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LA CALISTO
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Theater
a.d. Wien Musikalische Leitung:
Christina
Pluhar Orchester:
L'Arpeggiata |
Calisto
- Vera-Lotte Boecker |
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„Venezianische Frivolitäten“
Lustvolles Treiben von Göttern und Nymphen auf der Bühne des Theaters an der Wien: Die erste Opernpremiere der neuen Saison war Francesco Cavallis „La Calisto“ gewidmet. Jupiters sexuelle Eskapaden sind berühmt und berüchtigt. Auch die Nymphe Calisto zählt zu seinen Opfern. Von Jupiters Gemahlin Juno wird sie aus Eifersucht in eine Bärin verwandelt. Aber Jupiter sichert ihr zu, dass er sie nach ihrem irdischen Bärendasein unter die Sterne des Himmels versetzen wird. Diese von Ovid in seinen „Metamorphosen“ berichtete Geschichte haben Franceso Cavalli und sein Librettist Giovanni Faustini als Spielarten der Liebe und des Begehrens dem venezianischen Publikum im Jahr 1651 als Oper vorgesetzt. (Der Erfolg der Erstaufführung soll allerdings bescheiden gewesen sein, wie man einem Beitrag aus dem Programmheft zur Vorstellung entnehmen kann.) Für
die Bühne wiederentdeckt wurde „La Calisto“ 1970 beim Opernfestival von
Glyndebourne. Im Theater an Wien war eine szenische Produktion aus dem
Brüsseler Théatre Royal de la Monnai im Rahmen der Wiener Festwochen
2003 zu Gast. 2012 gab es eine konzertante Aufführung unter Christophe
Rousset. Die aktuelle Neuproduktion ist eine Koproduktion mit der
Berliner Staatsoper Unter den Linden. Stefan
Herheim, Intendant des Theaters an der Wien, hat selbst Regie geführt.
Für die musikalische Einrichtung und Umsetzung sorgte Christina Pluhar
mit dem Ensemble L’Arpeggiata.
Das Resultat erwies sich mehr als barocke, karnevaleske „Revue“, die
weniger „Alte-Musik-Enthusiasten“ im Auge hat, sondern auf ein
breiteres Publikum zielt. Gestützt wurde dieser Eindruck schon musikalisch von Christina Pluhar und L’Arpeggiata,
die keinen feinsinnigen „Historizimus“ predigten, sondern „üppig“
musizierten. Aber hätte man diese schmerzvollen Cello-„Romantizismen“
als Ausdruck von Calistos Seelenpein missen mögen oder sich fast schon
„groovig“ steigernde (Tanz-)Ensembles? Doch insgesamt wurde eine etwas
schmeichlerische „Klangrede“ geführt und sie wurde in Summe auch zu
„gemütlich“ vorgetragen, um die frivole Spannung der Handlung über die
ganze Aufführungsdauer mit entsprechendem „Biss“ aufrechtzuerhalten.
Unter diesen Voraussetzungen hätten ein paar Striche nicht geschadet
zumal die Spieldauer bei dreieinviertel Stunden (inklusive einer Pause)
lag. Vera-Lotte Boecker
gab die Calisto, naiv, rührend, wie vom frivolen Treiben rings um sie
nicht angefochten. Ihr Sopran mag für die zarte Nymphenunschuld zwar
ein bisschen zu abgeklärt geklungen haben, aber sie hatte starke
Konkurrenz: in der erotischen Naivität des noch knabenhaft wirkenden
Endimione, gegeben von Arnauld Gluck.
Dessen Countertenor hat beim Publikum mit seinem Bühnenschmachten
einiges an sinnlicher Verzauberung hervorgerufen. Als Giove übte Milan Siljanov
das geübte Verführungshandwerk des umtriebigen Gottes mit flexiblem
Bassbariton. Ihm war jene Selbstironie eigen, die es benötigt, um das
Publikum auch als lüsterne Diana mit hoher, verstellter Stimme zu
amüsieren, in deren Gestalt er Calisto verführt. Giuseppina Bridelli gab mezzostreng die eifersüchtige Juno: gut „Kirschen essen“ war mit ihr nicht. Stimmlich der Gottesgattin in der leicht dunklen Klangfarbe zu ähnlich tönte die Diana der Luciana Mancini, deren Mezzo auch sonst der keuschen (oder gar nicht so keuschen) Liebesgöttin ein wenig mehr an mondsilberner Strahlkraft hätte verleihen können. Mit starker Bühnenpräsenz: Juan Sancho als ausdrucksstarker, liebeleidender Pan, Jake Arditti als aufmüpfiger Satirino mit angriffslustig gewürztem Countertenor, und João Fernandes (Silvano), die im ersten Teil bocksbeining die Bühne bewohnten und Dianas Amazonennymphen nachstellten. Marcel Beekman hat die Linfea beigesteuert: eine in dieser Produktion sehr „reif“ wirkende Gefolgin Dianas. Im Prolog trug er sogar ein einbusiges Nacktkostüm, in dem er keinen Schönheitspreis gewonnen hätte. Aber Beekman hat es verstanden, die kostümbedingte Outrage mit charmant-witzigem Humor abzufedern. Renato Dolcini nährte als moderner, dunkel beanzugter handyaffiner Merkur die Männerfreundschaft mit Jupiter. Ein kleines Tanzensemble verlieh dem Bühnentreiben mit gelungener Choreographie (Beate Vollack) viel revuehaften Schwung. Stefan Herheim hat die Oper in eine „Barockbühne“ (Silke Bauer) gestellt, die mit ihren gestaffelten, beweglichen, wie eine Blende sich erweiternden oder verengenden Seitenkulissen zwar etwas kühl und „postmodern“ wirkte, aber sich dem Hintergrunde zu verjüngend guten Effekt machte. Diese Seitenkulissen waren mit Leuchtelementen versehen. Gleich am Beginn stellten sie für den kurzen Prolog eine abstrakte, von rotem Licht gerahmte Grotte der Lust bereit, die das inhaltliche Motto vorgab und sich nach dem schwarzen Hintergrund zu verjüngte. Die Kostüme (Yashi) waren zuerst teils antikisierend, die Kriegerinnen Dianas ganz amazonenhaft einbrüstig und mit Bogen, Endymion in laszivem Kleidchen, die Satyrn mit Hörnern und Fellbeinen. Nach der Pause verschoben sich Ausstattung und Inszenierung in Richtung Commedia dell’Arte und venezianischem Karneval, wobei sich dann nicht mehr alles plausibel zusammenfügte. Vor der Pause gelangen einige stimmungsvolle Szenen, wie die Begegnung der begehrenden Diana mit dem reizvoll schlafenden Endimione oder das Finale des ersten Teils: ein Glühwürmchenschwarm, der zum Sternenhimmel wird. Die Ensembles mit den Tänzern waren schwungvoll arrangiert und hatten frivoles Temperament. Nach der Pause geriet die Inszenierung in ein seltsames Fahrwasser, verließ den antiken „Zauberwald“ und übte sich plötzlich in Religionskritik: Jupiter wurde als weißbärtiger christlicher Vatergott verulkt und die Satyrn mutierten zu inquisitorischen Folterpriestern, die Endimione auf einem Lattenrost rösteten. Und ganz am Schluss machte sich Calisto im Pelzmantel und mit Sonnenbrille als von Jupiter protegiertes „Starlet“ davon: eine sehr utilaristische Interpretation von Calistos „Metamorphose“. Rund sieben Minuten starker Schlussapplaus und Barvorufe bewiesen, dass die Premiere beim Publikum gut angekommen ist. Ganz gefüllt war das Haus nicht, mit einigen leeren Plätzen vor allem am III. Rang.
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