„Der Abend des Don José"
(Dominik Troger)
Dem
Wetter nach hätte es eigentlich „La Wally“ spielen müssen: Auf das
Schneechaos am Freitag folgte bei Tauwetter am Samstag ein Tag der
Dachlawinen. Weil aber die Staatsoper ihre Saisonen sinnvoller Weise
nicht nach den meteorologischen Vorhersagen des hundertjährigen Kalenders plant, stand „Carmen“ auf dem Programm.
Die
Aufführung entwickelte sich allerdings nicht ganz nach dem „Motto“,
das der Titel der Oper vorgibt. Die als Carmen noch sehr
„schablonenhaft“ wirkende Hausdebütantin musste Don José den
Vortritt lassen: Denn Piotr Beczała
ist wieder als Don José in Wien zu Gast. Beczałas Sergeant ist ein
naiver Kerl, der sehr gut zu Micaëla passen würde, wäre da nicht, ja
wäre da nicht ... Carmen. Das Auskosten von lyrischen Momenten
(Blumenarie mit stärkstem Szenenapplaus des Abends) gelang ihm ebenso
überzeugend wie die mit bronzenem Metall unterlegte, schon ins leicht
heldische spielende tenorale Attacke, wenn Don José von Eifersucht und
Liebe in Rage gerät.
Aber Beczała ist kein Sänger, bei dem das Publikum im Finale Angst
haben müsste, Don José könnte Carmen jetzt „wirklich“ etwas antun. Solche
überhitzte Leidenschaft ist ihm dann doch fremd. Das Ausloten der
emotionalen Ausnahmesituation bleibt im Rahmen, wird sich bei ihm immer
seriös dem Gesang unterordnen. Im Normalfall würde sich die
Bühnenwirkung ohnehin durch die Anwesenheit Carmens „multiplizieren“,
doch gerade das war an diesem Abend nicht der Fall. Beczałas Tenorfeuer
brachte die Carmen der Victoria Karkacheva den ganzen Abend lang
nicht zum „Schmelzen“.
Diese Carmen war ein „besonderer“ Fall. Wann ward es erlebt, dass der
Sängerin der Titelpartie beim Solovorhang kaum ein Bravoruf zu Teil
wurde? Im Nachhinein betrachtet handelte es sich um ein ehrliches
Statement eines wieder stark von Touristen durchmengten Auditoriums. Victoria Karkacheva,
Siegerin im Operalia-Bewerb 2021, hat noch sehr wenig Carmen-Erfahrung
nach Wien mitgebracht. Die Sängerin ist offenbar erst dabei, sich die
Partie als „Charakter“ anzueignen.
Karkachevas posenhaft, wie nach dem Vorbild amerikanischer „Soap
Operas“ erotisierte Carmen, erzeugte wenig emotionales Feuer und
Mitgefühl, und vermochte es kaum, sich ins Zentrum der Aufführung zu
spielen – und zu singen. Denn auch gesanglich wäre von einer
Staatsopern-Carmen mehr zu erhoffen gewesen. Ihr Mezzo verströmte nicht
den Eros frischer Verführungslust, den ihr jugendliches Alter und ihre
Bühnenerscheinung hätten erwarten lassen: wenig farbenreich, öfters von
leichtem, metallischem Flackern begleitet, zu flach in der nicht
wirklich durchsetzungsstarken Mittellage und Tiefe.
Im optisch üppigen Zeffirelli-Dekor hätten Kostüm und Bühnenbild die
Sängerin atmosphärisch gestützt, aber diese Produktion ist seit einigen
Jahren Geschichte. Calixto Bieitos abstoßende, existentialistisch und
„sexistisch“ ausgelegte „Milieustudie“ muss man nicht nur als Publikum,
sondern auch als Carmen erst einmal „verdauen“. (Wobei im
Repertoirealltag so manches Detail inzwischen in die Lächerlichkeit
abrutscht. Sehr entlarvend war ein kurzer Lacher aus dem Publikum, als
sich der „Nonsense“-Nackerte am Beginn des dritten Aktes wieder
schenkelpaschend im Halbdunkel der Bühne produzierte.)
Alexey Markov hat in Wien
mit seinem kräftigen,
elastischen Bariton schon einige großartige Abende gesungen. Für seinen Escamillo wären
mehr noble Fülle und etwas mehr „Tiefgang“ das stimmliche
„Sahnehäubchen“ gewesen, um den „Sex Appeal“ dieses Star-Toreros
deutlicher herauszustreichen. Der Rest der
Besetzung, inklusive Micaëla, hat mit mehr oder weniger solidem
Mittelmaß die Vorstellung eher nicht befeuert. Der Staatsopernchor
leistete wieder mit viel Eifer seinen unverzichtbaren Beitrag. Bizets
Musik (am Pult Yves Abel)
erklang gepflegt, aber mit wenig Spannung, wobei sich in den
Folgevorstellungen die etwas zur „Verschleppung“ neigende „Symbiose“
zwischen Orchestergraben und Bühne sicher noch verbessern wird.
Das Publikum war an diesem Abend weniger applausfreudig als gewohnt –
wahrscheinlich auch von der jede „Carmen“-Stimmung unterminierenden
Inszenierung desillusioniert. Was das Publikum an Beifall zu spenden
bereit war, wurde in der Intensität vor allem für Don José aufgespart.
Dauer des Schlussapplauses: rund sechs Minuten.