|
„Tenorales Glanzlicht“
(Dominik Troger)
In
der ersten von vier angesetzten „Manon“-Vorstellungen brillierte
Benjamin Bernheim als Des Grieux in einem sonst gesanglich mäßigen
Umfeld, das auch die Sängerin der Titelpartie einschloss.
Aber
vielleicht lag es auch an den paar Zentimetern Neuschnee, die Wien
vormittags in weiße Pracht gehüllt haben. Schließlich wird das bisschen
Schnee heutzutage medial schon zum „tiefsten Winter“ aufgeblasen. Das
Orchester begann jedenfalls etwas lieblos Massenets Gefühlsregungen
nachzuspüren und Bertrand de Billy
am Pult ist ohnehin ein mehr am dramatischen Fluss ausgerichteter
Pragmatiker, der bereits in der Vergangenheit „Manon“ eher nicht mit
feinem Charme zum Leben erweckt hat. Dafür gelingt es ihm dann doch
meist, die Spannung zu halten, obwohl an diesem Abend so manche Länge
abseits tenoraler Glanzlichter doch deutlich zu spüren war.
In der Titelpartie suchte Kristina Mkhitaryan
im Spiel jene kokett-erotische Manon, die schmuck- und
vergnügungsfreudig die erste Chance ergreift, um ihrem Cousin und dem
angedrohten Klosterschicksal zu entfliehen –
ihr Sopran vermittelte aber zu wenig davon. Er erzählte im ersten und
zweiten Akt mehr von der körperlichen und seelischen Ausgezehrtheit,
die Manons ausschweifendes Leben mit sich bringen würde, als dass er – je nach Gefühlslage –
mit erotisch funkelnder Lebensfreude das Porträt dieser noch sehr
jungen Frau vermittelt hätte. Im dritten Akt hinterließ die Gavotte
einen mehr beschwerlichen als erfreulichen Eindruck: Es fehlte an der
stimmlichen Leichtigkeit, an jenem leicht soubrettigen Champagnerpelen,
das mit spritzigem Schwung und funkelndem vokalem Zierrat das Pariser
Volk und das Publikum begeistern müsste. Überhaupt war manch gepresster
und „unsauber" klingender Spitzenton nicht dazu angetan, die
Begeisterung zu mehren: der Szenenapplaus blieb dementsprechend kurz
und flau. Die emotionale Dramatik von Saint-Sulpice und das Finale
lagen der Sängerin besser.
Außerdem ließ sich an Mkhitaryans Bühnenpartner Benjamin Bernheim
bei seinem Wiener Rollendebüt als Des Grieux nahezu exemplarisch hören,
wie gesanglich ausgefeilt sich diese Musik interpretieren lässt. Die
„Traumerzählung“ im zweiten Akt geriet Bernheim zum Musterbeispiel für
den wohldosierten Einsatz der „Voice mixte“, um Manon mit süßem,
sensiblem Schmachten zu umschmeicheln. Und wenn die Emotionen ganz
drängend werden, dann wächst Bernheims Tenor ein fülliges, wohltönendes
Squillo zu, dass angenehm das Auditorium erwärmt. Auf diese Weise
kommen zarte Liebesbezeugungen ebenso zu ihrem Recht wie er der
Männlichkeit der Bühnenfigur mit kräftigen Tönen Ausdruck zu verleihen
vermag. Davon profitierte das emotional aufgeheizte Erinnern an Manon
in Saint-Sulpice, für das Bernheim den stärksten Szenenapplaus des
Abends erhielt. So schneiderte Bernheim dem Des Grieux einen nahtlosen,
im Stil authentisch wirkenden tenoralen Maßanzug, den er mit viel
Eleganz zur Schau stellte. Darstellerisch war der Sänger ein
burschikoser, zärtlicher Liebhaber, der sich ganz um seine „Sonne“
Manon drehte, die ihn, je nach „Jahreszeit“ mit feuriger oder
melancholischer Liebe beseelte.
Rund um das Liebepaar scharte sich ein mehr zweckmäßiges als
beeindruckendes Ensemble, begonnen beim robusten, dem französischen
Stil eher abholden Lescaut von Stefan Astakhov. Spannend war die Begegnung mit Matheus França
als Vater Des Grieux. Er hat 2023 bei der Oper Klosterneuburg den
Großinquisitor gesungen. Sein Bass tönte selbstbewusst, ein wenig
unakzentuiert, aber mit Kraftreserven. Er ließ einige Male eine
Mächtigkeit erahnen, die einen mehr an Wagner als an Massenet denken
ließ.
Die Produktion stammt aus dem Jahr 2007, damals mit Anna Netrebko in der Titelpartie – und das markiert zugleich den Höhepunkt an Aufmerksamkeit, der dieser Staatsopern-„Manon“ in
den fast zwanzig Jahren ihrer Repertoireexistenz zu Teil geworden ist.
Für die Folgevorstellungen (vor allem am 14.1. und 17.1.) sind laut
Online-Verkauf noch ausreichend Karten erhältlich. Vielleicht ist das
ein guter Grund, Benjamin Bernheim nicht zu versäumen? Der
Schlussapplaus war nach rund sechs Minuten vorbei, hat vor allem Manon
und Des Grieux gegolten.
|
|