„Revolutions-Reprise“
(Dominik Troger)
An
der Staatsoper machen Tiere wieder Revolution. Alexander Raskatovs Oper
„Animal Farm“, basierend auf dem gleichnamigen Roman von George Orwell,
ist für vier Vorstellungen ins Repertoire zurückgekehrt. Besucht wurde
die zweite Aufführung der laufenden Serie.
„Animal
Farm“ wurde 2023 in Amsterdam uraufgeführt. 2024 folgte die Premiere an
der Wiener Staatsoper. Die aktuelle Wiederaufnahme beweist: Werk und
Produktion funktionieren auch abseits von mediengesteuertem
Premieren-„Hype“. Die Geschichte, die sich George Orwell in den
1940er-Jahren aufgrund seiner eigenen Erfahrungen mit dem Stalinismus
ausgedacht hat, ist einfach zu gut.
Die Oper von Alexander Raskatov
ist nur eine von vielen Bearbeitungen, die der Roman im Laufe der Jahre
erfahren hat. Raskatov, im Todesjahr Stalins in Moskau geboren, hat
Orwells Text noch um Zitate, etwa von Stalin selbst, erweitert. „Animal
Farm“ steht im Kontext einer russischen, satirischen Operntradition,
wobei in diesem Fall die Satire böse, brutale Züge annimmt. Und wenn im
Finale der „Tier-Revolution“ die Schweine menschliche Eigenschaften
annehmen, dann wird in der „Vermenschlichung“ der Tiere auch die
„Vertierung“ des Menschen entlarvt und dessen hohlphrasiges revolutionäres Pathos.
Der Komponist hat bei seiner Vertonung den Tieren von Orwells Bauernhof
eine ausgefeilte musikalische Charakteristik verpasst, die sich von
Tierlauten ableitet und zugleich von einem hohen Wiedererkennungswert
geprägt ist: Pferd Mollies Wiehern in höchsten Soprantönen, das
intellektuelle „Krächzen“ des Raben Blacky, der in die Höhe getriebene,
agitative Tenor von Schwein Squealer usf. Dazu gesellt sich die stark
rhythmische Akzentsetzung des aufwendig instrumentierten, mit üppigem
Schlagwerk angereicherten Orchesters, das sich bruchstückartig aus der
Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts speist – mit Dmitri
Schostakowitsch als musikalischem „Mentor“.
Was der Oper einerseits zum Vorteil gereicht und für ausreichend
Abwechslung sorgt, um die Aufmerksamkeit des Publikums für nicht einmal
zweieinhalb Stunden (inklusive einer Pause) wach zu halten, gereicht
ihr andererseits zum Nachteil. Der künstlerische Aufwand, der betrieben
wird, ist enorm, und die Anforderungen an die Sängerinnen und Sänger
sind zum Teil sehr hoch, wodurch die „Repertoirefähigkeit“ von „Animal
Farm“ stark limitiert wird. (Einige der an diesem Abend mitwirkenden
Protagonisten haben sogar die Uraufführung bestritten – und die
Staatsoper hat für diese Aufführungsserie die Premierenbesetzung
aufgeboten.) Ob man dem Werk also noch oft im Haus am Ring begegnen
wird? Am 18. und am 23. Juni gibt es noch Gelegenheit dazu, nächste
Saison sind keine Vorstellungen angesetzt.
Die Inszenierung von Damiano Michieletto ist
brauchbar konventionell, siedelt das Geschehen aber zur
„Affektverstärkung“ in einem Schlachthof an. Manches ist überdreht, wie
die Zeichnung der Farmersleute; Scheinwerfer im Hintergrund, die immer
wieder das Publikum blenden, sind zudem ein ziemlich verbrauchtes
Mittel, um „Aufmerksamkeit“ zu erzeugen. Die wichtigen Figuren sind
aber gut herausgearbeitet und das kollektiv geführte Geflügel sorgt für
ausreichend revolutionäre Massenchoreographie.
Wie schon in der Premierenserie waren Ensemble und Chor tragende Säulen
der Aufführung, wobei einige starke, charakteristische Einzelleistungen
herausstachen wie Holly Flack als Mollie, Andrei Popov als Squealer, Elena Vassilieva als demagogischer Blacky, Michael Gniffke als Snowball, Gennady Bezzubenkov als Old Major und natürlich Wolfgang Bankl als diktatorisch-geerdeter Napoleon. Alexander Soddy hat sich mit Akribie des Orchesters angenommen.
Der Gesamteindruck von „Animal Farm“ ist zwar etwas spröde, aber das
Publikum zeigte kaum Tendenz zur Abwanderung – und ich hatte nicht wie
zuletzt bei György Kurtágs „Fin de partie“ den Eindruck einer sich
umfassend breitmachenden Langeweile. Die Sitzplätze waren sehr gut
ausgelastet, der Galeriestehplatz war sehr schlecht besucht. Der
Schlussapplaus lag bei fünf Minuten, auch mit Bravorufen für Sänger und
Sängerinnen, Dirigent und Orchester – und den sich verbeugenden
Komponisten.