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VÉC MAKROPULOS
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Staatsoper Dirigent: Tomás Hanus |
Emilia
Marty - Marlis Petersen |
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„Alchemistische
Rarität“ Barocke Könige und Königinnen und jetzt noch die unsterbliche Elina Makropulos: Alles drängt zum Weihnachtsshopping in die Wiener Innenstadt. Abends geht sich dann noch ein Opernbesuch aus – und Leos Janàceks „Véc Macropulos“ bekommt man wirklich nicht jeden Tag zu hören. Im Gegenteil, Aufführungen dieser Oper im Haus am Ring sind fast so rar wie alchemistische Rezepte zur Lebensverlängerung. Vor ziemlich genau zehn Jahren hatte diese Produktion Premiere, um nach nur fünf Vorstellungen im Depot zu verschwinden. Jetzt hat man sie für drei Vorstellungen „exhumiert“. Peter Stein hat damals inszeniert, heutzutage selbst schon ein „Stein der Weisen“ verglichen mit dem dekonstruktiven Chaos gegenwärtiger Opernregie. Jedenfalls hat Stein die Geschichte von Elina Makropulos, die sich dank eines solchen alchemistischen Rezeptes seit den Zeiten Rudolfs II. eines regen (Liebes-)Lebens erfreut, ohne „Mätzchen“ in Szene gesetzt – sogar in geschmackvollen Bühnenbildern, die den librettogemäßen Handlungsschauplätzen entsprechen. Die imposante Rechtsanwaltskanzlei des ersten Aktes mit den meterhohen Aktenschränken könnte heutzutage fast schon als Museumsstück durchgehen – als Reise zurück in die Arbeitswelt des Jahres 1922, in dem die Oper spielt. Die Aufführungsserie wurde großteils mit neuen Kräften bestritten. Bereits die Premiere haben Wolfgang Bankl als sehr gemütlich „dozierender“ Dr. Koletaný, Carlos Osuna als unglücklich verliebter Janek Prus, und Marcus Pelz als Maschinist gestützt. Aber das Hauptaugenmerk richtete sich ohnehin auf Emilia Marty alias Elina Makropulos. Für diese Rolle hat die Staatsoper Marlis Petersen engagiert, deren starke Künstlerpersönlichkeit auch dieser Aufführung ein aufregendes Finale beschert hat. Schließlich hängt die ganze Wirkung der Oper an diesem Schluss in dem Leos Janàcek die komödienhaften Züge des Stoffes tragisch überhöht, in dem Elina Makropolus auf die lebensverlängernde Formel verzichtet. Petersens Sopran hat inzwischen die Reife, um dieser durch die Jahrhunderte mäandernden Opernfigur das nötige Profil zu verleihen, wenn auch in der Höhe schon deutlich limitiert. Aber hat sich dieser Emilia Marty nicht ohnehin längst eine sinnliche Überdrüssigkeit bemächtigt, die einen mehr nüchternen Tonfall, vielleicht sogar eine Spur Zynismus rechtfertig? Im erotischen Geplänkel mit den Verehrern wird von ihr keine jugendfrische Koketterie mehr erwartet. Wichtig ist, dass die Querschnittsmenge stimmt – und die hat Petersen im Finale dann eindeutig zu ihren Gunsten verschoben. Schließlich konnte das Publikum mit dieser Emilia Marty sogar mitfühlen: und zwar auf einer sehr menschlichen Ebene, die einen bewusst gewählten und sehr nachdenklich stimmenden Abschied vom Leben meint. Aber es war ohnehin keine Vorstellung, in der sich außerordentlich prächtige Stimmen in den Vordergrund gedrängt hätten. Bo Skovhus als Jaroslav Prus zehrte von seiner langen Sängererfahrung und sicherte der Figur durch starke Bühnenpräsenz die ominöse Hotelzimmernacht mit Emilia, weniger durch baritonalen Schmelz. Pavel Cernoch lieh dem Albert Gregor einen heißblütigen, aber doch recht trockenen Tenor. Etwas „trocken“ geriet auch Matthäus Schmidlechner die komödiantische Senilität von Hauk-Sendorf, eigentlich als ein zur „Karikatur“ gealteter Operettentenor gedacht – aber wollte man das alles unter „zweckmäßig“ (genauso wie die übrige Besetzung) zusammenfassen, so wäre damit auch angedeutet, dass man diese Oper nicht ganz so einfach nach Jahren der Absenz für drei Vorstellungen wieder in den Spielplan nehmen kann, ohne dass sie in der Umsetzung offensichtlich an Stringenz verliert. Wie überhaupt die Aufführung dort etwas schwächelte, wo Janàcek seine liebenswerte bis boshafte Ironie auspackt. Die meiste Zeit beherrscht doch ein kleinteiliger Konversationston die Oper, der exakteste Nuancierung und eine deutliche Akzentsetzung erfordern würde – auch im Orchestergraben (am Pult Tomás Hanus), um dem Stück die vorantreibende Deklamatorik einzuverleiben, die es benötigen würde. Insofern war es mir musikalisch dann doch ein wenig zu „romantisch“ überhaucht, wodurch zwar das Finale an morbider Wehmütigkeit gewann, aber die Akte I und II doch eher verloren. Schon die Orchestereinleitung müsste die Fakten gleichsam auf den Tisch „knallen“ wie ein Rechtsanwalt die Aktenstöße der „Sache Makropulos“. Es geht dabei doch recht „faktenbezogen" zu: Selten genug, wie etwa bei diesen Streicher-Flageolett-Tönen, scheint dem Komponisten so etwas wie ein zärtliches Erinnern vorzuschweben, ein Erinnern, in dem die junge Emilia, ausgestattet mit gespenstischem Eros, kurz aufzuschimmern scheint, um sofort wieder im Atem der Jahrhunderte zu verwehen. Das Haus war wieder sehr gut gefüllt, auch der Galeriestehplatz. Die „Drop-out-Quote“ war interessanter Weise nicht so hoch, wie unlängst bei den Karmeliterinnen. Der dankbare Schlussapplaus für die dritte und letzte Vorstellung der Aufführungsserie brachte es immerhin auf acht Minuten. Am stärksten natürlich für Elina Makropulos. |