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„Er kam, sang und siegte“
(Dominik Troger)
Bei
einer Aufstellung der beliebtesten Händel-Opern würde „Giulio Cesare in
Egitto“ wahrscheinlich auf einem der ersten Plätze landen. Und wenn
dann noch einer der derzeit gefeiertsten Countertenöre in der
Titelpartie auf der Bühne steht: Herz, was begehrst du mehr?
Jakub Józef Orlinski hat
sich jetzt eine der „ikonenhaftesten“ Partien „angelacht“, die die
Barockoper für Sänger bereithält, und geht damit auf Europatournee –
Startpunkt war das Theater an der Wien. Orlinskis Cäsar strahlt im
Glanz schlanker Jugend, die Fährnisse langen Feldherrnlebens haben sich
ihm noch nicht in das Gemüt gegraben. Sein Cäsar ficht Kämpfe auf dem
Feld der Liebe, wobei Cleopatra ihn so schnell für sich einnimmt, dass
es einer Abteilung nubischer Plänkler kaum möglich gewesen wäre, ein
paar Steinwürfe auf seine Kohorten abzuschleudern.
Die gesangliche Tatkraft dieses Giuglio Cesare war von makelloser
Perfektion, durch die musikalischen Schlachtaufstellungen wirbelte er
mit müheloser Eleganz, in der Attacke und im Innehalten bis ins Detail
ausgewogen, die Übergänge auch bei großen Intervallsprüngen nahtlos,
die Koloraturen fädelten sich locker und geschmeidig. Orlinski Stimme
hat Anteil am „seraphischen Countertenor-Kosmos“, besitzt aber eine
kräftigere Mittellage, die den „Engelstönen“ eine elastische
Muskulosität verleiht samt einer tragenderen Tiefe. Abgesehen von einer
ganz leichten, virilen Textur lässt die Stimme keine ausgeprägte
individuelle „Farbe“ hören, so wie etwa der elegante Bronzeton eines
Max Emanuel Cencic oder das starke männliche „Parfum“ eines Franco
Fagioli oder die keusche Süße eines Philippe Jaroussky.
Vielleicht tönte Orlinski ein bisschen „musterschülerhaft“,
angereichert mit viel Charme und einer Prise Selbstironie: Sein Giuglio
Cesare hatte etwas von einem wohlerzogenen Gymnasiasten, dem die erste
Liebe seines Lebens begegnet – und wenn die dann noch Cleopatra heißt,
beginnen auch die Herzen des Publikums zu rasen. Wie als Beweis für
diesen Eindruck schwang sich das finale Duett zwischen den beiden „Caro! / Bella! ...“ zur ultimativen Liebeserklärung auf – und krönte eine an sich schon hervorragende Aufführung von Händels Oper.
Als Orlinskis Bühnenpartnerin war Sabine Devieilhe
aufgeboten. Sie hat wie Orlinksi (so das Programmheft) bei dieser
konzertanten Aufführung ihr Rollendebüt gegeben. Devieilhe führte ihren
feingliedrigen, mehr silbrigen als blumigen Sopran mit staunenswerter Beweglichkeit ins
Feld. Einige Spitzentöne tönten allerdings etwas schmal und erkämpft.
Die von Händel in Musik gegossene, verführerische Erotik will
vielleicht noch etwas stärker entdeckt werden. Die Sängerin schwang
sich im dritten Akt zu einem betörenden Finish auf – mit dem obgenannten Duett als bezauberndem Höhepunkt.
Rund um die beiden hatte sich ein überzeugendes Ensemble versammelt: Yuriy Mynenko
nennt einen etwas „kantigeren“ Countertenor sein eigen, stattete den
Bösewicht Tolomeo mit angemessener Durchtriebenheit aus. Mynenko
hat die Partie erst letzten Sommer in der abstrusen Bunker-Inszenierung
bei den Salzburger Festspielen gesungen – wie dankbar war man an diesem
Abend, „nur“ einer konzertanten Aufführung beiwohnen zu dürfen.
Beth Taylors satte
Altstimme verlieh der Cornelia römisches Pathos und glühende
Rezitative. Die Sängerin hinterließ einen starken Eindruck, formte des
Pompeus Gattin zu einer Frau mit festen Grundsätzen, die sie vehement
zu verteidigen wusste. Rebecca Leggett
gab den Sesto. Sie hat die Sängerakademie Jardin de Voix unter William
Christie absolviert und ließ einen jugendfrisch lyrisch-gerundeten,
hohen Mezzosopran hören, ausgesprochen hübsch und mit sicherem Ausdruck
im barocken Ziergesang unterwegs. Alex Rosen sang mit feschem Bass einen feschen Achilla – und der noch recht jugendlich wirkende Countertenor Rémy Brès-Feuilett hat als Nireno mit feinem Humor die Arie „Chi perde un momento“ aus einer späteren Fassung der Oper beigesteuert. Marco Saccardin ergänzte als Curio.
Das historisch informierte Ensemble Il Pomo d'Oro unter Francesco Corti
fand eine gute Abmischung zwischen etwas fülligerem Klang und
akzentuiertem Spiel. Es gab ein paar hübsche Einlagen, wie das leicht
ironisch untermalende, üppig zwitschernde „Vogelkonzert“ bei Cesares „Se in fiorito ameno prato“ – und beim „Va tacito e nascosto“ kam
das Solohorn nach vorne an die Rampe, um mit Orlinski Zwiesprache zu
halten. Das Publikum konnte sich an vielen musikalischen Details
erfreuen und die kokett-schwungvolle Begleitung der Violinen zu
Cleopatras erster Arie war nur eines von vielen Schmankerl.
Wie es bei den konzertanten Aufführungen inzwischen üblich ist, traten
die Protagonisten je nach Szene an die Rampe, saßen zum Teil auf ihre
Auftritte wartend an der Bühnenseite oder gingen ganz ab. Der
Orchestergraben war dieses Mal abgedeckt und mit Sitzplätzen bestückt,
wahrscheinlich um der starken Publikumsnachfrage nachzukommen. Das
Orchester war wieder auf der Bühne postiert.
Das
Publikum im vollen Haus war enthusiasmiert, leider hat sich das
Ensemble während des starken, fünf, sechs Minuten langen Beifalls zu
keiner Zugabe verleiten lassen.
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