DIALOGUES DES CARMÉLITES
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Staatsoper
29.11.2025

Dirigent: Robin Ticciati

Blanche - Olga Kulchynska
Marquis de la Force - Michael Kraus
Le Chevalier de la Force - Bogdan Volkov
Madame de Croissy - Sylvie Brunet-Grupposo
Madamee Lidoine - Maria Motolygina
Mère Marie - Julie Boulianne
Soeur Constance - Maria Nazarova
Mère Jeanne - Stephanie Maitland

Soeur Mathilde - Teresa Sales Rebordao
L´Aumonier
- Jörg S
chneider
1er Comissaire - Andrea Giovannini
2éme Comissaire - Simon Strazdas
Officier - Alex Ilvakhin
Geôlier - Andrei Maksimov
Thierry - Michael Wilder
Dr. Javelinot - Panajotis Pratsos
Frauenstimme - Irina Vekszler
Erste alte Frau - Amelle Parys
Zweite alte Frau - Sylvie Jubin
Ein alter Herr - Christian Lenoble


Glaubensfest in den Tod
(Dominik Troger)

Zwischen Christkindlmarkt-Punsch und dem ersten Einkaufssamstag vor Weihnachten hat die Wiener Staatsoper noch eine Portion „Existentialismus“ bereitgestellt: Die „Dialogues des Carmélites“ von Francis Poulenc standen auf dem Spielplan.

Die Geschichte von den Karmeliterinnen, die glaubensfest der französischen Revolution zum Opfer fallen, ist allerdings keine, die sich so „nebenbei“ rezipieren lässt. Und dabei ist es gar nicht notwendig, sich auf die religiöse Ebene mit ihren schwierigen Fragen nach Gottesgnade, Glaube und Martyrium einzulassen. Letztlich sterben Blanche und die Nonnen für ihre Überzeugung. Sie entsagen einem Opportunismus, der ihnen womöglich das Leben gerettet hätte.

In der von Poulenc geschickt mit individuellem Schicksal und viel Empathie genährten Glaubensüberzeugung, die letztlich auch Blanche ihrem tödlichen Ende zuführt, könnte natürlich auch eine Portion „kirchlicher Propaganda“ entdeckt werden. Die Staatsopern-Inszenierung von Magdalena Fuchsberger dürfte vor allem diesen Aspekt ins Auge gefasst haben, scheint ihr das Märtyrertum doch ideologisch „verdächtig“ gewesen zu sein. Deshalb verweigert sie im Finale den Nonnen einen „individuellen Tod“, lässt sie diese, von ikonenhaft vereinheitlichenden Masken verhüllt, einfach „abtreten“. Blanche selbst stirbt alleine an der Rampe, ob durch Suizid oder als Opfer der Revolution, bleibt unklar.

Immerhin hat die Staatsoper nach der Premiere im Mai 2023 dem Werk jetzt schon die zweite Reprise gegönnt. Aber an der Überlebensfähigkeit dieser Produktion im Opernalltag darf trotzdem gezweifelt werden. Es ist schwierig, die „Innenspannung“, die diese Oper benötigt, so einfach aus dem „Hut“ zu zaubern – noch dazu wenn der szenische Rahmen wenig dazu beiträgt, diese zu befördern. Die inzwischen legendäre Inszenierung durch Robert Carsen, die vor Jahren im Theater an der Wien zu sehen war, hätte dafür wahrscheinlich eine bessere Grundlage geboten. Aber es müssen auch die Figurencharaktere ideal besetzt sein, um für die emotional richtige „Abmischung“ im Kloster zu sorgen – Blanche inklusive.

Am Wichtigsten ist dabei vielleicht, dass die Sängerinnen sich aufeinander „einschwingen“, und dass sie ihr ganz persönliches „Menschsein“ in die Geschichte dieser Karmeliterinnen einbringen. Hat Poulenc mit den „Dialogues des Carmélites“ doch die im Opernbetrieb seltene Chance eröffnet, dass sich Sängerinnen in dieser „Schwesternschaft“ ohne liebe- oder eifersuchtgetriggerte tenorale oder baritonale „Nachstellungen“ künstlerisch verwirklichen können.

In der aktuellen Serie – berichtet wird von der vierten und letzten Aufführung – stellte sich mit Olga Kulchynska eine neue Blanche dem Staatsopernpublikum vor. Kulchynska hat unlängst erst die Marguerite am Haus gesungen. Was dort von Vorteil, geriet mir für die Blanche ein bisschen zum Nachteil: ihr leicht kristalliner Sopran hätte ein Quentchen mehr an warmgefühlter Grundierung vertragen, um den komplexen Figurencharakter charismatischer abzurunden. Diese Blanche zeichnete – wie eigentlich die ganze Aufführung – mehr die Oberfläche nach, ohne sich auf die existentiellen Abgründe wirklich einzulassen.

Besonders spürbar wurde dieser Sachverhalt im ersten Akt bei der Sterbeszene der Priorin, die sich in der Ausführung von Sylvie Brunet-Grupposo gesanglich und darstellerisch nicht so intensiv gestaltete, dass sie einem dabei „Ehr-Furcht“ im wahrsten Sinne des Wortes eingeflößt hätte. Gerade im Konvent ist das auch eine Sache der „inneren Haltung“, die nach meinem Eindruck etwa Julie Boulianne als Mère Marie sehr gut vermittelt hat. Wie ein Sonnenstrahl belebte Maria Nazarova als Schwester Constanze schon bei ihrem ersten quirligen Auftritt die Szene: Hier war sie endlich gefunden, die ideale Übereinstimmung mit dem Figurencharakter. Sie, so wie Maria Motolygina als Madamee Lidoine, stammten noch aus der Premierenbesetzung.

Bogdan Volkov war mir mit seinem Tenor eine Spur zu lyrisch, wenn auch sicher unterwegs; Michael Kraus gab wie in der Premiere einen etwas rauhstimmigen Marquis.Von den weiteren Herren sind besonders der sehr gut artikulierende Jörg Schneider in der kurzen Rolle des Beichtvaters zu erwähnen, der zusammen mit Simon Strazdas – in der noch viel kürzeren Rolle als 2. Kommisar angesetzt – positiv herausstach.

Der britische Dirigent Robin Ticciati gab mit dieser „Dialogues des Carmélites“-Serie sein Hausdebüt an der Wiener Staatsoper. Das Ergebnis blieb mehr Stückwerk, im Klang substantiell, aber etwas glatt, in der Ausformulierung zwar differenziert, aber etwas lautstark am Effekt orientiert und emotional etwas kühl und gleichförmig. In diesem Sinne mehr „technisch“ gedacht, als mit feinsinnigerem Gespür aus dem Dialog und den damit verbundenen Seelenregungen der Protagonistinnen entwickelt. Im Finale spürte ich das Messer der Guillotine zu wenig im eigenen Genick.

Das Publikum war sehr touristisch ausgerichtet. Die Besucherreihen am zuerst überraschend gut gefüllten Galeriestehplatz begannen sich bereits vor der Pause erheblich zu lichten. Der Schlussapplaus brachte es auf eine Länge von rund sechs bis sieben Minuten.