GIULIO CESARE IN EGITTO
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Theater an der Wien
4. Februar 2026
Konzertante Aufführung

Musikalische Leitung: Francesco Corti

Ensemble: Il Pomo d'Oro

Giulio Cesare - Jakub Józef Orlinski
Cleopatra - Sabine Devieilhe
Sesto - Rebecca Leggett
Cornelia - Beth Taylor
Tolomeo - Yuriy Mynenko

Achilla - Alex Rosen
Nireno - Rémy Brès-Feuilett
Curio - Marco Saccardin


„Er kam, sang und siegte“
(Dominik Troger)

Bei einer Aufstellung der beliebtesten Händel-Opern würde „Giulio Cesare in Egitto“ wahrscheinlich auf einem der ersten Plätze landen. Und wenn dann noch einer der derzeit gefeiertsten Countertenöre in der Titelpartie auf der Bühne steht: Herz, was begehrst du mehr?

Jakub Józef Orlinski hat sich jetzt eine der „ikonenhaftesten“ Partien „angelacht“, die die Barockoper für Sänger bereithält, und geht damit auf Europatournee – Startpunkt war das Theater an der Wien. Orlinskis Cäsar strahlt im Glanz schlanker Jugend, die Fährnisse langen Feldherrnlebens haben sich ihm noch nicht in das Gemüt gegraben. Sein Cäsar ficht Kämpfe auf dem Feld der Liebe, wobei Cleopatra ihn so schnell für sich einnimmt, dass es einer Abteilung nubischer Plänkler kaum möglich gewesen wäre, ein paar Steinwürfe auf seine Kohorten abzuschleudern.

Die gesangliche Tatkraft dieses Giuglio Cesare war von makelloser Perfektion, durch die musikalischen Schlachtaufstellungen wirbelte er mit müheloser Eleganz, in der Attacke und im Innehalten bis ins Detail ausgewogen, die Übergänge auch bei großen Intervallsprüngen nahtlos, die Koloraturen fädelten sich locker und geschmeidig. Orlinski Stimme hat Anteil am „seraphischen Countertenor-Kosmos“, besitzt aber eine kräftigere Mittellage, die den „Engelstönen“ eine elastische Muskulosität verleiht samt einer tragenderen Tiefe. Abgesehen von einer ganz leichten, virilen Textur lässt die Stimme keine ausgeprägte individuelle „Farbe“ hören, so wie etwa der elegante Bronzeton eines Max Emanuel Cencic oder das starke männliche „Parfum“ eines Franco Fagioli oder die keusche Süße eines Philippe Jaroussky.

Vielleicht tönte Orlinski ein bisschen „musterschülerhaft“, angereichert mit viel Charme und einer Prise Selbstironie: Sein Giuglio Cesare hatte etwas von einem wohlerzogenen Gymnasiasten, dem die erste Liebe seines Lebens begegnet – und wenn die dann noch Cleopatra heißt, beginnen auch die Herzen des Publikums zu rasen. Wie als Beweis für diesen Eindruck schwang sich das finale Duett zwischen den beiden „Caro! / Bella! ...“ zur ultimativen Liebeserklärung auf – und krönte eine an sich schon hervorragende Aufführung von Händels Oper.

Als Orlinskis Bühnenpartnerin war Sabine Devieilhe aufgeboten. Sie hat wie Orlinksi (so das Programmheft) bei dieser konzertanten Aufführung ihr Rollendebüt gegeben. Devieilhe führte ihren feingliedrigen, mehr silbrigen als blumigen Sopran mit
staunenswerter Beweglichkeit ins Feld. Einige Spitzentöne tönten allerdings etwas schmal und erkämpft. Die von Händel in Musik gegossene, verführerische Erotik will vielleicht noch etwas stärker entdeckt werden. Die Sängerin schwang sich im dritten Akt zu einem betörenden Finish auf mit dem obgenannten Duett als bezauberndem Höhepunkt.

Rund um die beiden hatte sich ein überzeugendes Ensemble versammelt: Yuriy Mynenko nennt einen etwas „kantigeren“ Countertenor sein eigen, stattete den Bösewicht Tolomeo mit angemessener Durchtriebenheit aus.  Mynenko hat die Partie erst letzten Sommer in der abstrusen Bunker-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen gesungen – wie dankbar war man an diesem Abend, „nur“ einer konzertanten Aufführung beiwohnen zu dürfen.

Beth Taylors satte Altstimme verlieh der Cornelia römisches Pathos und glühende Rezitative. Die Sängerin hinterließ einen starken Eindruck, formte des Pompeus Gattin zu einer Frau mit festen Grundsätzen, die sie vehement zu verteidigen wusste. Rebecca Leggett gab den Sesto. Sie hat die Sängerakademie Jardin de Voix unter William Christie absolviert und ließ einen jugendfrisch lyrisch-gerundeten, hohen Mezzosopran hören, ausgesprochen hübsch und mit sicherem Ausdruck im barocken Ziergesang unterwegs. Alex Rosen sang mit feschem Bass einen feschen Achilla – und der noch recht jugendlich wirkende Countertenor Rémy Brès-Feuilett hat als Nireno mit feinem Humor die Arie „Chi perde un momento“ aus einer späteren Fassung der Oper beigesteuert. Marco Saccardin ergänzte als Curio.
 
Das historisch informierte Ensemble Il Pomo d'Oro unter Francesco Corti fand eine gute Abmischung zwischen etwas fülligerem Klang und akzentuiertem Spiel. Es gab ein paar hübsche Einlagen, wie das leicht ironisch untermalende, üppig zwitschernde „Vogelkonzert“ bei Cesares „Se in fiorito ameno prato“ – und beim „Va tacito e nascosto“ kam das Solohorn nach vorne an die Rampe, um mit Orlinski Zwiesprache zu halten. Das Publikum konnte sich an vielen musikalischen Details erfreuen und die kokett-schwungvolle Begleitung der Violinen zu Cleopatras erster Arie war nur eines von vielen Schmankerl.

Wie es bei den konzertanten Aufführungen inzwischen üblich ist, traten die Protagonisten je nach Szene an die Rampe, saßen zum Teil auf ihre Auftritte wartend an der Bühnenseite oder gingen ganz ab. Der Orchestergraben war dieses Mal abgedeckt und mit Sitzplätzen bestückt, wahrscheinlich um der starken Publikumsnachfrage nachzukommen. Das Orchester war wieder auf der Bühne postiert.

Das Publikum im vollen Haus war enthusiasmiert, leider hat sich das Ensemble während des starken, fünf, sechs Minuten langen Beifalls zu keiner Zugabe verleiten lassen.