LES PECHEURS DE PERLES

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Staatsoper
14. Mai 2026
Premiere

Dirigent: Daniele Rustioni

Inszenierung, Bühne & Kostüme:
Ersan Mondtag
Video: Luis August Krawen
Licht: Hennig Streck

Leila - Kristina Mkhitaryan
Nadir - Juan Diego Flórez
Zurga - Ludovic Tézier
Nourabad - Ivo Stanchev


„Verkrampftes Perlenfischen“

(Dominik Troger)

Die Wiener Staatsoper hat mit ihrer letzten Premiere in der laufenden Saison ihr Repertoire erweitert: Georges Bizets Oper „Les Pêcheurs des Perles“ erlebte die Erstaufführung im Haus am Ring.

Die „Perlenfischer“ sind ein seltener Gast in Wien. In den 1990er-Jahren gab es eine Produktion an der Volksoper (in deutscher Sprache), 2014 hat die spätere Direktorin der Volksoper, Lotte de Beer, die Oper im Theater an der Wien inszeniert. Jetzt folgte also die Staatsoper und hat dafür mit Ersan Mondtag einen derzeit stark „gehypten“ Regisseur nach Wien geholt.

Ersan Mondtag hat in einem Interview auch gleich eingestanden, dass er es gewohnt ist, ausgebuht zu werden. („Der Standard“, online, 10. Mai 2026).  Für Mondtag werden die vielen Buhs beim Schlussvorhang nach dieser Staatsopern-Premiere also nicht überraschend gewesen sein. Aber Mondtag ist auch nur Opfer und Getriebener der „Verhältnisse“. In einem Interview mit der Tageszeitung „Kurier“ (Printausgabe 14.5.2026) hat er die Situation, in der sich er – und der gesamte Opernbetrieb – befinden, gut umrissen: „Man müsste mindestens eine große Uraufführung im Jahr verpflichtend machen. Dann gäbe es auch nicht dieses krampfhafte Bedürfnis, ständig die alten Schinken zu modernisieren.“  Gut, über die Wortwahl könnte man diskutieren („alte Schinken“), aber das „krampfhaft“ trifft es punktgenau.

Oder anders (und vielleicht etwas ketzerisch) formuliert: Was interessieren mich als Publikum bei „Les Pêcheurs des Perles“ der Kolonismusdiskurs und die Kritik an ausbeuterischen Bedingungen in der globalen Textilindustrie? Die Opern schwelgt doch in sentimentaler Poesie (und wer das „Kitsch“ nennt, ist selber schuld). „Les Pêcheurs des Perles“, 1863 uraufgeführt, bedient, so wie Jahrzehnte später tausende mal abertausende Kinofilme, den Wunsch des Publikums, in seelenentspannender Weise gerührt und berührt zu werden: von einer belanglosen, exotischen Liebesgeschichte, die für ein paar Minuten für einen beschleunigten Herzschlag und eine Träne im Augenwinkel sorgt – wie eine Gefühlsmassage: Weil es so
„schön“ ist!

Das ist natürlich nicht jederfrau/ -manns Sache und viele Opernmacher plagen schrecklich Skrupel, sollten sie nur ein einziges Mal diesem – ja, da ist wieder dieses böse Wort: „Kitsch“ nachgeben. Also wird eine Oper wie „Les Pêcheurs des Perles“ modernisiert, szenisch erwürgt und zu „sozialkritischem“ Theater künstlich aufgeplustert, das dann im Wesentlichen nur mehr diejenigen interessiert, die an solchen krampfhaften Inszenierungen ihr Geld verdienen.

An der Staatsoper bekommt das Publikum vor der Pause also Textilfärber in Afrika zu sehen, die von einer riesigen weiblichen Statue bewacht, ihrer sklavenartigen Tätigkeit nachgehen  – und nach der Pause „erwürgt“ ein marmorstrotzendes Shopping Center szenisch den letzten Rest an exotischer Perlenfischer-Poesie. Am Schluss gibt es dann TV-News vom Brand des Shopping Centers, die auf einer großen Projektionswand eingespielt werden, und Zurga, der den Brand gelegt hat, um Leila und Nadir die Flucht zu ermöglichen,  wird erschossen. (Das ist auch sehr beliebt, dass man am Schluss noch eine der Figuren umlegt – wie am Tag zuvor den Stiffelio im Theater an der Wien). Die Kostüme waren zwar ein stilistischer Mischmasch, zum Teil aber mit Aufwand gefertigt.

Eine ausgeklügelte Personenregie würde ich nach dem Eindruck der Premiere nicht zu Mondtags Stärken zählen, er klotzt irgendetwas visuell Auffälliges auf die Bühne, erzählt den Medien einen dazupassenden, mit ein paar Reizworten gespickten PR-Text, und alle sollen nachher glauben, dass sie etwas Großartiges gesehen haben. Und das Konzept funktioniert, Mondtag ist gut im Geschäft

Auf der musikalischen Seite hat vor allem Ludovic Tézier zu überzeugen gewusst. Sein Bariton ist zwar kerniger geworden, vor einigen Jahren wäre ihm der Zurga vielleicht noch etwas einschmeichelnder in der Kehle gelegen, aber seine Stimme besitzt Reserven, kann zulegen, wenn es die Emotionen erfordern – ganz im Gegensatz zu Juan Diego Flórez, der oft am „Anschlag“ zu singen schien und trotzdem wenig durchschlagskräftig war – und der es dann eben doch nicht vermochte, aus den Gustostückerl (wie etwa der berühmten Tenorarie im ersten Akt) diesen letzte Funken an romantischer Poesie zu schlagen. Die Arie wurde auch nur mit kurzem Szenenapplaus seitens des Publikums bedacht.

Kristina Mkhitaryans Sopran fühlte sich mit zunehmender dramatischen Zuspitzung der Handlung wohler. Im ersten Akt, wenn leicht soubrettig angehauchte stimmliche Leichtigkeit gefragt gewesen wäre, gerieten manche Koloratur und mancher Spitzenton etwas unsauber und „streng“. Ivo Stanchev ergänzte solide als Nourabad. Das Orchester unter Daniele Rustioni war mehr auf Dramatik gebürstet, schien der schwelgerisch-süffigen Poesie des Werks nicht recht zu trauen. Das hat der Musik einiges an Reiz genommen.

Die Publikumsreaktionen waren erwartbar. Ein paar Buhrufer haben gleich ihre Meinung kundgetan, als nach der Pause der Vorhang aufging und den Blick auf diesen scheinbar in Marmor erstarrten „Shopping Tempel“ freigegeben hat. (Für eine Lautsprecherdurchsage in diesem Shopping Center hat sogar der Staatsoperndirektor seine Stimme geliehen. ) Beim Schlussvorhang trafen das Regieteam viel Buhrufe, es gab aber auch Bravos – und insgesamt währte der Schlussapplaus ca. zwölf Minuten, weil ein paar Besucher durch Weiterklatschen verhindert haben, dass der Applaus verebbt.