ALESSANDRO NELL'INDIE

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Theater an der Wien
10.4.2026
Premiere
Österreichische Erstaufführung

Musikalische Leitung:Martyna Pastuszka

Inszenierung: Max Emanuel
Cenčić
Bühne: Domenico Franchi
Kostüm: Giuseppe Palella
Licht: David Debrinay
Choreographie: Sumon Rudra

Orchester: (oh!) Orkiestra
Arnold Schönberg Chor

Koproduktion MusikTheater an der Wien mit Bayreuth Baroque Opera Festival

Poro - Dennis Orellana
Cleofide -
Bruno de Sá
Erissena - Jake Arditti
Alessandro - Maayan Licht
Gandarte - Stefan Sbonnik
Timagene - Nicholas Tamagna

Schauspieler: Ed Betton, Benjamin Smart
Tänzer: Idir Chatar, Panagiotos Dionysakopoulos, Damianos Aggelos Efstathiou, Anastasis Karachanidis, Dimitris Karalis, Michail Kriempardis, Vangelis Lyopirakis, Alexandros Nouskas Varelas, George Prifti, Thanos Stasinos


Barockes Indien

(Dominik Troger)

Im Theater an der Wien sind wieder hohe Herrschaften zu Gast. Dieses Mal ist es Alexander der Große. Sein Feldzug nach Indien hat einige Verwirrung in der dortigen High Society ausgelöst, die er mit aufklärerischem Großmut zu befrieden weiß.

Den „Reisekatalog“ für diese barocke „Indienfahrt“ hat einst Pietro Metastasio erstellt, vertont wurde er von Leonardo Vinci. Max Emanuel Cenčić hat die 1730 in Rom uraufgeführte Oper anlässlich seines Bayreuth Baroque Opernfestivals 2022 „ausgegraben“ und selbst inszeniert. Er verrührt in seiner Inszenierung unterhaltsam englisches Kolonialreich mit indischem Kino (Stichwort: „Bollywood“), abgeschmeckt mit viel ironisch aufgepfefferter Travestie. Aber was noch wichtiger ist: Viereinhalb Stunden lang (zwei Pausen eingerechnet) wird das Publikum mit musikalischer Extraklasse verwöhnt.

Cenčić und Vinci sind schon seit vielen Jahren ein eingespieltes „Team“. Bereits im Jahr 2012 ist er im Theater an der Wien mit Vincis „Artaserse“ konzertant zu Gast gewesen. Schon damals gab es ein „Gipfeltreffen der Countertenöre“ weil alle Partien – auch die Frauenrollen – mit Männern besetzt waren. Mit dem „Alessandro“ wurde dieses historische verbriefte Konzept (am päpstlichen Hof in Rom mussten in der Oper auch die Frauenrollen von Männern gespielt werden) auf eine szenische Produktion ausgeweitet – unter eifriger Zuhilfenahme der Maskenbildner, die sich beherzt nicht nur um straffe Dekolletés gekümmert haben. Diese erotische Camouflage verleiht der Produktion manch schrille Frivolität, die ein großer goldener Phallus, der im letzten Bild den Altar des Bacchustempels krönt, mit göttlicher Autorität „absegnet“.

Bei solcher „Hofhaltung“ gestalteten sich die Übergänge zwischen Trivialhumor und genialem Gag (wie die Dreirad-Elefanten plus ebenso fahrbarem Kamel) allerdings sehr fließend und der Sprung über die Jahrhunderte von Metastasio und Vinci bis zu Bollywood überflog auch so manche, gewiss ironisch zu deutende, szenische Niederung. Schon an Alessandro ließ sich kein idealisiertes Eroberertum ablesen. Cenčić hat sich bei der Gestaltung dieser Figur vom englischen König Georg IV. Inspirieren lassen, dessen Neigung zu Müßiggang und Laster nicht als Vorbild für einen tugendhaften Opernhelden aus der Feder eines Metastasio getaugt hätte.

Deshalb ist die Szene auch von der Sommerresidenz Georgs IV. abgeleitet, die dieser sich in Brighton im Mogulstil hat errichten lassen. Das Bühnenbild nimmt Anleihen bei den Räumlichkeiten dieses „Royal Pavillon“:  Eine kleine Bühne steht in einem großen Salon, auf der „Alessandro nell’Indie“ für den englischen Hof zur Unterhaltung gegeben wird. Rasch vermischen sich die Spielebenen des „Theaters auf dem Theater“ und verschmelzen koloniales England und pittoreskes Indien zu einem turbulenten „Bollywood’schen Drehbuch“.

Im eigentlichen Zentrum der Handlung steht aber die Liebesbeziehung des indischen Königs Poro zur indischen Königin Cleofide: König Poro, eben in der Schlacht beim Hydaspes von Alessandro geschlagen, ist mit leidenschaftlicher Eifersucht in Cleofide verknallt. Diese hat aber mehr „Köpfchen“ als ihr triebgesteuerter Verehrer und macht sich ihrerseits an Alessandro heran, um ihr Königreich und das Poros zu retten. Der Coup gelingt. Ein zweites Liebespaar, Poros Schwester Erissena und sein General Gandarte, sowie der verräterische Alessandro-Vertraute Timagene, ergänzen den Figurenkatalog.

Nicht zu übersehen ist eine Tendenz der Inszenierung, die Bühnencharaktere und die Handlung ins Groteske zu verschieben, wie etwa im Finale des ersten Aktes, wenn sich aus einer emotionsgeladenen Szene zwischen Poro und Cleofide, der „Gesangswettkampf“ zweier „Primadonnen“ entwickelt, in dem sich die beiden kurze (Koloratur-)„Häppchen“ aus „Traviata“ und „Zauberflöte“ (Cleofide) bzw. „Rigoletto“ (Poro) an den Kopf werfen.

Weiters werden zehn Tanzsolisten und zwei Schauspieler aufgeboten. Die Schauspieler beschreiben kurz die Handlungsorte, natürlich in englischer Sprache, weil sie sich ja im „Royal Pavilion“  befinden. Die männlichen Tänzer geben konsequenter Weise auch die Balletteusen. Tanzeinlagen bilden in dieser Inszenierung ein wichtiges Mittel, um die langen Arien zu szenisch zu bebildern, um sie schwungvoll aufzulockern und allegorisch zu vertiefen.

An den langen Dacapo-Arien lässt sich zudem die Virtuosität der Sänger mit technischer Raffinesse erproben. Was dem Publikum an Läufen, Koloraturen, Intervallsprüngen, Trillern, an Lamentoklagen und feurigen Gefühlsausbrüchen geboten wurde, verzückte nicht nur Barockopern-Affinicados – und im Zentrum dieser „Verzückung“ stand Bruno de Sá der mit seiner Sopranstimme als Cleofide bezauberte. Dabei ist besonders das „Digli, che io son fedele“ im zweiten Akt hervorzuheben, in dem Cleofide ihre Treue zu Poro lamentohaft beschwört. Bruno de Sá becircte minutenlang das Publikum mit feinfühligem Gesang, vom Orchester nicht minder feinfühlig untermalt, um dabei seismographisch den zarten Erregungszuständen dieser indischen Königin nachzuspüren.

In der Bayreuther Aufführung 2022 stand ihm mit Franco Fagioli als Poro gleichsam die „Cecilia Bartoli“ der Countertenöre gegenüber, während die Produktion im Theater an der Wien mit Dennis Orellana einen in den letzten Jahren kometenhaft aufgestiegenen Sopranisten aufgeboten hat. Fagioli hätte sich vom Stimmtypus her womöglich stärker von Bruno de Sás Cleofide abgehoben. Orellanas Stimme ist keuscher, schlanker, mit ebenso bewundernswerter Virtuosität gesegnet.

Maayan Licht als Alessandro war der dritte Sopranist auf der Bühne. Er war am Beginn angesagt worden, die Vorstellung gelang aber ohne hörbare Beeinträchtigung.  Alessandro darf sich im ersten Akt mit dem „Vil trofeo d’un Alma imbelle“ gleich  vielversprechend und mit Herrschaftsanspruch vorstellen, wenn er sich kurz mit einer Trompete
duelliert. Er hat in Folge aber weniger Möglichkeiten, sich in Szene zu setzen – wobei Licht es gelungen ist, diese im Werk angelegte „Blässe“ mit dandyhaft wirkender Lässigkeit zu auszugleichen.

Jake Arditti lieh seinen in der Höhe etwas
kantigeren Countertenor Poros Schwester Erissena, Stefan Sbonnik als wendiger Gandarte und Nicholas Tamagna als verschlagener Timagene ließen ebenfalls keine Chance aus, um gesanglich aufzutrumpfen und mit famoser Spiellaune ihre Rollen auszuleben. Martina Pastuszka, als musikalische Leiterin des genussvoll und mit Verve aufspielenden {oh!}Orkiestra hatte als „Solovioline“ sogar einen Bühnenauftritt, um Poro bei seiner Arie „Se possono tanto due luci vezzose“ solistisch zu begleiten.

Der begeisterte Schlussapplaus inklusive Zugabe lag bei rund elf Minuten. Regisseur Max Emanuel Cenčić  ließ sich in einer der großen indischen „Schachteln“, die im Rahmen der Handlung szenisch immer wieder als Versteck genützt werden, auf die Bühne rollen und entstieg ihr – als letzte „Überraschung“ des Abends – um auch seites des Regieteams den widerspruchslos positiven Beifall des Publikums entgegenzunehmen.

PS: Das Orchester tönte mir am Premierenabend wieder etwas zu laut. Letztens bei der Premiere von „L’opera seria“ hat es gepasst und war im akustischen Gesamteindruck sehr ausgewogen.