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THE SAILMAKER'S WIFE
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The Crane - Kaoko
Amano |
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„Märchenparabel“
(Dominik Troger) Die Musiktheatertage Wien luden ins MuTh zu einer Uraufführung. Die Kammeroper „The Sailmaker’s Wife“ von Kristin Norderval stand auf dem Programm: eine knapp neunzig Minuten lange „Märchenparabel“. Die
Etikettierung als „Oper“ ist heutzutage fast schon auffällig, weil
überall die Eintagsfliege „Performance“ Einzug hält. Das lässt
sich auch am aktuellen Programm der Musiktheatertage ablesen, die heuer
bereits zum zehnten Mal stattfinden. Mit „The Sailmaker’s Wife“ stand aber eindeutig ein als „Oper“ verortetes Werk auf dem Programm: sogar „Eine Faust’sche Öko-Oper“, wie der Untertitel in der Programmvorschau ankündigte. Das Interesse war also geweckt – und dass der Veranstaltungsort innenstadtnah liegt, mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut zu erreichen ist, und dem Publikum ein modernes, bequemes Ambiente bietet, hat dem Besuch keine zusätzlichen Einwände vorgeschoben. „The Sailmaker’s Wife“ basiert auf einem Libretto von Julian Crouch. Crouch ist kein unbekannter in der internationalen Musiktheaterszene (und einen Österreichischen Musiktheaterpreis hat er auch schon eingeheimst). Jedenfalls weiß man im englischen Sprachraum noch, wie man gute Theaterstücke baut. (Und wer mutmaßt, dass sich Crouch ein bisschen bei Bertolt Brecht umgesehen haben könnte, wird wahrscheinlich nicht fehlgehen.) Die Basis für „The Sailmaker’s Wife“ bietet ein japanisches Märchen, das vom Librettisten um Aspekte wie Öko-Bewusstsein und Kapitalismuskritik erweitert wurde: Ein armer Segelmacher rettet einem verwundeten Kranich das Leben. Als Dank verwandelt sich der Kranich in eine Frau und wird seine Partnerin. Die „Kranich-Frau“ kann besonders haltbare Segel herstellen. Beide werden dadurch reich. Doch der Reichtum ist flüchtig – und mit jedem Segel, das die Frau herstellt, schwindet ihre Lebenskraft. Als ihr Mann außerdem das Versprechen bricht, nicht ihr Zimmer zu betreten, während sie an einem Segel arbeitet, verwandelt sie sich in einen Kranich zurück. Und
wo verstecken sich Faust, Ökologie und Kapitalismuskritik? Das Geld,
das mit den Segeln verdient werden kann, weckt nach und nach die
Gier des Segelmachers – aber ist darin etwas „Faustisches“ zu sehen? Beim Fischer („The Captain“) zeigen sich deutlich kapitalistische Tendenzen, weil er dank der reißfesten Segel der „Kranich-Frau“ zum
Großunternehmer wird und schließlich alle anderen
Fischer beschäftigt. Außerdem ist von einer Segeltuchfabrik die Rede,
zu der der Segelmacher in Konkurrenz steht. Im Hintergrund liefen ohne
rechten Bezug
zum Ganzen S/W-Videos mit Aufnahmen von der norwegischen
Erdölindustrie. Ein
formaler Bezugspunkt für „The Sailmaker’s Wife“ ist Igor Strawinskys
„Geschichte vom Soldaten“ (wie auch die kurze Einführung auf dem
Programmzettel erwähnt). Wie dort führt auch hier ein Erzähler durch
die Handlung. Auch Benjamin Brittens „Church Parabels“ könnten als
Anknüpfungspunkt dienen – und der Erzähler hatte auch so ein
Britten’sches „Melos“. Die Musik, die „The Sailmaker’s Wife“ zur Oper macht, stammt von der norwegisch-amerikanischen Komponistin Kristin Norderval.
Die Komposition ist stark textbezogen und schöpft aus dem
kompositorischen Fundus zeitgenössischer Klassik. Sie setzt
elektronische
Verfremdungsmöglichkeiten ein, spannt den Bogen vom Geräusch bis zu
Abschnitten minimalistischer Repetivität. Die Sängerin der Frau trägt
fingerringähnliche Steuerungselemente, mit denen sie ihren Gesang
elektronisch selbst verfremden kann, um dadurch auf das musikalische
Ergebnis Einfluss zu nehmen. Interessant
ist, wie Norderval mit den Wiederholungen umgeht, die die Handlung
vorgibt: Die Frau fertig insgesamt drei Segel an, zweimal sucht ihr
Mann den Markt auf, um das frisch gefertigte Segel zu verkaufen. Beim
Marktgeschehen mischen auch die Mitglieder des Ensembles mit und
preisen lautstark Fisch, Honig oder was auch immer an. Das ist
zuerst originell, beim zweiten Durchgang aber schon etwas redundant. Spannender
war das Segelmachen gelöst: Die Frau des Segelmachers webt insgesamt
drei Segel. Norderval illustriert das Segelmachen und stellt
musikalisch auch den damit einhergehenden Selbstzerstörungsprozess der
Frau nach. Schließlich verwebt die Frau in den Segeln symbolisch ihre
eigene Lebensenergie. Das dritte Segel gelingt ihr nur mehr unter
höchster Anstrengung. Die Musik zeichnet diese Entwicklung im Effekt
gut nach, verliert von Segelfertigung zu Segelfertigung an „Struktur“,
wird zunehmend „chaotischer“. Insgesamt kamen zum Einsatz: Saxophon
und Bassklarinette (auch mit Jazzanleihen), zweimal
Schlagwerk, Violine und Cello – und Celli sind ja oft fürs „Gemüt“
zuständig, was die Moderne sinnlich abfedert. Die Inszenierung von Theresa Jarczyk
war mit einfachen Mitteln gefertigt, die Videos waren sozusagen die
Kulisse. Die
Frau begab sich zum Segelmachen hinter einen Vorhang. Die
Personenführung folgte klar der Erzählung, etwas stilisiert, schlicht.
Die Kostüme waren einfach gehalten, für die Segelmacherin so ein Anflug
von weißem Kimono. Die Ensemblemusiker des Studio Dan waren auf der
Bühne platziert, beim Marktgeschehen mischten sie als Ausrufer mit. Vor allem in der Figur der Frau ist der emotionale Gehalt der Oper begründet, den Kaoko Amano,
die Sängerin der Partie, auch einfühlsam zur Geltung brachte. Im
Gegensatz zu den männlichen Protagonisten war ihre Partie
ausgezierter gefertigt, anteilnehmender. Steven Scheschareg gab den geradlinig-naiven Segelmacher, den die Gier packt; Andreas Jankowitsch zog als nüchterner Erzähler die Fäden. Schlagwerker Raphael Meinhart steuerte einen kleinen gesangliche Solopart („The Captain“) bei und gab
als solcher den kapitalistischen Fischer. Der Saal des MuTh war
schätzungsweise zu drei Viertel gefüllt. Es gab natürlich viel Applaus
nachher und die Komponistin kam selbst auf die Bühne. Fazit:
Von der dramaturgischen Anlage gut gebaut, die Märchenhandlung
funktioniert. Die gesellschaftskritische Parabel wirkt etwas
aufgesetzt. Die Komposition ist ausreichend werkdienlich. Die
Spieldauer von an die neunzig Minuten ist etwas „überdehnt“. Folgevorstellungen waren keine angesetzt. |