ARIODANTE
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Theater a.d. Wien
20. Mai 2026
Konzertante Aufführung

Dirigent: Andrea Marcon

Ensemble: La Cetra Barockorchester Basel

Ariodante - Adèle Charvet
Ginevra - Erika Baikoff
Lurcanio / Odorardo - Emiliano Gonzales Toro
Dalinda - Shira Patchornik
Polinesso - Christophe Dumaux
Il Re di Scozia - José Antonio López


„Konzertante Doppelhochzeit
(Dominik Troger)

Schottische Doppelhochzeit im Theater an der Wien: Ariodante und Ginevra,  Lurcanio und Dalinda haben sich gefunden und die Intrige des Polinesso ist gescheitert. Im Haus an der Linken Wienzeile erfreute Georg Friedrich Händels „Ariodante“ in einer konzertanten Aufführung das zahlreich erschienene Publikum.

Händels schottisches Mittelalter ist in Wien zuletzt szenisch (!) 2018 an der Staatsoper zu Gast gewesen. Doch die Versuche der Direktion Meyer, auch ein bisschen Barockoper ins Haus am Ring zu bringen, sind letztlich doch überschaubar geblieben, obwohl mit der „Alcina“ im Jahr 2010 ein großer Premierenerfolg gelungen ist. „Ariodante“ hat daran nicht anschließen können. Eine szenische Produktion der Oper im Theater an der Wien liegt schon länger zurück: Im Jahr 2008 als Koproduktion mit dem Pariser Théâtre des Champs-Elysées.

Ein bisschen hatte das Theater an der Wien auch Pech mit seinen „Ariodanten“. Zweimal hätte Joyce DiDonato die Titelpartie in einer konzertanten Aufführung verkörpern sollen (2012 und 2017) und zweimal hat sie absagen müssen. Und dieses Mal schlug das „Gesetz der Serie“ wieder zu: Ariodante Magdalena Kožená  hat kurzfristig wegen Erkrankung absagen müssen und wieder musste sich das Theater an der Wien auf die Suche nach Ersatz machen: fündig wurde man in Frankreich bei der jungen Mezzosopranistin Adèle Charvet. Und es war dann auch Charvet, die einer zuerst noch etwas uninspiriert wirkenden Aufführung mit Ariodantes erster Bravourarie „Con l’ali di costanza“ gleich den befreienden „Adrenalinschub“ verpasste.

Locker und rasant manövrierte sie durch die von Händels mit überbordender Virtuosität ausgestaltete Arie und hatte sofort das Publikum auf ihrer Seite. Ihre Stimme ist süffig wie leichter Rotwein, gepaart mit burschikoser Frische und Energie, die einem verliebten Ritter gut anstehen. Zwar hätte eine etwas fülligere Mittellage beim „Scherza, infida“ womöglich das Ausdrucksspektrum erweitert, aber Charvets Ariodante war eben mehr „unternehmungslustig“ als „mollgestimmt“ und hinterließ einen einnehmenden und vielversprechenden Gesamteindruck.

Dass gleich nach Charvets virtuosem Auftritt Christophe Dumaux mit dem „Spero per voi si,si“ seinem Polinesso ein intrigantes Glanzlicht aufsetzte, hat den Abend für das Publikum dann endgültig gewonnen. Dumaux hat diesen fiesen Typen über viele Jahre künstlerisch mit Haut und Haaren inhaliert, sogar damals die erwähnte Staatsopernpremiere gesungen. Alleine wie er dieses „Spero“ minutiös zum ausgezierten Ausgangspunkt seiner Falschheit machte, war atemberaubend, und an technischer Brillanz hat er an diesem Abend alle(s) in den Schatten gestellt. Dazu gesellte sich trotz des konzertanten Settings auch eine starke, leicht ironisch unterlegte darstellerische Präsenz, die er mit einem exzentrischen „Abgang“ als Duell-Leiche krönte, als er sich leicht torkelnd ins Off drehte - was im Publikum für einige Lacher sorgte.

Erika Baikoff (gehüllt in ein rosafarbenes, schulterfreies Kleid) sang die Ginevra mit hellem, etwas metallisch unterlegten Sopran, bei dem sich in der Höhe eine leichte Grellfärbung hinzugesellte. (Was aber auch der veränderten Akustik im Haus samt dem neu eingebauten „Audio-System“  geschuldet sein könnte. Ganz hat man das offenbar immer noch nicht im Griff. Unlängst bei der „Stiffelio“-Premiere war es so laut, als hätte man ein Open-Air-Konzert beschallen müssen.) Shira Patchornik (gehüllt in ein altrosafarbenes, schulterfreies Kleid) steuerte eine naivkecke Dalinda bei: ein leichter lyrischer Sopran mit despinahaften Tendenzen.

José Antonio López lieh dem König einen beweglichen Bassbariton, mehr den väterlichen Gefühlen  verschrieben, als das brutale Gesetz vertretend; Emiliano Gonzalez Toro gab mit seinem schlanken, eher weichen lyrischen Tenor den Lurcanio und ergänzte den Odorardo. Beide Herren haben sich vielleicht zu stark in das Nebenrollenschicksal gefügt, das ihnen Händel verordnet hat. Das La Cetra Barockorchester Basel unter der Leitung von Andrea Marcon kam im Laufe des ersten Aktes immer besser in „Flow“ – und sorgte für einen angenehm temperierten „Originalklang“.

Das Orchester war wieder auf der Bühne positioniert, die Sänger davor an der Rampe aufgestellt, samt der inzwischen offensichtlich unvermeidlichen Mikrophone. Der Orchestergraben war abgedeckt und mit Sitzreihen bestückt worden. Das Publikum im nahezu bis auf den letzten Platz gefüllten Haus spendete starken, minutenlangen Schlussapplaus.