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„Vergnügliche Fledermaus“
(Dominik Troger)
Vergnüglich
ist das Jahr an der Wiener Staatsoper mit der „Fledermaus“
ausgeklungen. Diana Damrau und Jonas Kaufmann gaben ihre Hausdebüts als
Rosalinde und Eisenstein, am Pult feierte Markus Poschner seinen
Einstand. Gemeinsam mit bewährten Ensemblekräften und einem
kabarettgeeichten „Frosch“ sorgten sie für eine erfrischende
Silvestervorstellung.
Michael Niavarani hat
jetzt seinen zweiten Staatsopern-Frosch-Silvester hinter sich, nachdem
Peter Simonischek viele Jahre lang den leicht renitenten
Gefängnisdiener im Haus am Ring quasi im „Abonnement“ abgehandelt hat.
Kein Wunder, wenn Simonischek dabei im Laufe der Jahre der Esprit etwas
verloren gegangen ist und die Trägheit eines subalternen Beamten sich
manchmal doch etwas zu deutlich in den Vordergrund gedrängt hat. Der
energiegeladene Frosch von Niawarani ist dagegen ein Alleinunterhalter.
Er könnte nicht nur den dritten Akt, er könnte wahrscheinlich die ganze
„Fledermaus“ im Alleingang bestreiten.
Mit den subversiv-intellektuellen Fröschen eines Helmuth Lohner (auch
im Spiel von vertrakter, „doppelbödiger“ Existenz) oder eines Robert
Meyer darf man Niavarani aber nicht vergleichen, der einen etwas
derberen, bodenständigeren Schmäh führt. Und wenn Niavarani die
Geisteszustände seiner Zeitgenossen vom „Trottel“ über den
„Volltrottel“ bis zum „Koffer“ und „Fetzenschädel" Revue passieren
lässt, dann feilt sein Sprachwitz keine feine Klinge.
Aber Niaravani begibt sich sogar in den Orchestergraben: Wie zufällig
lässt er die Gefängnisschlüssel von der Rampe fallen, um sich auf der
Suche nach dem Schlüsselbund unter die Musiker zu gesellen und mit dem
Dirigenten „anzubandeln“. Sein „Polieren“ des Dirigentenstabs löst wie
„ferngesteuert“ sogar ein paar Orchestertakte „Carmen“ aus. Niawarani
stolpert über eine Violine und demoliert sie dabei, da kann der Humor
des Vollblutkomikers dann schon ein wenig in Richtung publikumssüchtige
Outrage tendieren.
An Pointen war ohnehin kein Mangel. Niaravani schien sie nur so aus dem
Ärmel zu schütteln, manche Perle war darunter und manche
Geschmacklosigkeit, wobei er den Mächtigen der Welt grundsätzlich
empfahl, anstelle von Kriegführen die habsburgische Heiratspolitik
nachzuahmen (und er machte den Vorschlag, Bundeskanzler Stocker solle
durch eine Ehe mit der italienischen Ministerpräsidentin Meloni Triest
wieder Österreich eingemeinden.) Natürlich fehlten auch viele
liebgewonnene Pointen nicht, die zu diesem szenischen Otto Schenk`schen
Geniestreich in den Bühnenbildern Günther Schneider-Siemssens gehören
wie der Hagelzucker aufs Brioschkipferl. (Für das Bühnenbild im zweiten
Akt gabs sogar kurzen, wenn auch etwas schüchternen Szenenapplaus.)
Die Besetzung lebte stark von Persönlichkeiten, was jeder Auführung nur
gut tun kann, auch wenn gesanglich da und dort Abstriche zu machen
waren. Diana Damrau versah die
Rosalinde mit überddrehter Affektiertheit und viel darstellerischer
Energie: eine quirlige, wenn auch nicht mehr in ganzer Sopran-Vollblüte
stehende „Rosa-Linde“. Der Schlusston beim Csárdás geriet zwar etwas
knapp, aber daran hängt jetzt nicht Rosalindes Schicksal. Viel
wichtiger war, dass Damrau mit listigem Verve ihrem Gemahl das
Damenührchen abluchste und auch sonst viel Schwung in die Vorstellung
brachte. Dieser Gemahl - Jonas Kaufmann
- fand im Laufe des ersten Aktes immer besser in seine Rolle hinein,
sparte beim Eisenstein nicht mit Selbstironie, die er mit seinem
baritonalen Tenor in Summe gut, manchmal vielleicht eine Spur zu
schwerfällig, unterfütterte.
Als Adele gab Ilona Staple ein
keckes, überaus spielfreudiges und mehr vorstädtisch situiertes
Stubenmadl, wobei ihr koloraturaffiner Sopran für die Größe der
Staatsoper dann doch ein bisserl schmal klang. Jörg Schneiders Alfred hatte Schmäh und sängerische Brillanz. Jochen Schmeckenbecher hat sich als Gefängnisdirektor sehr gut in dieses kakanische Oeuvre eingebunden. Daria Sushkova
war zwar kein Orlofsky der Extraklasse, aber den Schwung der anderen
Mitwirkenden hat sie mitgetragen. Die Ida war natürlich auch „da“ und Hannah-Theres Weigl formte gemeinsam mit Adele ein durchtriebenes Künstlerinnengespann. Arrangiert hat das alles Adrian Eröd, der wieder mit „Dr. Falke-Intellekt“ und etwas trockenem Bariton die gut getimte „Rachelogistik“ ins Laufen brachte.
Das Orchester unter Markus Poschner
kam im Laufe des ersten Aktes in Fahrt, die Ouvertüre hatte noch ein
bisschen sondierend, in Teilen fast verschleppt aus dem Orchestergraben
getönt. Poschner fand jedenfalls bald die richtige Mischung zwischen
Steuern und Loslassen und hat gemeinsam mit dem spielfreudigen
Orchester den „Fledermaus“-Silvester-Spaß „beflügelt“. Die mit
spritzigem Ballett garnierte Schnellpolka „Unter Donner und Blitz“
gegen Ende des zweiten Akts wurde zum Gustostückerl mit
Beschleunigungsfaktor. Auch der Staatsopernchor hat für freudvoll
versprühte Silvesterlaune gesorgt.
Für Eisenstein und Rosalinde wurden beim Einzelvorhang je ein rosa
Plüsch-Neujahrsschweinchen von der rechten Galerieseite geworfen. Und
das applausfreudige Publikum verließ das Haus gut gelaunt, um ganz
verfledermaust in eine von kaltem Wind durchwühlte Silvesternacht zu entfleuchen.
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