„Paartherapie“
(Dominik
Troger)
Triggerwarnung
für Psychotherapeuten: Ihr Job kann Sie das Leben kosten! An der
Staatsoper werden in der ersten Saisonpremiere Alexander Zemlinskys
„Eine florentinische Tragödie“ und Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“
szenisch zu einer etwas langatmigen Paartherapie zusammengespannt. Das
Resultat: ein ermordeter Therapeut im Doppelbett und wiedergefundenes
Eheglück.
Regisseur Vasily Barkhatov
ist mir schon seit seiner „Norma“ im Theater an der Wien (Premiere
2025) suspekt, die er in einer Keramikfabrik (!) hat spielen lassen.
Bei seiner ersten Arbeit für die Wiener Staatsoper ist er auf die Idee
verfallen, die Handlung der beiden Einakter von Zemlinsky und Bartók zu
verknüpfen und an Hand einer paartherapeutischen Sitzung zu entwickeln:
Eine Frau möchte laut eines am Beginn bühnenbreit projizierten Textes ihre Ehe retten. Der konsultierte Therapeut wird
im Rahmen eines Rollenspiels („Eine florentinische Tragödie“ ) vom
Ehemann ermordet. Doch die Therapie ist erfolgreich: Dank der
„Blaubart’schen Traumaanalyse“ landen Frau und Mann wieder im
gemeinsamen Bett.
Als Bühnenbild dient das Innere eines Einrichtungshauses, modern und
irgendwie unpersönlich, weit entfernt von Zemlinskys
Renaissance-Florenz und Bartóks düsterer Blaubart-Burg. Eine Stiege
führt in den ersten Stock. Es gibt ein Doppelbett, eine große Couch,
Ladenkästen. Musik und Text der beiden Einakter passen weder zu diesem
Ambiente noch zum von der Regie darübergelegten Handlungsrahmen.
Hauptsache der Regisseur ist sich seiner „innovativen“ Leistung
bewusst, wie man aus einem Interview herauslesen kann, das im
Programmheft zur Aufführung abgedruckt ist:
„Wahrscheinlich ist es das erste Mal in der Rezeptionsgeschichte des
Herzog Blaubart, daß die Oper mit einem glücklichen Ende schließt.“
Béla Bartóks „Blaubart“ ist opernhistorisch „approbiert“ und bekannt.
An der Staatsoper war der Einakter bislang trotzdem selten zu Gast. Das
Online-Archiv der Staatsoper listet nur neun Vorstellung in den
1980er-Jahren, damals mit Arnold Schönbergs „Erwartung“ gekoppelt. Im
Konzertsaal begegnet man ihm öfter. 2015 gab es eine
Festwochenproduktion im Theater an der Wien in der Inszenierung von
Andrea Breth.
Der „Florentinischen Tragödie“ begegnet man in Wien viel
seltener. 2003 und 2010 gab es konzertante Aufführungen im Konzerthaus.
Im Haus am Ring wurde das Werk seit 1917 (drei Aufführungen) nicht mehr
gespielt. Allerdings hat der Ausflug Zemlinskys in die Dramenwelt Oscar
Wildes seine Schwächen. Das Stück Wildes ist im Florenz der Renaissance
angesiedelt und nur fragmentarisch erhalten (der Beginn fehlt). Es
stellt vor allem den monologisierenden Tuchhändler Simone in den
Mittelpunkt, der Bianca zu Hause mit einem anderen Mann überrascht, und
es bietet eine Schlusspointe, die als zynische Kritik Wildes an der
„romantischen“ Liebe interpretiert werden könnte. Denn nachdem Simone
den Nebenbuhler ermordet hat, entbrennt zwischen ihm und Bianca neues
Begehren, wie dem Libretto zu entnehmen ist: „Bianca: Warum hast du mir nicht gesagt, daß du so stark? Simone: Warum hast du mir nicht gesagt, daß du so schön!” Ein Kuss besiegelt ihr neues Bündnis.
Schon Zemlinksys Zeitgenossen haben an der Wahl des Sujets gezweifelt:
Julius Korngold („Neue Freie Presse, 28.4.1917) hat anlässlich der tags
zu vor über die Bühne gegangenen Erstaufführung an der Hofoper notiert:
„Zemlinsky hat Wildes Dialog vom ersten bis zum letzten Worte in Musik
gesetzt, mit all seiner Unproportioniertheit, all der hinterhältigen
Redseligkeit Simones, mit allen Klügeleien und Grübeleien, und all der
Musikwidrigkeit des Schlusses.“ Korngolds Analyse ist
nachvollziehbar. Allein mit dem Monologisieren Simones lässt sich
schwer die Spannung aufrecht erhalten, was auch an diesem Abend
deutlich zu spüren war.
Zemlinskys Musik lebt sich an Wildes sprachlicher Üppigkeit mit
„überstrausschender“, „salomesker“ Musikalität aus. Wobei, wie schon
Korngold festgestellt hat, das „farbige Element auf Kosten des melodischen, motivischen und dramatischen“
regiert. Zemlinksy umrankt diese Wild’sche „Renaissance“ mit einem
musikalischen „Brokat“, der voller eingewirkter Goldfäden flirrt – ein
kostbarer Stoff in mehreren Lagen gewebt, der üppig einer
Schlussapotheose zugeführt wird, die dann doch noch zündet (und das
Publikum, von Simones Dauerreden ermattet, wieder aufweckt).
Wer daraus schließt, dass der Sänger des Simone die Hauptlast für ein
Gelingen von jeder Aufführung der „Florentinischen Tragödie“ zu tragen
hat, wird nicht fehlgehen. Was dafür erforderlich ist? Ein
reichhaltiger, kräftiger Bariton, der es mit dem Orchester aufnehmen
kann, der zudem über eine prägnante Diktion verfügt, um dem Text Wilds
plastisch Ausdruck zu verleihen. Ein große Portion dämonischer
Hinterhältigkeit muss zudem für untergründige Spannung sorgen, muss den
Charakter für das Publikum interessant machen. Ist das Christopher Maltman gelungen?
Das Regiekonzept hat die Glaubwürdigkeit des Bühnencharakters nicht
gerade erhöht. In Sachen der geforderten Prägnanz gab es Luft nach
oben. Die Stimme zeigte sich aber kräftig und kernig, letztlich aber
doch zu wenig subtil für die geforderte Vielschichtigkeit der Aufgabe.
Sein „psychotherapeuthischer“ Gegenspieler vulgo Guido Bardi, wurde von Dmitry Golovnin mit zu grellmetallischem Tenor verkörpert, der „ideale“ Liebhaber war das nicht. Asmik Grigorian
spielte eine pubertär-trotzige Bianca, der nur schwer abzukaufen war,
dass sie ihre Ehe retten möchte. Zu singen hatte sie ohnehin
wenig und ihr Sopran klang etwas schmal im Gewoge von Zemlinskys
musikalischen Richard-Strauss-Avancen. Dass sich Bianca sogar in Slip
und BH präsentieren muss, mag bei männlichen Grigorian-Fans die
Leidenschaft erhitzt haben, entbehrte aber dramaturgisch jeglicher
Notwendigkeit. Das haben weder Zemlinsky noch Wilde (und nach der Pause
Bartók) verdient, das versucht wird, ihnen seitens der Regie mit
derartig banaler „Bühnenerotik“ auf die Sprünge zu helfen.
Nach der Pause hatte die zur Judith gewandelte Bianca plötzlich einen neuen, anderen Mann: Florian Boesch
trat als Blaubart an. Jetzt folgte in Anwesenheit des ermordeten
Therapeuten die Heilung des Paares, wobei das Öffnen der Türen seitens
der Regie mit traumatischen Erlebnissen in der gemeinsamen
Vergangenheit gleich gesetzt wurde. Am Schluss landen beide in dem
Bett, in dem sie die Leiche des Therapeuten verstaut haben.
Szenisch hatte „Blaubart“ etwas mehr zu bieten, ein paar Projektionen halfen dabei, das Geheimnis der recht „symbolisch“ aufgefassten
Türen optisch zu unterstreichen (am eindrucksvollsten die
Splitterprojektion eines zerbrechenden Spiegels). Dass der
Eingangsmonolog praktisch unverständlich schnarrend von einem
Kassettenrekorder oder einem ähnlichem „Device“ abgespult wurde, hat
aber zum szenischen Gesamteindruck gepasst, der in Summe Bartóks
düsterer Seelenlandschaft nicht gerecht wurde. Damit ging auch das
Gefühl an trauriger Erhabenheit verloren, das diese Sage aus alter Zeit
geheimnisvoll wie ein klagendes Bardenlied überhöht.
Florian Boeschs Blaubart hatte gesanglich einige Mühe, bei stark
forcierter Höhe. Asmik Grigorians Sopran hätte auch als Judith etwas
mehr Fülle gut vertragen. Die melancholisch-archaische Gewalt, die
durch diese Oper weht, haben weder sie noch Boesch spürbar gemacht,
wobei das wahrscheinlich auch nicht im Sinne der Inszenierung gewesen
wäre. (Der „Tränensee“ der sechsten Türe findet szenisch im etwas
zurückgesetzten ersten Bühnenstock rechts statt, von der rechten
Galerieseite wird man das weiße Gitterbett und die Spielsachen kaum
mehr eingesehen haben. Offensichtlich geht es in dieser Szene der Regie
um einen nicht erfüllten Kinderwunsch oder ein verstorbenes Kind.)
Das Orchester unter Alain Altinoglu
ließ die angesprochenen „Goldfäden“ im Zemlinsky-„Brokat“ zu wenig
leuchten, umhüllte ihn mit wie mit einem dunkler gefärbten Tuch. Bartok
war diese Färbung angemessener, und der Orchesterausbruch zu fünften
Türe war von gewaltiger Wirkung. In Summe fehlte es aber gerade am
feinnervigen, ausdrucksstarken „Finetuning“, an einer (vor allem bei
Zemlinsky) „kristallinen“
Durchsichtigkeit des Orchesterparts, was es bei besser angepasster
Lautstärke auch den Sängern und der Sängerin leichter gemacht hätte.
Der Schlussapplaus kam dank einiger unermüdlicher Beifallspender auf
eine Länge von rund zwölf Minuten, einige Buhrufe galten dem Regieteam.