CARMEN

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Staatsoper
21. Februar 2026

Dirigent: Yves Abel

Carmen - Victoria Karkacheva
Don José -
Piotr Beczała
Escamillo - Alexey Markov
Micaëla - Anna Bondarenko
Frasquita -
Ileana Tonca
Mercédès -
Isabel Signoret
Zuniga - Evgeny Solodovnikov
Moralès - Stefan Astakhov
Remendado - Carlos Osuna
Dancairo -
Clemens Unterreiner
Lillas Pastia - Frédéric Machto

„Der Abend des Don José"
(Dominik Troger)

Dem Wetter nach hätte es eigentlich „La Wally“ spielen müssen: Auf das Schneechaos am Freitag folgte bei Tauwetter am Samstag ein Tag der Dachlawinen. Weil aber die Staatsoper ihre Saisonen sinnvoller Weise nicht nach den meteorologischen Vorhersagen des hundertjährigen Kalenders plant, stand „Carmen“ auf dem Programm.

Die Aufführung entwickelte sich allerdings nicht ganz nach dem „Motto“, das der Titel der Oper vorgibt. Die als Carmen noch sehr „schablonenhaft“ wirkende Hausdebütantin musste Don José den Vortritt lassen: Denn Piotr Beczała ist wieder als Don José in Wien zu Gast. Beczałas Sergeant ist ein naiver Kerl, der sehr gut zu Micaëla passen würde, wäre da nicht, ja wäre da nicht ... Carmen.  Das Auskosten von lyrischen Momenten (Blumenarie mit stärkstem Szenenapplaus des Abends) gelang ihm ebenso überzeugend wie die mit bronzenem Metall unterlegte, schon ins leicht heldische spielende tenorale Attacke, wenn Don José von Eifersucht und Liebe in Rage gerät.

Aber Beczała ist kein Sänger, bei dem das Publikum im Finale Angst haben müsste, Don José könnte Carmen jetzt „wirklich“ etwas antun. Solche überhitzte  Leidenschaft ist ihm dann doch fremd. Das Ausloten der emotionalen Ausnahmesituation bleibt im Rahmen, wird sich bei ihm immer seriös dem Gesang unterordnen. Im Normalfall würde sich die Bühnenwirkung ohnehin durch die Anwesenheit Carmens „multiplizieren“, doch gerade das war an diesem Abend nicht der Fall. Beczałas Tenorfeuer brachte die Carmen der Victoria Karkacheva den ganzen Abend lang nicht zum „Schmelzen“.

Diese Carmen war ein „besonderer“ Fall. Wann ward es erlebt, dass der Sängerin der Titelpartie beim Solovorhang kaum ein Bravoruf zu Teil wurde? Im Nachhinein betrachtet handelte es sich um ein ehrliches Statement eines wieder stark von Touristen durchmengten Auditoriums. Victoria Karkacheva, Siegerin im Operalia-Bewerb 2021, hat noch sehr wenig Carmen-Erfahrung nach Wien mitgebracht. Die Sängerin ist offenbar erst dabei, sich die Partie als „Charakter“ anzueignen.

Karkachevas posenhaft, wie nach dem Vorbild amerikanischer „Soap Operas“ erotisierte Carmen, erzeugte wenig emotionales Feuer und Mitgefühl, und vermochte es kaum, sich ins Zentrum der Aufführung zu spielen – und zu singen. Denn auch gesanglich wäre von einer Staatsopern-Carmen mehr zu erhoffen gewesen. Ihr Mezzo verströmte nicht den Eros frischer Verführungslust, den ihr jugendliches Alter und ihre Bühnenerscheinung hätten erwarten lassen: wenig farbenreich, öfters von leichtem, metallischem Flackern begleitet, zu flach in der nicht wirklich durchsetzungsstarken Mittellage und Tiefe.

Im optisch üppigen Zeffirelli-Dekor hätten Kostüm und Bühnenbild die Sängerin atmosphärisch gestützt, aber diese Produktion ist seit einigen Jahren Geschichte. Calixto Bieitos abstoßende, existentialistisch und „sexistisch“ ausgelegte „Milieustudie“ muss man nicht nur als Publikum, sondern auch als Carmen erst einmal „verdauen“. (Wobei im Repertoirealltag so manches Detail inzwischen in die Lächerlichkeit abrutscht. Sehr entlarvend war ein kurzer Lacher aus dem Publikum, als sich der „Nonsense“-Nackerte am Beginn des dritten Aktes wieder schenkelpaschend im Halbdunkel der Bühne produzierte.)

Alexey Markov hat in Wien
mit seinem kräftigen, elastischen Bariton schon einige großartige Abende gesungen. Für seinen Escamillo wären mehr noble Fülle und etwas mehr „Tiefgang“ das stimmliche „Sahnehäubchen“ gewesen,  um den „Sex Appeal“ dieses Star-Toreros deutlicher herauszustreichen. Der Rest der Besetzung, inklusive Micaëla, hat mit mehr oder weniger solidem Mittelmaß die Vorstellung eher nicht befeuert. Der Staatsopernchor leistete wieder mit viel Eifer seinen unverzichtbaren Beitrag. Bizets Musik (am Pult Yves Abel) erklang gepflegt, aber  mit wenig Spannung, wobei sich in den Folgevorstellungen die etwas zur „Verschleppung“ neigende „Symbiose“ zwischen Orchestergraben und Bühne sicher noch verbessern wird.

Das Publikum war an diesem Abend weniger applausfreudig als gewohnt – wahrscheinlich auch von der jede „Carmen“-Stimmung unterminierenden Inszenierung desillusioniert. Was das Publikum an Beifall zu spenden bereit war, wurde in der Intensität vor allem für Don José aufgespart. Dauer des Schlussapplauses: rund sechs Minuten.