CARMEN

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Staatsoper
25.2.2009

Dirigent: Asher Fisch

Zuniga - Janusz Monarcha
Don JosÚ - José Cura
MoralÚs - Marcus Pelz
Escamillo - Ildebrando D'Arcangelo
Carmen - Vesselina Kasarova
Frasquita - Ileana Tonca
Mercedes - Sophie Marilley
Micaela - Genia Kühmeier
Dancairo - Clemens Unterreiner
Remendado -
Benedikt Kobel
Lillas Pastia - Csaba Markovits


Kühle Carmen

(Dominik Troger)

Richtig gezündet hat das Wiener Carmen-Debüt von Vesselina Kasarova nicht. Ihr kunstsinniger Gesang abstrahierte sich zu sehr vom cineastischen Breitwandformat, dieser auch schon wieder 30 Jahre alten Produktion von Franco Zeffirelli: Kasarovas Carmen ist schon zu artifiziell für das spanische Lokalkolorit, belebte Marktplätze und Schmugglerschenken.

Der Inszenierungsrahmen, der die Nähe und den Realismus des Films sucht, kontrastierte viel zu stark mit Kasarovas intellektueller, kühler Modernität. Ihre Leidenschaften blieben ohne unmittelbaren Zugang zum archetypisch weiblich-männlichen Geschlechterkampf. Kasarova lebte eine Erotik des artifiziellen Gesanges, der funkelte wie ein Kristallluster in einem Konzertsaal. Der Rahmen erforderte aber Momente spontaner Sinnlichkeit, ein wollüstiges Aufblühen weiblicher Begehrlichkeit unter mediterranem Himmel in das nach und nach ein Quentchen Schwermut tropft.

Die Schwermut spürte man schon, ab dem dritten Akt legte sich ein Schatten über Carmens Gemüt und sie starb dann edel und einfach, ohne sich selbst verraten zu haben, den Bühnentod. Aber auf eine emotionale Explosion wartete das Publikum vergebens, zu selbstbezogen und distanziert (auch Don José gegenüber) schillerte und funkelte Kasarovas gesangliches Farbenspiel, geschmackvoll für den Zuhörer, aber zu dezent und unfrivol fürs Auge. Der Sinnlichkeit taten zudem Kasarovas guturrale Tiefen wenig Gutes, weil sie sich von ihrer wohlklingenden Mittellage zu deutlich absetzten und vor allem im ersten Akt, der lustvollen Selbstinszenierung von Carmens Freizügigkeit und Begehrlichkeit, kaum verführerische Stimmung aufkommen ließen.

José Cura, dem die Partie zu behagen schien, wirkte im ersten Akt fast unbeteiligt, taute erst bei der Blumenarie auf. Er sang sie überraschend kontrolliert – und plötzlich spürte man, was in dieser Stimme eigentlich steckt, wenn sie gezügelt wird und ihr die Partie entgegenkommt. Nach einem emotional starken dritten Akt wandelte sich Cura im Finale zum verzweifelten, introvertierten Underdog, der um Liebe bettelt und Carmens Überlegenheit nicht mehr erträgt. So wird der Mord zur Affekthandlung eines hilflos um einen letzten Liebesbeweis flehenden, lebenssinnentleerten Mannes.

Ildebrando D'Arcangelo (wie Kasarova Rollendebüt an der Staatsoper) gab einen schönstimmigen Escamillo. Für einen richtig mitreißenden Torero fehlte das letzte Quentchen an Stimmkraft und autoritärer Ausstrahlung. So kam es, dass sich an diesem Abend bei Micaela (Genia Kühmeier) Gesang und Spiel am besten mischten – zu einem etwas schüchternen, gottergebenen und naiven Mädchen, das sich sogar in gefährliche Bergwelt wagt, ohne um ihr Seelenheil zu fürchten. Kühmeiers Sopran war sehr innig im Ausdruck und wurde sehr musikalisch geführt.

Mit Ileana Tonca und Sophie Marilley hatte Carmen zwei sangesfreudige Begleiterinnen, die ihre Sache gut machten, was in Summe auch für die übrigen Mitwirkenden galt. Das Orchester unter Asher Fisch konnte nicht verhindern, dass sich wenig Carmen-Stimmung einstellte. Der Gesamteindruck blieb merkwürdig schal und unausgegoren. Das Publikum reagierte dementsprechend verhalten: selten, das Carmen beim Solovorhang im Applaus hinter Don José (Blumenwurf), Escamillio und Michaela zurückbleibt.