CARMEN

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Wiener Opernsommer
16. Juli 2026

Dirigent: Joji Hattori

Inszenierung & Verdis Monologe: Dominik am Zehnhoff-Söns

Bühnenbild, Projektionen, Kostüme: Manfred Waba
Choreographie: Jessica Wurzer


Wiener Kammerorchester, Philharmonia Chor Wien

Carmen - Isabel Leonard
Don José -
Dumitru Mîţu
Escamillo - Daniel Gutmann
Micaëla - Gabriela Hr
ženjak
Frasquita -
Juliette Khalil
Mercédès -
Sofiya Almazova
Zuniga - Alexander Dimitrov
Moralès / Dancairo - Leo Mignonneau
Remendado - Samuel Robertson

Erzähler (Bizet): Hosea Ratschiller

Tanzensemble aus je acht Tänzerinnen und Tänzern

„Opernsommer mit Carmen"
(Dominik Troger)

Der Wiener Opernsommer holte heuer Sevilla nach Wien: Am Heumarkt spielte es „Carmen“ und das Areal des Wiener Eislaufvereins wurde zur „Stierkampfarena“.

Das Opern-Open-Air des Wiener Opernsommers hat jetzt bereits seine dritte Saison absolviert: zwischen 1. und 18. Juli punktgenau in die Lücke zwischen dem Saisonschluss an den großen Wiener Häusern und dem Beginn der renommierten Festspiele in Salzburg, Bregenz und anderswo platziert. Vor zwei Jahren hat der Opernsommer noch oben beim Belvedere mit „Don Giovanni“ residiert, im letzten Jahr wurde „La traviata“ bereits am Heumarkt gespielt, ebenso heuer die nicht minder zugkräftige „Carmen“.  Für nächstes Jahr ist am selben Ort „Aida“ angesagt – und dann gibt es vielleicht eine Kulissen-Pyramide zu bestaunen, die sich vor der Seite des Konzerthauses aufrichtet.

Das ganze Unternehmen hat inzwischen seine eigene „Dramaturgie“ entwickelt: Ein Erzähler führt durch die Handlung – nämlich der „Geist“ des Komponisten höchstpersönlich. Letztes Jahr hat Karl Markovics Giuseppe Verdi gemimt, heuer hat Hosea Ratschiller den „Geist“ von Georges Bizet dargestellt. Humorvoll hat er dem Publikum die Handlung und weitere Informationen zur Entstehungsgeschichte des Werkes vermittelt.  Dergleichen hat den Vorteil, dass man sich die Dialoge erspart, den Nachteil, dass der Fortgang der Handlung immer wieder unterbrochen wird. Heuer war der Komponist eindeutig zu redselig und hat sich zu oft in das Bühnentreiben eingemischt.

Als Kulisse diente wieder die breite klassizistische Fassade mit Doppeltreppe aus dem Vorjahr, dieses Mal nicht das Pariser Flair von „La Traviata“ verströmend, sondern spanisch beflaggt und spanisch „dekoriert“. Atmosphärisch zur Wirkung kommt der Bühnenaufbau  aber ohnehin erst nach Einbruch der Dunkelheit, wenn mit Projektionen gearbeitet wird. Im dritten Akt sorgten sie für blauen Nachtschatten und eine wilde Felslandschaft in der sich die Schmuggler versteckt hielten. Im vierten Akt konnte sich das Publikum die Fassade bzw. den Eingang einer Stierkampfarena imaginieren.

Dazu passten die folkloristisch traditionellen Kostüme und Choreographien, die gepaart mit einer soliden Personenführung den szenischen Rahmen pragmatisch
wenn auch etwas simplifizierend arrangierten.  Die Auf- und Abtritte von Schmugglern, Stierkämpfern u. a. m. entlang der über vierzig, in drei großen Blöcken angeordneten Publikumsreihen waren eine gute, auflockernde Idee – und wer „Carmen“ in einer „aufregenden szenischen Neudeutung“ erleben möchte, ist beim Wiener Opernsommer ohnehin an der falschen Adresse.

Die Inszenierung machte also wirklich keine „Kopfzerbrechen“, problematischer war die verstärkende Tonanlage. Letztes Jahr schien mir die Klangregie insgesamt besser austariert, aber da bin ich weiter vorne gesessen. Insgesamt war es für meinen Geschmack teils zu laut und zwischen Solisten, Orchester und Chor zu wenig ausdifferenzierend, außerdem stellte sich öfters einer leichter Nachhall ein, der womöglich platzabhängig war.

Die Besetzung der Hauptpartien war alternierend, als Carmen waren sogar drei Sängerinnen aufgeboten, für je vier Vorstellungen: an diesem Abend war Isabel Leonard an der Reihe. Die Sängerin ist in den 2010er-Jahren einige Male an der Wiener Staatsoper aufgetreten u. a. als Cherubino, sowie als stimmlich aparte und gewitzte Rosina und Cenerentola. Leonard kommt von Mozart und Rossini, die Carmen hat sie erst seit ein paar Jahren im Repertoire. Sie hat die Partie u. a. 2022 in in Santa Fe gesungen und letzten Herbst an der New Yorker Metropolitan Opera, jeweils in modernen Produktionen. Das mag auf ihre in Gesang und Spiel etwas „schlanke“ Darstellung abgefärbt haben, mit der sie in diesem Heumarkt-Folklore-Spanien, das eine erotisch-„saftigere“ Carmen-Deutung gut vertragen hätte, dann doch etwas „blass“ blieb.

Gabriela Hrženjak musst als Micaëla, nachdem ihre Kollegin krankheitsbedingt ausgefallen war, in jeder der zwölf Vorstellungen antreten. Hrženjak besitzt einen hübschen, von feinem slawischen Metall gesäumten, lyrischen Sopran, und lieh der Figur jene engelsgleiche Unschuld, die Micaëla zur Schwester der Margarethe macht (bevor diese dem Doktor Faust über den Weg läuft). Micaëla trat im dritten Akt mit Laterne auf, sang bühneneinsam in dieser nachtblaugetönten Landschaftsprojektion ihre Arie: sehr schön und ausgewogen vorgetragen, wahrscheinlich der stimmungsvollste Moment des Abends.

Don José und Escamillo dieser Aufführung waren stimmlich mehr „zweckorientiert“, als elegant, haben aber auch bewiesen, dass man seitens der Wiener Opernsommers trotz der begrenzten Möglichkeiten ein gutes Händchen für Stimmen hat. Mit Dumitru Mîţus stand an diesem Abend ein junger aufstrebender Sänger als Don José auf der Bühne: ein fester lyrischer Tenor, kraftvoll im Finale, und mit einer im nuancierten Ausdruck noch ausbaufähigen „Blumenarie“. Er verlieh Don José im vierten Akt einen etwas überzeichnenden „psychotischen“ Anstrich (oder war das die Regie?), der etwas befremdlich wirkte. Daniel Gutmann war ein im Auftreten sportlich fescher, mir im Timbre schon zu trockener Escamillo, der vor allem mit seiner Mittellage punktete, aber mit erotisch-baritonalem „Unterfutter“ geizte.

Juliette Khalil (Frasquita) hat ihren Weg von der Volksoper zum Opernsommer gefunden und gab eine etwas leichtgewichtige, soubrettige Frasquita, Sofiya Almazova hatte als Mercédès passender Weise die sattere Stimme, Alexander Dimitrov gab den Zuniga mit potentialversprechendem, jugendlichem Bass – Leo Mignonneau (Moralès und Dancairo) sowie Samuel Robertson (Remendado) fügten sich gut ins Gesamtbild ein.

Der Philharmonia-Chor  fiel gegenüber den Solisten etwas ab, das Tanzensemble sorgte für Spanienfeeling und Schwung, und das Wiener Kammerorchester unter Joji Hattori, das von einem kleinen Pavillon neben der Bühne zugespielt wird, tönte recht ausgewogen und füllig. In Schwung kam die Aufführung aber erst mit dem zweiten Akt, der erste verplätscherte irgendwo zwischen Heumarkt und Sevilla.

Die ganze Unternehmung ist jedenfalls sehr zu begrüßen und wird vom Publikum auch angenommen. Besucher können bereits ab 18.00 Uhr das gastronomische Angebot nützen und sich einen schönen Sommerabend machen, so das Wetter mitspielt. Beginn der Vorstellung ist dann um 19.45 Uhr. Und wer es heuer nicht mehr geschafft hat, beim Wiener Opernsommer vorbeizuschauen, kann das in einem Jahr bei Giuseppes Verdis „Aida“ nachholen.