ANNA BOLENA

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Musikverein
3. Jänner 2013
Konzertante Aufführung


Dirigent: Pietro Rizzo

Enrico VIII - Riccardo Zanellato
Anna Bolena - Edita Gruberova
Lord Riccardo Percy - José Bros
Giovanna Seymour - Sonia Ganassi
Lord Rochefort - Daniel Kotlinski
Smeton - Hagar Sharvit
Sir Hervey - Andrew Lepri Meyer


„Zeitloser Belcanto“

(Dominik Troger)

Zum 45-jährigen Bühnenjubiläum von Edita Gruberova finden im Wiener Musikverein bis Mitte Februar drei konzertante Opernabende statt. Für einen fulminanten Auftakt sorgte kurz nach Jahresbeginn Gaetano Donizettis „Anna Bolena“.

Edita Gruberova hat die Anna Bolena leider nie im Haus am Ring gesungen – nur beim letzten Japan-Gastspiel der Wiener Staatsoper im Herbst 2012. Es gab allerdings bereits 1994 im Wiener Konzerthaus eine konzertante Aufführung des Werkes mit Edita Gruberova in der Titelpartie und den Percy sang damals – wie an diesem Abend – José Bros.

Die Anna Bolena ist eine von den Donizetti-Partien, die Edita Gruberova über eine lange Strecke ihrer Karriere begleitet haben – und die sie doch eigentlich erst in der zweiten Hälfte dieser Karriere zur richtigen Blüte gebracht hat: Die Verknüpfung von gesanglicher Kunstfertigkeit höchsten Ranges mit psychologischem Einfühlungsvermögen formte diese Belcanto-Geschöpfe zu Persönlichkeiten, an denen jeder Ton wie eine Farbskala bestimmte Gefühlszustände angibt, wodurch diese für das Publikum stark an Plastizität gewinnen. Die Basis dafür bildet nicht veristische Attitüde, sondern die zu filigranem Ausdruck fähige gesangliche Virtuosität der Sängerin, der eine schier unerschöpfliche Menge an Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung zu stehen scheint.

Ein grundlegender Wesenszug dieser Figuren findet sich zum Beispiel in Zuständen eines romantischen Wahnsinns von dem auch eine Anna Bolena nicht frei ist. Edita Gruberova ist noch immer fähig, diese romantisch-versponnene Mädchenhaftigkeit auszudrücken, die sich hier eine jener zarten Glücksvisionen schafft, die den grauenvollen Schrecken vor dem die Liebe bedrohenden Tod zumindest in eine traurig-hoffnungsehnende Erinnerung verwandelt. In solchen Augenblicken scheint es dann, als wären 45 Jahre nahezu spurlos vorübergegangen – und auch wenn man weiß, dass dem nicht so sein kann, so ist der Eindruck jedesmal erneut überwältigend.

„Anna“ erlebt solche Momente vor der geplanten Hinrichtung – ihre Sehnsucht nach Percy schwankt zwischen Selbstanklage und Hoffnung und versinkt in einem Reich subtiler Klänge, die Edita Gruberova an diesem Abend mit gesanglich fast aquarellistisch zu nennender Farbpalette und bei nahezu impressionistischer Handhabung zum Bild eines mädchenhaft entrückten Bewusstseinszustandes verdichtete – der nicht nur die Opernfigur, sondern auch die Sängerin zu verjüngen schien – ehe sich mit dem „Coppia iniqua“, die „Vergebungsverzweiflung“ der Königin in einem furiosen Finale entlud. Der finale Spitzenton erklang dann nicht mehr ganz so ungefährdet und lange wie am Schluss des ersten Aktes, vielleicht eine kleine „Tributzahlung“ an das Gelingen eines außergewöhnlichen Opernabends, bei dem die Sängerin einmal mehr mit den vielseitigen Facetten ihrer Gesangeskunst das Publikum verzauberte.

Um Gruberova gruppierte sich ein Ensemble auf hohem Niveau. José Bros lieh dem Percy seinen etwas nasalen, aber stilsicher geführten Tenor, der in vielen Details und Ausdrucksstark seine Liebe zu Anna Bolena beschwor. Bros singt elegant, die Stimme verbindet für dieses Repertoire eloquente Flexibilität mit einer glaubhaften Virilität, nur bei den Spitzentönen wurde es für Bros an diesem Abend etwas heikel: hier sang er teils schon ein wenig mit der „Brechstange“– und ein „Schmiss“ im Schlussteil der finalen Arie war ein unglücklicher Lohn für seinen ambitionierten Vortrag.

Sonia Ganassi steuerte eine leidenschaftliche Giovanna bei, Riccardo Zanellato einen schönen Bass für den Enrico, dem er einen mehr begehrend-hintertriebenen, als vordergründig bösen Charakter lieh. Die übrigen Mitwirkenden begonnen beim Smeton der Hagar Sharvit hielten das Niveau.

Die Akustik war durch das auf dem Podium etwas erhöht und hinter den Sängern platzierte Orchester nicht ganz ideal. Vor allem im Finale des ersten Aktes legten sich Chor und Orchester teilweise über die Singstimmen. Pietro Rizzo und das Münchener Opernorchester assistiert vom Münchener Opernchor sorgten für eine manchmal etwas knallige, sonst durchaus stimmige Begleitung.

Der Musikverein war trotz Feiertage und der für eine konzertante Aufführung hohen Kartenpreise (das Konzert wurde von einem privaten Veranstalter organisiert) sehr gut besucht. Die leeren Plätze betrafen vor allem die höherpreisigen Kategorien wie etwa die Parterrelogen oder hintere Parterrereihen. Die Aufführung dauerte inklusive einer Pause von 19.30 bis kurz nach 23.00. Der stürmische Applaus dauerte fast 20 Minuten lang.