PETER GRIMES
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Wiener Staatsoper
11.3.2005
Wiederaufnahme

Musikalische Leitung: Simone Young

Peter Grimes - Gabriel Sadé
Ellen Orford - Melanie Diener
Balstrode - Alan Opie
Auntie - Daniela Denschlag
Erste Nichte - Simina Ivan
Zweite Nichte - Stelle Grigorian

Bob Boles - Herwig Pecoraro
Swallow - In-Sung Sim
Mrs. Sedley - Janina Baechle
Reverend Adams - Peter Jelosits
Keene - Hans-Peter Kammerer
Hobson - Janusz Monarcha
John - Andreas Labner
Dr. Crabbe - Wilfried Bazata

Erfolg mit Britten
(Dominik Troger)

Natürlich fällt es auf, wenn die vorderen Logenreihen ungewohnte Leere keck zur Schau stellen. Die Wiederaufnahme von Peter Grimes hat keinen Publikumsrun ausgelöst. Das ist schade, erstens weil es sich bei Peter Grimes um packendes Musiktheater handelt, zweitens, weil die Aufführung nicht minder packend gewesen ist.

Simone Young kehrte ans Pult der Wiener Staatsoper zurück. Sie verlieh der Aufführung hohe dramatische Dichte, agierte mit Balance als Vermittlerin zwischen den eingeforderten Emotionen eines Grimes, einer Ellen und der spröderen antagonistischen Stadtgemeinde. Young hatte den Orchesterklang etwas versachlicht, aber sie ließ mit plastischer Gestaltungskraft spielen. Die Spannung hielt vom ersten bis zum letzten Takt, zog sich auch durch die Zwischenspiele, Brittens musikalische Meeresbeschwörung: das lebenspendende Meer, das totbringende Meer, das Meer als Chiffre für die Abgründe der menschlichen Seele.

Kraftvoll der Peter Grimes von Gabriel Sadé. Er stellte Grimes als einfachen Mann dar – er lieh ihm keinen psychologisch ausgetüftelten Charakter. Grimes ist ein Arbeitstier, ein Außenseiter, ein roher Kerl. In Ellen könnte er soetwas wie seine „bessere Hälfte“ finden, darum sehnt er sich auch nach ihr. Aber über seinen Schatten kann er trotzdem nicht springen. So wie er den Grimes spielt, singt er ihn auch. Und so wie er ihn singt, passt es vorzüglich zu seiner energiegeladenen Stimme.

Nicht nur bei Simone Young und Gabriel Sadé war dieser Abend bestens aufgehoben, auch bei Melanie Diener. Ihre hilfsbereite Ellen Orford brachte menschliche Wärme in dieses rauhe Küstenland, einen Schimmer von Hoffnung, der bald in Hilflosigkeit umschlägt. Auch Balstrode, Alan Opie, konnte noch dieses Mitgefühl ansprechen, während die vielen Mitglieder der Stadtgemeinde mehr gegensätzlich erscheinen, zur Lynchjustiz bereit, als – inszenierungsbedingt – Karikaturen bürgerlicher Klischees. Hier bot die Staatsoper bis in die kleineren Nebenrollen durchgehend gutes Niveau.

Die Inszenierung stammt aus dem Februar 1996 (Erstaufführung an der Wiener Staatsoper). Regie: Christine Mielitz, Bühnenbild und Kostüme: Gottfried Pilz. Das Bühnenbild, mit seiner spitz im Hintergrund zulaufenden Straße(?) als Basis, mit den seitlich die Bühne begrenzenden Neonröhren (Türkis und Grün), hat einen postmodernen Zug, hilft aber nicht wirklich dabei, die Handlung zu verdeutlichen. Vorne hängt bühnenmittig so ein weißes Rund als Zwitter von Bahnhofsuhr und Mond. Grimes muss immer wieder mal ein rotes Seil ziehen, mal steht ein rotes Ruderboot im Hintergrund, dann würfelt sich die Straße zu Klippen auf etc. Ein Ziel der Inszenierung und des Bühnenbildes scheint es gewesen zu sein, das Werk „in Bewegung“ zu halten. Von der „Bühnenchoreographie“, der Personenführung und der Beleuchtung her gesehen funktioniert das ausgezeichnet.

Streiten kann man darüber, ob es dem Verhältnis Grimes – Stadtgemeinde dienlich ist, wenn selbige am Beginn des dritten Aktes fast überkandidelt in nervöser, erotischer Überdrehung agiert. Die Entlarvung dieses „scheinheiligen Bürgertums“ geht auf Kosten eines gar nicht so eindeutig zu ortenden Gegensatzes, der das Werk mehr diffus durchzieht und ihm eine eigentümliche Mehrdeutigkeit verleiht. Britten manövriert sich und sein Publikum in eine subtile Grauzone, in der die wirklich wichtigen Fragen nur ganz kurz aufblitzen – um ohne Antwort zu bleiben. Es ist nämlich nicht so, dass nur die Bewohner dieses Fischerstädtchens „böse“ wären. Peter Grimes hat auch seine Schattenseiten, Stoff für Gerüchte kann er schon abgegeben. Da weiß auch Ellen anscheinend mehr darüber, als sie ausspricht. Zumindest dürfte Grimes ein ziemlich brutaler Kerl sein (nicht nur für heutige Maßstäbe, eigentlich spielt die Story in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts). Ihn zum „Opfer der Verhältnisse“ zu stilisieren, greift etwas kurz.

Das Publikum war hörbar von der Aufführung angetan; zwar nicht „vollzählig“ vertreten, aber stimmkräftig, wurden Young, Diener und Sadé bejubelt (auch der Lautstärke nach in etwa in dieser Reihenfolge).