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„Konzertante Doppelhochzeit“
(Dominik Troger)
Schottische
Doppelhochzeit im Theater an der Wien: Ariodante und Ginevra,
Lurcanio und Dalinda haben sich gefunden und die Intrige des Polinesso
ist gescheitert. Im Haus an der Linken Wienzeile erfreute Georg
Friedrich Händels „Ariodante“ in einer konzertanten Aufführung das
zahlreich erschienene Publikum.
Händels
schottisches Mittelalter ist in Wien zuletzt szenisch (!) 2018 an der
Staatsoper zu Gast gewesen. Doch die Versuche der Direktion Meyer, auch
ein bisschen Barockoper ins Haus am Ring zu bringen, sind letztlich
doch überschaubar geblieben, obwohl mit der „Alcina“ im Jahr 2010 ein
großer Premierenerfolg gelungen ist. „Ariodante“ hat daran nicht
anschließen können. Eine szenische Produktion der Oper im Theater an
der Wien liegt schon länger zurück: Im Jahr 2008 als Koproduktion mit
dem Pariser Théâtre des Champs-Elysées.
Ein bisschen hatte das Theater an der Wien auch Pech mit seinen
„Ariodanten“. Zweimal hätte Joyce DiDonato die Titelpartie in einer
konzertanten Aufführung verkörpern sollen (2012 und 2017) und zweimal
hat sie absagen müssen. Und dieses Mal schlug das „Gesetz der Serie“
wieder zu: Ariodante Magdalena Kožená hat kurzfristig wegen
Erkrankung absagen müssen und wieder musste sich das Theater an der
Wien auf die Suche nach Ersatz machen: fündig wurde man in Frankreich
bei der jungen Mezzosopranistin Adèle Charvet. Und es war dann auch Charvet, die einer zuerst noch etwas uninspiriert wirkenden Aufführung mit Ariodantes erster Bravourarie „Con l’ali di costanza“ gleich den befreienden „Adrenalinschub“ verpasste.
Locker und rasant manövrierte sie durch die von Händels mit
überbordender Virtuosität ausgestaltete Arie und hatte sofort das
Publikum auf ihrer Seite. Ihre Stimme ist süffig wie leichter Rotwein,
gepaart mit burschikoser Frische und Energie, die einem verliebten
Ritter gut anstehen. Zwar hätte eine etwas fülligere Mittellage beim „Scherza, infida“ womöglich
das Ausdrucksspektrum erweitert, aber Charvets Ariodante war eben mehr
„unternehmungslustig“ als „mollgestimmt“ und hinterließ einen
einnehmenden und vielversprechenden Gesamteindruck.
Dass gleich nach Charvets virtuosem Auftritt Christophe Dumaux mit dem „Spero per voi si,si“
seinem Polinesso ein intrigantes Glanzlicht aufsetzte, hat den Abend
für das Publikum dann endgültig gewonnen. Dumaux hat diesen fiesen
Typen über viele Jahre künstlerisch mit Haut und Haaren inhaliert,
sogar damals die erwähnte Staatsopernpremiere gesungen. Alleine wie er
dieses „Spero“ minutiös zum
ausgezierten Ausgangspunkt seiner Falschheit machte, war atemberaubend,
und an technischer Brillanz hat er an diesem Abend alle(s) in den
Schatten gestellt. Dazu gesellte sich trotz des konzertanten Settings
auch eine starke, leicht ironisch unterlegte darstellerische Präsenz,
die er mit einem exzentrischen „Abgang“ als Duell-Leiche krönte, als er
sich leicht torkelnd ins Off drehte - was im Publikum für einige Lacher
sorgte.
Erika Baikoff (gehüllt in
ein rosafarbenes, schulterfreies Kleid) sang die Ginevra mit hellem,
etwas metallisch unterlegten Sopran, bei dem sich in der Höhe eine
leichte Grellfärbung hinzugesellte. (Was aber auch der veränderten
Akustik im Haus samt dem neu eingebauten „Audio-System“
geschuldet sein könnte. Ganz hat man das offenbar immer noch nicht im
Griff. Unlängst bei der „Stiffelio“-Premiere war es so laut, als hätte
man ein Open-Air-Konzert beschallen müssen.) Shira Patchornik
(gehüllt in ein altrosafarbenes, schulterfreies Kleid) steuerte eine
naivkecke Dalinda bei: ein leichter lyrischer Sopran mit despinahaften
Tendenzen.
José Antonio López lieh
dem König einen beweglichen Bassbariton, mehr den väterlichen
Gefühlen verschrieben, als das brutale Gesetz vertretend; Emiliano Gonzalez Toro
gab mit seinem schlanken, eher weichen lyrischen Tenor den Lurcanio und
ergänzte den Odorardo. Beide Herren haben sich vielleicht zu stark in
das Nebenrollenschicksal gefügt, das ihnen Händel verordnet hat. Das La Cetra Barockorchester Basel unter der Leitung von Andrea Marcon kam im Laufe des ersten Aktes immer besser in „Flow“ – und sorgte für einen angenehm temperierten „Originalklang“.
Das
Orchester war wieder auf der Bühne positioniert, die Sänger davor an
der Rampe aufgestellt, samt der inzwischen offensichtlich
unvermeidlichen Mikrophone. Der Orchestergraben war abgedeckt und mit
Sitzreihen bestückt worden. Das Publikum im nahezu bis auf den letzten
Platz gefüllten Haus spendete starken, minutenlangen Schlussapplaus.
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