jugendlich, ungestüm, humorvoll,
entzürnt, melancholisch, auch mit romantisierender Nachdenklichkeit
versehen, wie das in unsicheren Liebeslagen oft der Fall ist. Die
Premierenbesetzung war für diese Aufgabe gut gewählt und hat dem Publikum
plastisch ausgeformte Rollenporträts serviert. Clemens Seewald stattete den Don Alfonso mit der geforderten Bühnenpräsenz und leicht gerautem „Parlandozynismus“ aus. Jamie Petutschnig hat mit bissigem Humor und gewitztem Sopran die erotisch-griffige Stubenmädchenphilosophie Despinas auf den Punkt gebracht.
Die
beiden Soldaten und Brautwerber fanden eine gute Mischung zwischen
jugendlicher Unbekümmertheit und überspannter Emotion, ohne eine
übertrieben buffoneske Verharmlosung ihrer Gefühlszustände zu
betreiben: Ejnar Čolak als Gugliemo mit viril timbriertem Bariton, sowie Haohan Yu,
der als Ferrando auch den tenoralen Feinheiten Mozarts Gehör
verschaffte. Die beiden Damen brachten ihre Partien ebenfalls mit
„mozartischem“ Ausdruck zur Geltung: Nuri Park als stimmlich zartgliedrigere Fiordiligi, Maria Shebzukhova
als lebenlustigere, im Timbre etwas dunklere Dorabella. Manchmal wurden
die Stimmen im Eifer des Gefechts allerdings ein wenig zum Forcieren
verleitet.
Wichtige Stütze war das Webern Symphonie Orchester unter Christoph U. Meier,
der mit ausgewogener Temporegie und viel Gespür für die Abmischung von
Liebespathos, stimmungsvoller Gefühlsmalerei und Mozarts keckem Humor
die Vorstellung leitete. Auch die Rezitative wurden mit der gebotenen
Aufmerksamkeit behandelt – was für köstliche Passagen sorgte, etwa wenn
die zwei Paare im zweiten Akt voller schüchterner Verlegenheit eine von
langen Sprechpausen unterbrochene Konversation beginnen („Oh che bella giornata!“).
Das Publikum spendete einige Male Szenenapplaus und viel Beifall beim
Schlussvorhang. Die vier Vorstellungen wurden in alternierender
Besetzung gegeben. Die Livestreams der Premiere und der zweiten
Vorstellung können auf der Homepage der mdw in der Mediathek abgerufen
werden.