„Opernsommer mit Carmen"
(Dominik Troger)
Der
Wiener Opernsommer holte heuer Sevilla nach Wien: Am Heumarkt spielte
es „Carmen“ und das Areal des Wiener Eislaufvereins wurde zur
„Stierkampfarena“.
Das
Opern-Open-Air des Wiener Opernsommers hat jetzt bereits seine dritte
Saison absolviert: zwischen 1. und 18. Juli punktgenau in die Lücke
zwischen dem Saisonschluss an den großen Wiener Häusern und dem Beginn
der renommierten Festspiele in Salzburg, Bregenz und anderswo
platziert. Vor zwei Jahren hat der Opernsommer noch oben beim Belvedere
mit „Don Giovanni“ residiert, im letzten Jahr wurde „La traviata“
bereits am Heumarkt gespielt, ebenso heuer die nicht minder zugkräftige
„Carmen“. Für nächstes Jahr ist am selben Ort „Aida“ angesagt –
und dann gibt es vielleicht eine Kulissen-Pyramide zu bestaunen, die
sich vor der Seite des Konzerthauses aufrichtet.
Das ganze Unternehmen hat inzwischen seine eigene „Dramaturgie“
entwickelt: Ein Erzähler führt durch die Handlung – nämlich der „Geist“
des Komponisten höchstpersönlich. Letztes Jahr hat Karl Markovics
Giuseppe Verdi gemimt, heuer hat Hosea Ratschiller den
„Geist“ von Georges Bizet dargestellt. Humorvoll hat er dem Publikum
die Handlung und weitere Informationen zur Entstehungsgeschichte des
Werkes vermittelt. Dergleichen hat den Vorteil, dass man sich die
Dialoge erspart, den Nachteil, dass der Fortgang der Handlung immer
wieder unterbrochen wird. Heuer war der Komponist eindeutig zu redselig
und hat sich zu oft in das Bühnentreiben eingemischt.
Als Kulisse diente wieder die breite klassizistische Fassade mit
Doppeltreppe aus dem Vorjahr, dieses Mal nicht das Pariser Flair von
„La Traviata“ verströmend, sondern spanisch beflaggt und spanisch
„dekoriert“. Atmosphärisch zur Wirkung kommt der Bühnenaufbau
aber ohnehin erst nach Einbruch der Dunkelheit, wenn mit Projektionen
gearbeitet wird. Im dritten Akt sorgten sie für blauen Nachtschatten
und eine wilde Felslandschaft in der sich die Schmuggler versteckt
hielten. Im vierten Akt konnte sich das Publikum die Fassade bzw. den
Eingang einer Stierkampfarena imaginieren.
Dazu passten die folkloristisch traditionellen Kostüme und
Choreographien, die gepaart mit einer soliden Personenführung den
szenischen Rahmen pragmatisch – wenn auch etwas simplifizierend – arrangierten.
Die Auf- und Abtritte von Schmugglern, Stierkämpfern u. a. m. entlang
der über vierzig, in drei großen Blöcken angeordneten Publikumsreihen
waren eine gute, auflockernde Idee – und wer „Carmen“ in einer
„aufregenden szenischen Neudeutung“ erleben möchte, ist beim Wiener
Opernsommer ohnehin an der falschen Adresse.
Die Inszenierung machte also wirklich keine „Kopfzerbrechen“,
problematischer war die verstärkende Tonanlage. Letztes Jahr schien mir
die Klangregie insgesamt besser austariert, aber da bin ich weiter
vorne gesessen. Insgesamt war es für meinen Geschmack teils zu laut und
zwischen Solisten, Orchester und Chor zu wenig ausdifferenzierend,
außerdem stellte sich öfters einer leichter Nachhall ein, der womöglich
platzabhängig war.
Die Besetzung der Hauptpartien war alternierend, als Carmen waren sogar
drei Sängerinnen aufgeboten, für je vier Vorstellungen: an diesem Abend
war Isabel Leonard an der
Reihe. Die Sängerin ist in den 2010er-Jahren einige Male an der Wiener
Staatsoper aufgetreten u. a. als Cherubino, sowie als stimmlich aparte
und gewitzte Rosina und Cenerentola. Leonard kommt von Mozart und
Rossini, die Carmen hat sie erst seit ein paar Jahren im Repertoire.
Sie hat die Partie u. a. 2022 in in Santa Fe gesungen und letzten
Herbst an der New Yorker Metropolitan Opera, jeweils in modernen
Produktionen. Das mag auf ihre in Gesang und Spiel etwas „schlanke“
Darstellung abgefärbt haben, mit der sie in diesem
Heumarkt-Folklore-Spanien, das eine erotisch-„saftigere“ Carmen-Deutung
gut vertragen hätte, dann doch etwas „blass“ blieb.
Gabriela Hrženjak musst
als Micaëla, nachdem ihre Kollegin krankheitsbedingt ausgefallen war,
in jeder der zwölf Vorstellungen antreten. Hrženjak besitzt einen
hübschen, von feinem slawischen Metall gesäumten, lyrischen Sopran, und
lieh der Figur jene engelsgleiche Unschuld, die Micaëla zur Schwester
der Margarethe macht (bevor diese dem Doktor Faust über den Weg läuft).
Micaëla trat im dritten Akt mit Laterne auf, sang bühneneinsam in
dieser nachtblaugetönten Landschaftsprojektion ihre Arie: sehr schön
und ausgewogen vorgetragen, wahrscheinlich der stimmungsvollste Moment
des Abends.
Don
José und Escamillo dieser Aufführung waren stimmlich mehr
„zweckorientiert“, als elegant, haben aber auch bewiesen, dass man
seitens der Wiener Opernsommers trotz der begrenzten Möglichkeiten ein
gutes Händchen für Stimmen hat. Mit Dumitru Mîţus
stand an diesem Abend ein junger aufstrebender Sänger als Don José auf
der Bühne: ein fester lyrischer Tenor, kraftvoll im Finale, und mit
einer im nuancierten Ausdruck noch ausbaufähigen „Blumenarie“. Er
verlieh Don José im vierten Akt einen etwas überzeichnenden
„psychotischen“ Anstrich (oder war das die Regie?), der etwas
befremdlich wirkte. Daniel Gutmann
war ein im Auftreten sportlich fescher, mir im Timbre schon zu
trockener Escamillo, der vor allem mit seiner Mittellage punktete, aber
mit erotisch-baritonalem „Unterfutter“ geizte.
Juliette Khalil (Frasquita)
hat ihren Weg von der Volksoper zum Opernsommer gefunden und gab eine
etwas leichtgewichtige, soubrettige Frasquita, Sofiya Almazova hatte als Mercédès passender Weise die sattere Stimme, Alexander Dimitrov gab den Zuniga mit potentialversprechendem, jugendlichem Bass – Leo Mignonneau (Moralès und Dancairo) sowie Samuel Robertson (Remendado) fügten sich gut ins Gesamtbild ein.
Der Philharmonia-Chor fiel gegenüber den Solisten etwas ab, das
Tanzensemble sorgte für Spanienfeeling und Schwung, und das Wiener
Kammerorchester unter Joji Hattori,
das von einem kleinen Pavillon neben der Bühne zugespielt wird, tönte
recht ausgewogen und füllig. In Schwung kam die Aufführung aber erst
mit dem zweiten Akt, der erste verplätscherte irgendwo zwischen
Heumarkt und Sevilla.
Die ganze Unternehmung ist jedenfalls sehr zu begrüßen und wird vom
Publikum auch angenommen. Besucher können bereits ab 18.00 Uhr das
gastronomische Angebot nützen und sich einen schönen Sommerabend
machen, so das Wetter mitspielt. Beginn der Vorstellung ist dann um
19.45 Uhr. Und wer es heuer nicht mehr geschafft hat, beim Wiener
Opernsommer vorbeizuschauen, kann das in einem Jahr bei Giuseppes
Verdis „Aida“ nachholen.