GISMONDO, RE DI POLONIA

Aktuelle Spielpläne
Forum
Opernführer
Chronik
Home
Vinci-Portal

Theater an der Wien
25. September 2015
Konzertante Aufführung

Dirigent: Martyna Pastuszka

Orkiestra Historyczna

Gismondo - Max Emanuel Cencic
Ottone -
Yuriy Mynenko
Cunegonda - Sophie Junker
Primislao - Aleksandra Kubas-Kruk
Ernesto - Jake Arditti
Giuditta - Dilyara Idrisova
Ermanno -
Nicholas Tamagna


Polnische-litausche Fehde

(Dominik Troger)

Die konzertante Opernsaison im Theater an der Wien begann vielversprechend: „Gismondo, Rè di Polonia“ von Leonardo Vinci, uraufgeführt 1727, erfreute Barockopernfans ebenso wie Liebhaber von Countertenorstimmen.

Nach Artaserse (2012) und Catone in Utica (2015) war jetzt der Vinci’sche „Gismondo“ im Theater an der Wien zu Gast. Zum reichhaltigen Aufgebot an Countertenören (vier) gesellten sich diesmal auch drei Sängerinnen. Das nach Francesco Brianis „Il vincitor generoso“ gefertigte Libretto beschreibt Intrigen und Liebeshändel zwischen dem polnischen und litauischen Hof.

Im Zentrum stehen dabei der kluge – weil vernünftige – Herrscher Gismondo und der litauische Hitzkopf Primislao. Die Kinder des polnischen Königs, Ottone und Giuditta, mischen ebenfalls mit. Giuditta bekommt am Schluss Primislao und Ottone dessen Tochter Cunegonda. Der üble Intrigant Ermanno von Mähren begeht pflichtschuldig Selbstmord hinter der Bühne. Für große Gefühle und für hofstaatliches Gepränge ist also gesorgt – und im dritten Akt gibt es sogar eine Schlacht.

Der Abend dauerte inklusive einer Pause knapp dreieinviertel Stunden. Man hat, wie im Programmheft nachzulesen ist, das Werk an eine für unsere Verhältnisse „aushaltbare Aufführungszeit“ angepasst. Vincis Musik, die vom Orkiestra Historyczna mit federndem Schwung vorgetragen wurde, verblüffte einmal mehr durch ihre effektvollen, emotionsgeladenen Zugriff, der für heutige Ohren manchmal schon an Ironie streift. Vinci hält auch Hörner und Trompeten bereit, wie er sich überhaupt bei einigen Arien in der Instrumentierung durchaus originell zeigt.

Der hitzköpfige Primislao darf sich da zuvorderst ausleben und schon in seiner ersten Arie seinen Zorn exaltiert dem Publikum ins Gesicht schleudern. Aleksandra Kubas-Kruk (Hausdebüt im Theater an der Wien) mit einem eher hellen, burschikosen Mezzo ausgestattet steuerte bis auf ein paar, etwas forcierte Effekttöne sicher durch diese emotionale Hochschaubahn.

Das „gute Beispiel“, Lehensherr Gismondo, durfte es ruhiger angehen. Im lieh Max Emanuel Cencic seine Stimme, die in den letzten Jahren etwas gereift und „breiter“ geworden sich jetzt wie ein cognacfärbiges Samtband anschmiegsam durch die Verzierungen schlängelt. Insofern war die Partie für das Charisma seines Organs bestens gewählt.

Ottone, sein Bühnensohn, wurde von Yuriy Mynenko gegeben, der im Finale des ersten Aktes von Flötengezwitscher begleitet mit seinem zu lyrischer Differenzierung fähigen Countertenor die Nachtigall besang – womit er das Publikum ganz in seinen Bann zog. Das ursprünglich mehr metallische Timbre seiner Stimme hat sich abgerundet und an Glanz gewonnen, bei Spitzentönen kann es noch „martialischer“ durchschlagen.

Nicholas Tamagna war zum ersten Mal im Theater an der Wien zu Gast, mit seiner schönen klaren Counterstimme gab er einen reuevollen Bösewicht. Die Partie des Ernesto wurden von Jake Arditti beigesteuert, vor einigen Jahren im Jugendensemble des Theaters an der Wien in der Kammeroper engagiert. Das leicht jugendlich-überspannte Timbre seiner Stimme hat sich deutlich abgemildert.

Dilyara Idrisova sang mit ihrem funkelnden koloraturaffinen Sopran die Gismondo-Tochter. Die belgische Sängerin Sophie Junker ließ eine leicht dunkel getönte, bewegliche Sopranstimme hören, die auch die düsteren Stimmungsmomente und fast elettrahaften Ausbrüche der Partie überzeugend zu präsentieren wusste. Sie war die sängerische Neuentdeckung des Abends.

Martyna Pastuszka leitete das Orchester mit Verve und agierte zugleich als Konzertmeisterin – und schon nach kurzer Zeit stellte sich jener „Flow“ ein, der die Zuhörerschaft tranceartig ganz in die Musik hineinzieht. Der „Sound“ war nicht so spröde wie bei einigen anderen Ensembles historischer Aufführungspraxis, die Streicher im Klang etwas weicher. Das Orkiestra Historyczna stammt aus Katowice und wurde erst 2012 gegründet.

Das Publikum war von der Aufführung sehr angetan und spendete am Schluss reichlich Beifall.