|
„Der Tod des Orfeo“
(Dominik Troger)
Einen
Ausflug in die Frühzeit der Oper ermöglichte das Theater an der Wien
mit einer konzertanten Aufführung von Stefano Landis „La morte d’Orfeo“.
Stefano Landi war ein Zeitgenosse von Claudio Monteverdi, sein
musikalischer Beitrag zur Orpheussage stammt aus dem Jahr 1619. Die
Handlung setzt nach der vergeblichen Unterweltreise Orfeos ein: Der
Sänger feiert seinen Geburtstag. Der von ihm verschmähte Bacco rächt
sich. Orfeo wird von Mänaden zerrissen und gelangt als Schatten noch
einmal in die Unterwelt, aber Euridice erkennt ihn nicht mehr. Orfeo
wird als Halbgott in den Olymp aufgenommen.
„La morte d’Orfeo“ erreicht über die ganze Werklänge gemessen zwar
nicht die Dichte von Monteverdis „Orfeo“, besitzt aber Stellen von
starker bühnendramatischer „Plastizität“: Carontes „Trinklied“ im
fünften Akt etwa, ein „Dulcamara“ des Hades, preist buffonesk „il
sereno liquor di Lete“ an. Die Klage Filenos im vierten Akt, wenn
dieser Orfeos Mutter Calliope vom Tod ihres Sohnes berichtet, lotet die
Grenzen seelischen Schmerzes aus. Der zornige Bacco im dritten Akt
wirkt gar nicht göttlich in seinem Beleidigtsein, aber seine Rache ist
fürchterlich. Sogar Euridice darf Orfeo noch einmal im Hades begegnen,
der als Schatten zwangsläufig wieder die Unterwelt aufgesucht hat. Es
benötigt allerdings eine hohe „deklamatorische Prägnanz“, um die vielen Figuren in den kurzen Szenen, die ihnen reserviert sind, bis in die Feinheiten ihres Charakters auszuleuchten.
Mit Cyril Auvity
war ein ausgewiesener Spezialist für alte Musik als Orfeo aufgeboten.
Sein hoher, feinfühliger Tenor verlieh dem antiken Sänger
aristokratischen Glanz, war fast schon zu nobel in den
Gefühlsausbrüchen: Orfeos Emotionen geläutert durch die Musik. Marc Mauillon,
vor ein paar Tagen noch bei der konzertanten Aufführung der
Galuppi-Oper „L'uomo femmina“ in Konzerthaus engagiert, schilderte als
Fileno eindrucksvoll Orfeos Tod. Isabelle Druet war als schmerzerfüllte Calliope die Adressatin dieses Berichts.
Im Gegensatz dazu betonte Alessandro Ravasio als Caronte mit jugendlich-profundem Bass und einer Portion Zynismus die komödiantische Seite des Unterwelt-Fährmanns. Hasnaa Bennani
brachte die wenigen Verse der Euridice mit angemessenem ausdruckslosem
Unverständnis auf den Punkt. Nichts weiß sie mehr von Orfeos Liebe,
nachdem sie von Lethes erinnerungslöschendem Wasser getrunken hat.
Marco Angioloni war mit goldfarbenem Sakko als Apollo passend ausstaffiert, der seinen Sohn Orfeo allerdings umsonst warnt. Paul Figuier gab dem Bacco jenen trotzigen-kindischen Zorn, der Orfeos Schicksal besiegelt; der besänftigende Einspruch von Nissa (Claire Lefilliâtre) konnte ihn nicht umstimmen. Floriane Haslers Weißwein-Mezzo besang unter anderem als Fosforo den Frühling, auch sie war wie Marc Mauillon erst wenige Tage zuvor im Konzerthaus in Galuppis „L'uomo femmina“ aufgetreten.
Die
insgesamt elf Sängerinnen und Sänger hatten bis auf Orfeo mehrere
Rollen zu bewältigen, bildeten auch die Chöre von Hirten und Satyrn und
im Finale gesellten sich noch die Götter hinzu. Das kleine Orchester Les Épopées unter Stéphane Fuget sorgte
für die stimmige historisch informierte Begleitung. Ganz gefüllt war
der Saal des Theaters an der Wien nicht. Am Schluss gab es rund fünf
Minuten langen starken Applaus.
PS: Dieses Mal war der Orchestergraben nicht abgedeckt worden, die
Sängerinnen und Sänger standen etwas hinter der eigentlichen
Bühnenrampe. Akustisch ist das für den Stimmklang nach meinem Eindruck
besser, als wenn sie auf dem gedeckelten Orchestergraben quasi schon im
Auditorium positioniert sind.
|
|