MANON

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Wiener Staatsoper
9. Jänner 2026

Dirigent: Bertrand de Billy

Manon - Kristina Mkhitaryan
Chevalier Des Grieux - Benjamin Bernheim
Graf Des Grieux - Matheus França

Lescaut - Stefan Astakhov
G. de Morfontaine - Andrea Giovannini
Brétigny - Leonardo Neiva
Poussette - Hyejin Han
Javotte - Florentina Serles
Rosette - Teresa Sales Rebordao
Dienerin - Wilma Maller
Pförtner - Dominik Rieger
Zwei Gardisten - Dritan Luca, Konrad Huber
Wirt - Alex Ilvakhin


„Tenorales Glanzlicht“
(Dominik Troger)

In der ersten von vier angesetzten „Manon“-Vorstellungen brillierte Benjamin Bernheim als Des Grieux in einem sonst gesanglich mäßigen Umfeld, das auch die Sängerin der Titelpartie einschloss.

Aber vielleicht lag es auch an den paar Zentimetern Neuschnee, die Wien vormittags in weiße Pracht gehüllt haben. Schließlich wird das bisschen Schnee heutzutage medial schon zum „tiefsten Winter“ aufgeblasen. Das Orchester begann jedenfalls etwas lieblos Massenets Gefühlsregungen nachzuspüren und Bertrand de Billy am Pult ist ohnehin ein mehr am dramatischen Fluss ausgerichteter Pragmatiker, der bereits in der Vergangenheit „Manon“ eher nicht mit feinem Charme zum Leben erweckt hat. Dafür gelingt es ihm dann doch meist, die Spannung zu halten, obwohl an diesem Abend so manche Länge abseits tenoraler Glanzlichter doch deutlich zu spüren war.

In der Titelpartie suchte Kristina Mkhitaryan im Spiel jene kokett-erotische Manon, die schmuck- und vergnügungsfreudig die erste Chance ergreift, um ihrem Cousin und dem angedrohten Klosterschicksal zu entfliehen
ihr Sopran vermittelte aber zu wenig davon. Er erzählte im ersten und zweiten Akt mehr von der körperlichen und seelischen Ausgezehrtheit, die Manons ausschweifendes Leben mit sich bringen würde, als dass er je nach Gefühlslage mit erotisch funkelnder Lebensfreude das Porträt dieser noch sehr jungen Frau vermittelt hätte. Im dritten Akt hinterließ die Gavotte einen mehr beschwerlichen als erfreulichen Eindruck: Es fehlte an der stimmlichen Leichtigkeit, an jenem leicht soubrettigen Champagnerpelen, das mit spritzigem Schwung und funkelndem vokalem Zierrat das Pariser Volk und das Publikum begeistern müsste. Überhaupt war manch gepresster und „unsauber" klingender Spitzenton nicht dazu angetan, die Begeisterung zu mehren: der Szenenapplaus blieb dementsprechend kurz und flau. Die emotionale Dramatik von Saint-Sulpice und das Finale lagen der Sängerin besser.

Außerdem ließ sich an Mkhitaryans Bühnenpartner Benjamin Bernheim bei seinem Wiener Rollendebüt als Des Grieux nahezu exemplarisch hören, wie gesanglich ausgefeilt sich diese Musik interpretieren lässt. Die „Traumerzählung“ im zweiten Akt geriet Bernheim zum Musterbeispiel für den wohldosierten Einsatz der  „Voice mixte“, um Manon mit süßem, sensiblem Schmachten zu umschmeicheln. Und wenn die Emotionen ganz drängend werden, dann wächst Bernheims Tenor ein fülliges, wohltönendes Squillo zu, dass angenehm das Auditorium erwärmt. Auf diese Weise kommen zarte  Liebesbezeugungen ebenso zu ihrem Recht wie er der Männlichkeit der Bühnenfigur mit kräftigen Tönen Ausdruck zu verleihen vermag. Davon profitierte das emotional aufgeheizte Erinnern an Manon in Saint-Sulpice, für das Bernheim den stärksten Szenenapplaus des Abends erhielt. So schneiderte Bernheim dem Des Grieux einen nahtlosen, im Stil authentisch wirkenden tenoralen Maßanzug, den er mit viel Eleganz zur Schau stellte. Darstellerisch war der Sänger ein burschikoser, zärtlicher Liebhaber, der sich ganz um seine „Sonne“ Manon drehte, die ihn, je nach „Jahreszeit“ mit feuriger oder melancholischer Liebe beseelte.

Rund um das Liebepaar scharte sich ein mehr zweckmäßiges als beeindruckendes Ensemble, begonnen beim robusten, dem französischen Stil eher abholden Lescaut von Stefan Astakhov. Spannend war die Begegnung mit
Matheus França als Vater Des Grieux. Er hat 2023 bei der Oper Klosterneuburg den Großinquisitor gesungen. Sein Bass tönte selbstbewusst, ein wenig unakzentuiert, aber mit Kraftreserven. Er ließ einige Male eine Mächtigkeit erahnen, die einen mehr an Wagner als an Massenet denken ließ.

Die Produktion stammt aus dem Jahr 2007, damals mit Anna Netrebko in der Titelpartie
und das markiert zugleich den Höhepunkt an Aufmerksamkeit, der dieser Staatsopern-„Manon“ in den fast zwanzig Jahren ihrer Repertoireexistenz zu Teil geworden ist. Für die Folgevorstellungen (vor allem am 14.1. und 17.1.) sind laut Online-Verkauf noch ausreichend Karten erhältlich. Vielleicht ist das ein guter Grund, Benjamin Bernheim nicht zu versäumen? Der Schlussapplaus war nach rund sechs Minuten vorbei, hat vor allem Manon und Des Grieux gegolten.