SIROE
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Theater an der Wien
21.4.2015
Konzertante Aufführung

Musikalische Leitung: George Petrou

Armonia Atenea

Cosroe - Juan Sancho
Siroe - Max Emanuel Cencic
Medarse - Mary-Ellen Nesi
Emira - Roxana Constantinescu
Laodice - Julia Lezhneva

Arasse - Lauren Snouffer



„Hasse mit Klasse

Im Theater an der Wien wurde die Gewissensfrage, welchen Sohn der König von Persien zu seinem Nachfolger bestimmen soll, mit ausgiebigen Koloraturen abgehandelt. Es dauerte inklusive einer Pause gut drei Stunden lang, bis die Frage geklärt war.

Johann Adolf Hasse war im 18. Jahrhundert ein gefeierter Opernkomponist – und die konzertante Aufführung seines „Siroe“ im Theater an der Wien machte deutlich, warum: Hasse, der in Neapel die Kunst des Opernschreibens studiert hat, verstand es prächtig, auf Sängerinnen und Sänger einzugehen und diese gleichsam in die „Auslage“ zu stellen. Hasse veranstaltet auch im „Siroe“ eine „barocke Modenschau der Stimmen“, jagt sie auf die Bühne wie auf einen Laufsteg, wo sie sich Drehen und Wenden müssen, Attacke reiten und sinnlich ins Piano tauchen, herausgefordert zu einer Stimmkontrolle vom Allerfeinsten. Die Handlung tritt vor solchen Gesangeskünsten allerdings stark in den Hintergrund. Doch Hasse hat immerhin ein Libretto von Pietro Metastasio vertont – und gespielt wurde die 2. Fassung des„Siroe“ aus dem Jahr 1763, die der Komponist für den Dresdner Hof gefertigt hat.

„Ausgegraben“ hat diese Hasse-Oper Max Emanuel Cencic, der damit auch gleich eine neue Hauptrolle für seinen virilen mezzoaffinen Countertenor gefunden hat, die ihm vorzüglich steht. Cencic trug an diesem Abend ein goldfarbenes Sakko, das den persischen Königssohn ebenso gut charakterisierte wie den virtuosen gesanglichen „Entertainer“, der mit lockerer, weltmeisterlicher Geläufigkeit die Hasse’schen Arien präsentierte. Und Cencic vermag das Publikum am Beginn dieser langen Da-Capo-Arien „abzuholen“ und „mitzunehmen“, den musikalischen „Flow“ anzuregen, der dann die barocke Virtuosität zum Kulminationspunkt führt.

Noch stärker ist der angesprochene „Flow“ bei Julia Lezhneva ausgeprägt, die mit einer eingelegten Arie im dritten Akt aus Carl Heinrich Grauns „Britannico“ das Publikum zuerst zum „Atemanhalten“ und dann zu einem Jubelsturm hinriss. Die junge Sängerin (Mitte 20 !!) hat sich vor drei Jahren im Konzerthaus zum ersten Mal dem Wiener Publikum präsentiert, das wegen der gebotenen akrobatischen Gesangeskünste gleich ganz begeistert war. Ihr Sopran dürfte seither etwas an Volumen gewonnen haben, vor allem in der Mittellage. Eine leichte metallische Härte ist dem Timbre nach wie vor in der Höhe beigemischt.

Laut Saisonvorschau hätte Franco Fagioli als Medarse an diesem Abend das Glück der Wiener Barockopernfans verdreifachen sollen, es trat dann aber die griechische Mezzosopranistin Mary-Ellen Nesi an. Sie tat sich in den schnelleren Passagen leichter, die Spannung zu halten, die Stimme allerdings in der Höhe mit abnehmender Qualität. Roxana Constantinescu (Emira) war vor einigen Jahren im Staatsopernensemble, sie singt wie Nesi ein breitgefächertes Repertoire und kann wohl nicht als ausgesprochene Barockopernspezialistin gelten; ihr Mezzo hatte mir phasenweise schon zu viel Vibrato. Emira hat eine packende Szene im dritten Akt die Constantinescu zu starkem Beifall nützte.

Mit Lauren Snouffer als Arasse konnte das Publikum eine vielversprechende Neuentdeckung machen: die Amerikanerin ließ einen beweglichen Sopran hören, der mit wendigen Koloraturen und mit einem warmen, leicht metallisch überhauchten Timbre überzeugte. Weniger überzeugten die Spitzentöne, in die Snouffer teils zu viel Kraft legte, was ihrem Klangbild nicht gut bekam.

Juan Sancho war als Cosroe für einen König, der schon über seine Thronfolge nachdenkt, ein bisschen jung. Er ließ einen angenehm klingenden lyrischen Tenor hören, in der Höhe für meinen Geschmack allerdings zu grell färbend, etwa beim „Gelido in ogni vena“ im dritten Akt. Allerdings friert dem König hier das Blut in den Adern und George Petrou am Pult der Armonia Atenea kostete in der Begleitung die Kontraste aus und sorgte für „Basseruptionen“, bei denen einem wirklich das „Blut gefrieren konnte“. Das Orchester ging insgesamt etwas forsch an die Sache heran, ein etwas rohlköstlerischer „Originalklang“, aber durchwegs spannend und auch mit Sinn für eine gewisse verhaltene Lyrik.

Die Sängerinnen und Sänger nützten – auswendig singend – ein paar Meter Bühnentiefe vor einem abtrennenden Vorhang für eine „semi-konzertante“ Aufführung und spielten die Handlung in groben Zügen nach. Am Schluss wurden sie mit rund acht Minuten langem starkem Beifall bedankt.