THE SAILMAKER'S WIFE
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MuTh
17.9. 2026
Uraufführung
Produktion von Kristine Norderval in Koproduktion mit Studio Dan mit Musiktheatertage Wien in Kooperation mit MuTH

Künstlerische Leitung: Kristin Nordeval

Regie: Theresa Jarczyk
Videographie: Ivar Smedstad
Licht: Kaja Lund

Ensemble: Studio Dan

The Crane - Kaoko Amano
The Sailmaker -
Steven Scheschareg
Narrator - Andreas Jankowitsch
The Captain - Raphael Meinhart

Märchenparabel
(Dominik Troger)

Die Musiktheatertage Wien luden ins MuTh zu einer Uraufführung. Die Kammeroper „The Sailmaker’s Wife“ von Kristin Norderval stand auf dem Programm: eine knapp neunzig Minuten lange „Märchenparabel“.

Die Etikettierung als „Oper“ ist heutzutage fast schon auffällig, weil überall die  Eintagsfliege „Performance“ Einzug hält. Das lässt sich auch am aktuellen Programm der Musiktheatertage ablesen, die heuer bereits zum zehnten Mal stattfinden.

Mit „The Sailmaker’s Wife“ stand aber eindeutig ein als „Oper“ verortetes Werk auf dem Programm: sogar „Eine Faust’sche Öko-Oper“, wie der Untertitel in der Programmvorschau ankündigte. Das Interesse war also geweckt – und dass der Veranstaltungsort innenstadtnah liegt, mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut zu erreichen ist, und dem Publikum ein modernes, bequemes Ambiente bietet, hat dem Besuch keine zusätzlichen Einwände vorgeschoben.

„The Sailmaker’s Wife“ basiert auf einem Libretto von Julian Crouch. Crouch ist kein unbekannter in der internationalen Musiktheaterszene (und einen Österreichischen Musiktheaterpreis hat er auch schon eingeheimst). Jedenfalls weiß man im englischen Sprachraum noch, wie man gute Theaterstücke baut. (Und wer mutmaßt, dass sich Crouch ein bisschen bei Bertolt Brecht umgesehen haben könnte, wird wahrscheinlich nicht fehlgehen.)

Die Basis für „The Sailmaker’s Wife“ bietet ein japanisches Märchen, das vom Librettisten um Aspekte wie Öko-Bewusstsein und Kapitalismuskritik erweitert wurde: Ein armer Segelmacher rettet einem verwundeten Kranich das Leben. Als Dank verwandelt sich der Kranich in eine Frau und wird seine Partnerin. Die „Kranich-Frau“ kann besonders haltbare Segel herstellen. Beide werden dadurch reich. Doch der Reichtum ist flüchtig – und mit jedem Segel, das die Frau herstellt, schwindet ihre Lebenskraft. Als ihr Mann außerdem das Versprechen bricht, nicht ihr Zimmer zu betreten, während sie an einem Segel arbeitet, verwandelt sie sich in einen Kranich zurück.

Und wo verstecken sich Faust, Ökologie und Kapitalismuskritik? Das Geld, das mit den Segeln verdient  werden kann, weckt nach und nach die Gier des Segelmachers aber ist darin etwasFaustisches zu sehen? Beim Fischer („The Captain“) zeigen sich deutlich kapitalistische Tendenzen, weil er dank der reißfesten Segel der „Kranich-Frau“ zum Großunternehmer wird und schließlich alle anderen Fischer beschäftigt. Außerdem ist von einer Segeltuchfabrik die Rede, zu der der Segelmacher in Konkurrenz steht. Im Hintergrund liefen ohne rechten Bezug zum Ganzen S/W-Videos mit Aufnahmen von der norwegischen Erdölindustrie.

Ein formaler Bezugspunkt für „The Sailmaker’s Wife“ ist Igor Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ (wie auch die kurze Einführung auf dem Programmzettel erwähnt). Wie dort führt auch hier ein Erzähler durch die Handlung. Auch Benjamin Brittens Church Parabels“ könnten als Anknüpfungspunkt dienen – und der Erzähler hatte auch so ein Britten’sches „Melos“.

Die Musik, die „The Sailmaker’s Wife“ zur Oper macht, stammt von der norwegisch-amerikanischen Komponistin Kristin Norderval. Die Komposition ist stark textbezogen und schöpft aus dem kompositorischen Fundus zeitgenössischer Klassik. Sie setzt elektronische Verfremdungsmöglichkeiten ein, spannt den Bogen vom Geräusch bis zu Abschnitten minimalistischer Repetivität. Die Sängerin der Frau trägt fingerringähnliche Steuerungselemente, mit denen sie ihren Gesang elektronisch selbst verfremden kann, um dadurch auf das musikalische Ergebnis Einfluss zu nehmen.

Interessant ist, wie Norderval mit den Wiederholungen umgeht, die die Handlung vorgibt: Die Frau fertig insgesamt drei Segel an, zweimal sucht ihr Mann den Markt auf, um das frisch gefertigte Segel zu verkaufen. Beim Marktgeschehen mischen auch die Mitglieder des Ensembles mit und preisen lautstark Fisch, Honig oder was auch immer an. Das ist zuerst originell, beim zweiten Durchgang aber schon etwas redundant.

Spannender war das Segelmachen gelöst: Die Frau des Segelmachers webt insgesamt drei Segel. Norderval illustriert das Segelmachen und stellt musikalisch auch den damit einhergehenden Selbstzerstörungsprozess der Frau nach. Schließlich verwebt die Frau in den Segeln symbolisch ihre eigene Lebensenergie. Das dritte Segel gelingt ihr nur mehr unter höchster Anstrengung. Die Musik zeichnet diese Entwicklung im Effekt gut nach, verliert von Segelfertigung zu Segelfertigung an „Struktur“, wird zunehmend „chaotischer“. Insgesamt kamen zum Einsatz: Saxophon und Bassklarinette (auch mit Jazzanleihen), zweimal Schlagwerk, Violine und Cello und Celli sind ja oft fürs „Gemüt“ zuständig, was die Moderne sinnlich abfedert.

Die Inszenierung von Theresa Jarczyk war mit einfachen Mitteln gefertigt, die Videos waren sozusagen die Kulisse. Die Frau begab sich zum Segelmachen hinter einen Vorhang. Die Personenführung folgte klar der Erzählung, etwas stilisiert, schlicht. Die Kostüme waren einfach gehalten, für die Segelmacherin so ein Anflug von weißem Kimono. Die Ensemblemusiker des Studio Dan waren auf der Bühne platziert, beim Marktgeschehen mischten sie als Ausrufer mit.

Vor allem in der Figur der Frau ist der emotionale Gehalt der Oper begründet, den Kaoko Amano, die Sängerin der Partie, auch einfühlsam zur Geltung brachte. Im Gegensatz zu den männlichen Protagonisten war ihre Partie ausgezierter gefertigt, anteilnehmender. Steven Scheschareg gab den geradlinig-naiven Segelmacher, den die Gier packt; Andreas Jankowitsch zog als nüchterner Erzähler die Fäden. Schlagwerker Raphael Meinhart steuerte einen kleinen gesangliche Solopart („The Captain“) bei  und gab als solcher den kapitalistischen Fischer.

Der Saal des MuTh war schätzungsweise zu drei Viertel gefüllt. Es gab natürlich viel Applaus nachher und die Komponistin kam selbst auf die Bühne. Fazit: Von der dramaturgischen Anlage gut gebaut, die Märchenhandlung funktioniert. Die gesellschaftskritische Parabel wirkt etwas aufgesetzt. Die Komposition ist ausreichend werkdienlich. Die Spieldauer von an die neunzig Minuten ist etwas „überdehnt“. Folgevorstellungen waren keine angesetzt.