CARMEN

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Volksoper
7.2.2005

Dirigent: Claude Schnitzler

Zuniga - Josef Wagner
Don JosÚ - Harrie van der Plas
MoralÚs - Einar Gudmundsson
Escamillo - Sebastian Holecek
Carmen -Stella Grigorian
Frasquita - Jennifer O'Loughlin
Mercedes - Maren Engelhardt
Micaela - Melba Ramos
Dancairo - Franz Waechter
Remendado - Karl-Michael Ebner

Lillas Pastia - Christian Drescher


"Keine Eisblumen für Carmen"
(Dominik Troger)

Bei klirrenden Außentemperaturen verlockten mich südspanische Gefielde: „Carmen“ an der Volksoper. Die Aufführung war eine „Reise“ an den Währinger Gürtel wert.

Prachtvolle Folkore gibt es an der Volksoper nicht. Diese „Carmen“ hat die Industrialisierung schon hinter sich. Die Arbeiterinnen tragen schwarze, schmucklose Kleider – für Rüschen etc. ist kein Platz. Der erste Akt vermittelt kleinstädtische Tristesse. Eine schräge Wand mit zwei alten Stierkampfplakaten und ordinärer Graffiti. Sie bezeichnet das Ambiente im Umfeld der Tabakfabrik ziemlich eindeutig. Die Inszenierung ist 10 Jahre alt – es war die 82. Aufführung.

Immerhin stehen jede Menge Sessel umher, auf denen das Wachpersonal vor sich hindöst oder anzügliche Bemerkungen macht, wenn Micaela auftaucht. (Regisseur Guy Joosten mag Sessel, das hab ich inzwischen schon kapiert.) Außerdem wird auf Deutsch gesungen. Ein wenig Flexibilität ist also gefragt. Die cineastische Aufmachung der Staatsopern-Carmen ist eine andere Welt.

Aber wo bleibt Carmen? Da ist sie schon. Auch sie trägt ein Arbeiterinnengewand, aber es ist um eine Spur raffinierter. Die Männer verfallen gleich in Anbetung. Der arme Don José nicht, er ist so gut wie nicht vorhanden (den ganzen ersten Akt lang). Findet Carmen die richtige Balance zwischen aufdringlicher Koketterie und spielerischem Geschlechterkampf? Carmen hat ein starkes Selbstbewusstsein. Sie zieht hier eine kleine, nicht wirklich begeisternde Tabakarbeiterinnen-Zigarettenpausenshow ab, die ihr (und ihrem Schmugglerclan) wahrscheinlich Vergünstigungen von Seiten der Soldaten einbringt. Das Beste hebt sie sich für den Aktschluss auf, wenn sie Zuniga mit dem Knie – bevor sie abschwirrt – ins Gemächt rempelt. Das hat Hand und Fuss, wenn er sich krümmt. Das passt zur Szenerie. Mir beginnt diese Inszenierung zu gefallen.

Vielleicht sollte ich noch mal betonen: an der Volksoper wird „Carmen“ sehr realistisch angegangen. Nicht nur das Bühnenbild. Kein Schnickschnack. Natürlich hängt das auch von der Besetzung ab, aber Stella Grigorian ist nur am Beginn ein wenig in die „Carmen-Pose“ verfallen. Ab dem zweiten Akt dominiert eine selbstbewusste Natürlichkeit fern gepflegter Klischees. Carmen ist eine junge, moderne Frau in einem nach wie vor patriarchalisch dominierten Land. Aber, vielleicht ändern sich die Zeiten, noch darf man hoffen. (Sogar Fernsehen gibt es schon. In der Spelunke im zweiten Akt läuft eine Fussballübertragung. Leider war mein Sichtwinkel zu schlecht, ich konnte die spielenden Mannschaften nicht identifizieren.) Nein, diese Carmen ist keine komplizierte Männerphantasie. Ist Carmen verliebt, dann meint sie es ehrlich und nicht nur dann. Outrierende Vamphaftigkeit ist ihr fremd.

Grigorian gewinnt bei ihrem Carmen-Debüt an der Volksoper schnell die ihr zukommende Aufmerksamkeit, ihr angenehmer, raumfüllender Mezzo formt die Rolle auch gesanglich zu einer klaren Aussage. Ganz ohne Übertreibung, sehr sympathisch. Sie muss dabei ihre Stimme nicht überfordern, besitzt genug Reserven. Und natürlich möchte sie dem ausrastenden Don José am Schluss noch einmal klar machen, was sie will. Aber er hat was dagegen. Das geht dann wirklich unter die Haut. Wieviele Frauen werden pro Jahr von eifersüchtigen Männern umgebracht? An diesem Abend war Carmen auf der Seite dieser namenlosen – eine Märtyrerin des Alltags, die sich bis zuletzt dagegen wehrt, eine Märtyrerin zu sein. Keine Opferrolle, nein, fast eine Art von Missverständnis. Das bisschen Anspruch an „Glück“, das frau & man(n) an das Leben hat, das möchte frau & man(n) doch nicht so gerne aufgeben?! Schade, dass Carmen und Don José unter „Glück“ ganz etwas Anderes verstehen.

Aber wie sieht das von seiner Seite aus? Don José, zumindest wie ihn Harrie van der Plas anlegt, ist ein Mensch mit Grundsätzen. Nicht umsonst ist er Soldat. Einmal eine Geliebte, immer diese Geliebte. Er ist kein Charmeur. Er wirkt blass, fast hölzern, solange er nur der Liebhaber ist. Seine etwas gepresste, nicht sehr glanzvolle Mittellage verstärkt diesen Eindruck. Er leidet von Anfang an. Und diese Beziehung zu Carmen bringt ihm wirklich kein Glück. Doch dann, wenn ihn die Eifersucht packt, aufwallend, wirkt er plötzlich befreit, tritt er aus seinem eigenen Schatten. Die Stimme gewinnt im dramatischen Affekt sofort an Charakter, setzt Akzente, mit guter Höhe vorgetragen. Kein Wunder, dass er mir von Akt zu Akt besser gefällt.

Der dritte im Bunde, Sebastian Holecek, verlässt sich auf seinen kraftvollen, angenehm gerundeten Bassbariton. Bei ihm ist der Escamillo in besten Händen. Allerdings, er darf sich erst im letzten Akt in seine Matadorsrobe werfen, bis dahin muss er mit blaugrünem Sakko und roter Krawatte umherlaufen, eher unattraktiv verpackt. Diesem Escamillo ist der Ruhm nicht zu Kopf gestiegen, er ist leutselig. Er ist selbstbewusst, wie Carmen. Kein Wunder, dass die beiden sich sympathisch finden.

Melba Ramos nahm die Micaela schüchtern innig, mit feinfühligem, bei der Arie im dritten Akt manchmal etwas gefordertem Sopran. Aber ich ließ mich auch von allen anderen Mitwirkenden leicht überzeugen – und vom Orchester, dass Claude Schnitzler grell und flott auf Effekt getrimmt hatte. Schnitzler ließ nichts anbrennen – TARAMTATATARAMTATA, dass es nur so knallt. Aber den SängerInnen ließ er trotzdem noch Platz zum Singen. Er erzählte Carmen wie ein opernhaftes Musical, wie ein Beziehungsdrama beim Hintereingang der Tabakfabrik, wie die Schlagzeile eines Boulevardblatts.

Das Publikum geizte mit Zwischenapplaus, hob sich seine freudige Zustimmung bis zum Schluss auf. Ein gezielter Blumenwurf, weit über den Orchestergraben, war die auffälligste Beifallsbezeugung für Grigorians gelungenen Carmen-Einstand. Die Volksoper war sehr gut besucht. Viel junges Publikum!