GIULIO CESARE IN EGITTO
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Theater an der Wien
3.4.2007
Premiere

Musikalische Leitung: René Jacobs
Inszenierung: Christof Loy
Bühne: Johannes Leiacker
Kostüme: Judith Weihrauch

Orchester: Freiburger Barockorchester

Giulio Cesare - Marjana Mijanovic
Cleopatra - Veronica Cangemi
Sesto - Malena Ernman
Cornelia - Kristina Hammarström
Tolomeo - Christophe Dumaux
Achilla - Nicolas Rivenq
Nireno - David Hansen
Curio - Klemens Sander


Anmerkungen zur Aufführung am 15.4.: Veronica Cangemi hat als Kleopatra an Bühnenintensität gewonnen, die paar für sie offenbar problematischen Höhen diesmal geschickt kaschiert und insgesamt wohl den stärksten Eindruck vom Ensemble hinterlassen. Die Aufführung wirkte auf mich insgesamt inspirierter und auch vom Orchester mit mehr Dramatik musiziert. Das Orchester spielte sehr gut, es fehlen aber der letzte perfektionistische Schliff und Exaktheit. Das Bühnenbild wirkte von oben besehen (bei der Premiere im Parterre gesessen, diesmal ein Rangplatz) weniger erdückend. Konnte diesmal in der Pause einige Gespräche führen, die Inszenierung wurde teils abgelehnt, teils empfand man gerade die Einfachheit und Klarheit der Personenführung und der dargestellten Emotionen als interessant und passend. Das Publikum im nahezu ausverkauften Haus spendete den Ausführenden am Schluss sehr starken Applaus und die Reihen lichteten sich im Laufe des Abends nur punktuell.

„Händel light“
(Dominik Troger)

Wer sich ein üppiges Barockspektakel erwartet, dem kann diese Aufführung nicht empfohlen werden. René Jacobs zelebrierte Händels Musik undramatisch als filigrane, von feinfühlig vibrierenden Emotionen getragene Meditation – die Inszenierung entwickelte „Julius Cäsar“ als langatmiges, mit einfachsten Mitteln realisiertes „Kammerspiel".

Am besten illustriert wohl der graue, einförmige Quader das Dilemma dieser Aufführung, der meterhoch die Bühne beherrscht, mal sich drehend, mal mit zwei geöffneten Seiten, mal inwendig bespielt und mal umspielt. Sichtbares Zeichen eines melancholischen Forschens nach Verinnerlichung, gerät er im Laufe des rund 4 ½ stündigen Opernabends zum bedrückenden Symbol einer allgegenwärtigen Depression, die schwer auf dem Geschehen lastet. Schon die erste Stunde, in der dieser Quader als Theater im Theater dient, wird zum Geduldspiel – und wenn er dann zum ersten Mal in eine sanfte Drehung schwenkt, raunt hörbare Erleichterung durch den Saal.

Die in Alltagskleidung gewandeten Figuren bewegten sich in diesem dürren Bühnenraum wie verlorene Existenzen, die ihr eigentliches Leben erst erproben müssen, mit Schreiten oder Stehen, Liegen oder Sitzen – Ausdruck ihrer Seelenpein, die sie wie mit hartem Granit umfängt. Ihre Emotionen werden in phrasenhaften Bewegungen festgehalten, wer zornig ist, wirft mit Gegenständen, wer Liebe fühlt, legt seine Jacke ab und blendet mit nackten Schultern das angebetete „Du“. Einer seltsamen Schuhsymbolik wird gehuldigt – beschuht oder unbeschuht ein „Seelenraum“ gesucht, eine Verbildlichung innerer Zustände und Befindlichkeiten, möglichst requisitenlos und ganz ohne Statisten. Rätselhaft bleiben die Projektionen aus dem Foyer des Theaters an der Wien, bühnenhoch und -breit, schreitet Cäsar an Garderoben vorbei, wenn er im dritten Aufzug zum Königspalast zurückkehrt, seinem Sieg entgegen. Manch plumpe Symbolik wie Königin Cleopatras Gesichtscreme oder das Aktenköfferchen für den Hofbeamten erinnerte an die abgestandene Phraseologie zeitgenössischer Regiemoden, denen beim Versuch, für die langen Arien szenisch entsprechende Bilder zu finden, die Luft ausgeht. Ob man – ein völlig konträrer Ansatz – mit über die Bühne echsenden Nil-Krokodilen unter Pyramiden das bessere Auslangen findet, lasse ich dahingestellt, aber in dieser konkreten Form wurde „Julius Cäsar“ als „Kammerspiel“ zu grauer szenischer Eintönigkeit verdammt.

Tröstlich ist hier nur die Musik. Das Orchester und René Jacobs sind der sprudelnde Quell, aus dem sich der Abend stets aufs neue labt. Dabei ist Jacobs dem rein opernhaften eher abhold, wandert, im Verein mit den SängerInnen, durch das Reich gezügelterer Affekte, dem theatralischen Ausbruch viel stärker misstrauend als einem über Minuten hingestreckten, bis zur Neige ausgekosteten, lamentohaften Gesang. Das erfordert eine Hingabe nicht nur bei den Ausübenden, sondern auch beim Publikum, was da und dort den Bogen einfühlsamer Geduld schon überspannt und über die Kräfte geht. (Nach der zweiten Pause waren nicht wenige Plätze leer geblieben.) Wenn sich ein Teil der Anwesenden – auch in Anbetracht der reduktionistischen szenischen Umsetzung – dann schon fast in einer konzertanten Aufführung wähnte, es würde mich nicht verwundern. Allerdings wäre es dann ehrlicher gewesen, gleich auf die Szene zu verzichten…

Den SängerInnen hat das Gesamtkonzept beim Ausspielen ihrer persönlichen Qualitäten wahrscheinlich mehr geschadet als genützt. Das Ensemble pflegte einen Uniformismus im Ausdruck, war vielleicht sogar dazu angehalten, nicht expressiv zu singen – was offenbar nur dem „bösen“ Tolomeo (Christophe Dumaux mit flexiblem Counertenor) gestattet worden war, der dafür den stärksten Zwischenapplaus einheimste. Marijana Mijanovic konnte als Julius Cäsar wie erwartet mit ihrer interessanten Alt-Stimme punkten, doch fehlte ihr für meinen Geschmack das Charisma des siegreichen Feldherrn (wobei die indifferente, beiläufige Personenführung natürlich keine Hilfestellung bot). Ähnlich ging es mir mit Cleopatra (Veronica Cangemi), die nichts Königliches an sich hatte, zwar sehr schönen lyrischen Gesang verströmte (eine Handvoll grelle, unsaubere Höhen ausgenommen), und trotzdem austauschbar wirkte, nur eine Frau unter anderen. Weder Cäsars Liebe wurde so richtig begreiflich, noch ihr Herrschaftsanspruch. Etwas mehr Profil entwickelten Kristina Hammerström als Cornelia und Malena Ernmann als Sesto, wobei hier die Handlung der dramatischeren Ausformung der Figuren zu Hilfe kam. Nicolas Rivenq gab als Achilla den fahnenwechselnden Sekretär. Klemens Sander (Curio) und David Hansen (Nireno) ergänzten den Personenreigen.

Insgesamt betrachtet kann diese Produktion nur Liebhabern von Barockopern empfohlen werden, die die nötige Spannkraft aufbringen, um nach viereinhalb Stunden noch der beschließenden Ballettmusik mit Andacht und Freude zu lauschen. Striche gab es vor allem im dritten Akt, wo einige Arien weggelassen wurden. Die Arien selbst wurden puritanisch mit allen Wiederholungen ausgesungen – reizvoll, aber eben doch sehr anspruchsvoll. (Ich habe nicht das Gefühl, dass das dem Ausdruck der „Klangrede“ wirklich geholfen hätte – eher dürfte sich durch die Länge des Abends auch bei den Mitwirkenden die Gestaltungskraft zunehmend erschöpft haben.)

Das Publikum reagierte mit viel Jubel für den musikalischen Teil – und vielen Buhrufen bei der Regie.